Neues Buch zur Pubertät Eigentlich wollten wir erwachsen werden

Als Kind gehen sie zu Bett und als Triebwesen wachen sie auf: Wenn Eltern die Kontrolle über ihre Kinder an die Natur verlieren, hilft ihnen vielleicht ein neues Buch über Pubertät. Neue Antworten auf alte Fragen.

Von Kathrin Kommerell

Da mussten wir alle durch: Ob Stimmbruch und feuchte Träume, ob Schamhaare und das Warten auf die erste Regel. Durch Komplexe und Selbstüberschätzung, durch die Distanz zu den Eltern und die ersten Berührungen, durch geistige Großentdeckungen und durchs Wegdröhnen. Erwachsenwerden war das Ziel.

Bauchfrei mit Stringtanga und Tattoo: Der erotische Wettbewerb in der Pubertät ist gnadenlos.

(Foto: Foto: ahed)

Seit wir erwachsen sind, wollen wir an diese Zeit nur bloß nicht erinnert werden. Die Pubertät ist uns im Rückblick die erschütterungsreiche Übergangsphase, mit der wir uns biographisch nur vom Ziel her versöhnen können. Doch begegnet sie uns in Form pubertierender Kinder wieder, kapieren wir wieder nichts: Diese Dauerkrise zwischen 12 und 17!

Was können Eltern bloß tun? Nichts. Die zehn besten Tipps? Das neue Buch von Barbara Sichtermann wischt falsche Hoffnungen vom Tisch. Gegen die Pubertät können Eltern nichts machen, außer: verstehen, verstehen, verstehen.

Die animalischen Seiten des Frühlingserwachens

Um dem Verständnis nachzuhelfen, hat die Autorin schon vor fünf Jahren ein Ratgeber-Taschenbuch vorgelegt. Aus der Beschäftigung mit dem Thema ist nun ein Grundlagenbuch entstanden, das mit einem Ratgeber nichts mehr zu tun hat. Es öffnet eine für alle Beteiligten problematische Entwicklungsphase des Menschen einem wohlwollenden und aufmerksamen Verständnis. Sichtermanns Erklärungsschlüssel ist die Sexualität. Und die grenzt die Pubertät eindeutig ab: Als Kind gehen sie zu Bett und als Triebwesen wachen sie auf.

Die Kindheit ist verloren, wenn die Sexualität als Zumutung, als "Himmelsmacht und Teufelswerk" über die körperliche und geistig-seelische Integrität des Kindes hereinbricht und sein sozial-moralisches Weltverständnis zerstört. Der Bedeutung dieses Verlusts setzt Sichtermann kaum Grenzen. Fortan befindet sich der Heranwachsende auf einer Baustelle, auf der alle Gerüste seines Lebens eingerissen und erst langsam wieder aufgebaut werden.

Wo Sexualität als Glücksversprechen schon in der Erwachsenenwelt eine Illusion ist, erleben die Jugendlichen sie als Zerstörungswerk. Denn über die animalischen Seiten des "Frühlingserwachens" herrscht in unserer aufgeklärten Gesellschaft meist Schweigen, was die Jugendlichen umso ungeschützter damit konfrontiert. Zwischen Scham, Ausprobieren und dem Leben in Schutzzonen - der Popidole, im Sport oder gar in den Konsumwelten der Selbstinszenierung - muss ein junger Mensch den Sexus körperlich und geistig in sein Leben einbauen: ein Albtraum.

Ein öffentlicher Kampf

Zu allem Übel ist Pubertät keine Privatsache, sie ist ein öffentlicher Kampf. Ausführlich beschreibt die Autorin die Folgen für die Geschlechter: Die Kapitel über die verfrühte Sexualisierung der Mädchen ist Sichtermann ein großes Anliegen. Für die Mädchen ist ihre Pubertät ein Wettbewerb um erotische Attraktivität, alles ist auf einen potentiellen Partner ausgerichtet.

Jungen bleibt mehr Spielraum: Ob beim Sport oder auf dem Schulhof - sie entwickeln ihre Männlichkeit erst in der Brüderhorde. Die Geschlechtsgenossen sind es, die männliche Identität definieren. Spannend ist die Überlegung, dass sich dadurch auch männliche Sexualität nur schwer aus dem Bannkreis von Herrschaft und Abwertung des anderen Geschlechts löst. Das erotische Erleben von Jungen darf nicht wie das der Mädchen der Natur folgen.

Die Natur! Sichtermanns biologistischer Fatalismus ist gewöhnungsbedürftig, manchmal auch ärgerlich, wenn sie allzu lässig Ursache und Wirkung vertauscht. Doch hat man das monokausale Erklärungsmodell von der Sexualität erst mal geschluckt und blickt über argumentative Bequemlichkeiten hinweg, dann ergeben sich aus dieser zugespitzten Sicht interessante Antworten auf alte Fragen: Wie ist das mit der Gewalt, mit dem Rausch, den Grenzerfahrungen? Welche Rolle spielen Peer-Gruppe, Schule und Eltern?

Gütige Vernachlässigung

Ein großes Verständnis für die Innenwelt der Jugendlichen stellt sich ein. Leichter haben es Eltern, die geschehen lassen können, was Sichtermann mit dem "Erlkönig" erklärt: dass die Natur uns mit Beginn der Pubertät die Kinder fortnimmt.

Und dann hilft ihnen nur noch, was sie in der Latenz an geistiger und seelischer Kapazität gewinnen konnten. Unter den wenigen Handlungsoptionen der Eltern ist die Idee des benign neglect - der gütigen Vernachlässigung - die wichtigste: geduldiges Respektieren, Sichheraushalten, wenig Kontrolle. Vertrauensvoll bleiben, trotz der extremen Verhaltensweisen Pubertierender. Dabei plädiert Sichtermann auch für den Mut, kämpferisch einzuschreiten, wo Kinder in Mager-, Drogensucht oder Kriminalität abdriften. Aber nur dann.

So bleibt, trotz des Blicks auf die Pubertät als Katastrophe, ein Grundton von Gelassenheit und Souveränität. Schließlich schont uns die Natur, wie die Autorin betont: Es gibt Insektenarten, die die Geschlechtsreife gar das Leben kostet. Wir haben es überlebt.

BARBARA SICHTERMANN: Pubertät. Not und Versprechen. Beltz Verlag, Weinheim 2007. 268 Seiten. 17,90 Euro.