Neues Jahrbuch:Fund-Stücke

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Das neue Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte will das Feld zwischen Philosophie, Geschichte und Soziologie beackern. Altphilologen werden darin nun ebenso fündig wie Historiker und außerdem Literaturwissenschaftler.

Von Rudolf Neumaier

Eine neue geisteswissenschaftliche Zeitschrift ist herausgekommen. Und sie ist tatsächlich, man möchte es in der Digitalisierungszeit kaum glauben, gedruckt und gebunden. Überraschend ist zudem, dass sich dem Heidelberger Universitätsverlag Winter und den Urhebern auf dem mannigfach beackerten Feld zwischen Philosophie, Geschichte und Soziologie überhaupt noch eine thematische Furche auftat, die sie für breit genug halten, um sie Jahr für Jahr zu bestellen. Das Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte, es wird abgekürzt JBB, hat eine interessante Aufgabe: Es soll eine "Brücke zwischen bibliothekarischer Praxis und kulturwissenschaftlicher Mediengeschichte" schlagen, wie die Herausgeber Uwe Jochum, Bernhard Lübbers, Armin Schlechter und Bettina Wagner schreiben.

Der Auftaktband gestaltet sich als Forum für Suchende und Forschende aus diversen Fachrichtungen. Altphilologen werden darin ebenso fündig wie Historiker und Literaturwissenschaftler. Das Jahrbuch ist unterteilt in Aufsätze, Essays und Fundberichte. Die Vielfalt manifestiert sich in Themen wie "Griechisch-römische Doppelbibliotheken", wo mit schriftlichen Quellen die Bibliotheken des antiken Rom durchschritten werden, über eine "Fuggerzeitung" aus dem 16. Jahrhundert als Trouvaille bis hin zu einem unbekannten Brief Clemens Brentanos aus dem Jahr 1806.

Büchersammlungen galten als Statussymbole des Adels

Der Historiker Alois Schmid erinnert in seinem Aufsatz über den Stand der Bibliotheksforschung und ihre Perspektiven an die frühere Bedeutung dieser Einrichtungen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, bei den Bauernkriegen, galten Büchersammlungen als Statussymbole des verhassten Adels - und wurden oft geplündert. Später waren sie im Dreißigjährigen Krieg bei manchem Kombattanten nahezu so begehrt wie Territorien: Der katholische Herzog und spätere Kurfürst Maximilian von Bayern packte, als seine Truppen in Heidelberg einmarschierten, dort als Erstes die Ottheinrich-Bibel ein. Allein mit diesem Kunstwerk ließen sich ganze Episoden an Buchgeschichte erzählen - der Schwede Gustav Adolf nahm es den Bayern schnell ab, als er 1632 München einnahm. Dort ist es nach vielen Umwegen wieder gelandet.

Nicht alle Bücher sind so umkämpft wie die Ottheinrich-Bibel. Doch ihrer Natur nach wirken die meisten beständiger als das Medium Elektronik, denn sie sind dauerhaft greifbar, reell und nicht nur virtuell in der Welt. Das große Datenverklicken spießt der Luzerner Mediävist Valentin Groebner in seinem medienzeitgeschichtlichen Essay über "Lesen, Schreiben und Verschwinden in der elektrifizierten Gelehrtenrepublik" genüsslich auf. Von den besten 104 Websites, die sich vor zehn Jahren dem Mittelalter widmeten, seien nun mehr als die Hälfte eingeschlafen: "Error 404. Site not found", erscheint auf der einst preisgekrönten Homepage pastperfect.at. Man klickt darüber hinweg, im Internet ist das üblich.

Error 404? Bei einem gedruckten Periodikum hieße das, uns ist die Luft ausgegangen. Und das wäre greifbar peinlich. Wie die JBB-Herausgeber verlauten lassen, haben sich für ihre zweite Ausgabe schon wieder reichlich Fundstücke angesammelt.

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