Neues Buch von "The Circle"-Autor Eggers:Guantanamo eines Moralapostels

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Neues Buch von "The Circle"-Autor Eggers: Mit seinem neuen Buch hat sich der amerikanische Autor Dave Eggers so etwas wie ein narratives Privat-Guantanamo geschaffen. (Im Bild: Ein Sonnenaufgang über Guantanamo Bay)

Mit seinem neuen Buch hat sich der amerikanische Autor Dave Eggers so etwas wie ein narratives Privat-Guantanamo geschaffen. (Im Bild: Ein Sonnenaufgang über Guantanamo Bay)

(Foto: AP)

Ein junger Mann hält mehrere Personen gefangen, darunter seine eigene Mutter. Und alles nur, damit er ihnen erklären kann, was alles nicht stimmt mit dieser Welt. Wie viel Dave Eggers steckt in seinem neuen Roman?

Von Christopher Schmidt

Wenn ein Buch mit der Klage darüber beginnt, dass Astronauten heute nicht mehr zum Mond fliegen, dann ist dieses Buch entweder eines für Leute, die sich nach Allmachtsgefühlen sehnen, oder für solche, die sich das naive Gemüt eines Kindes bewahrt haben, oder für Amerikaner, also ausgemachte Patrioten. Bei Dave Eggers, der schon ein Buch über Max, ein Kind, das zum König wird ("Bei den wilden Kerlen", 2009), geschrieben hat, eines über einen Durchschnittsamerikaner, der nicht verstehen kann, warum sein Land nicht mehr Weltspitze ist ("Ein Hologramm für den König", 2013), und eines über die gottgleiche Macht der Internet-Konzerne ("Der Circle", 2014), kommen all diese drei Zuschreibungen in einer einzigen Person zur Deckung.

Mit dem zuletzt genannten Megaseller ist Eggers zur Lichtgestalt aufgestiegen, zum Evangelisten der Internetkritik und zu einem Menschenfischer mit einer planetarischen Lesergemeinde. Und leider auch zu einem fürchterlichen Moralapostel. Diese Entwicklung hat sich offenbar vorbereitet in einem Buch, das den ebenso komplizierten wie pathetischen, ein Bibelwort zitierenden Titel "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" trägt. Dass Eggers schon vor "Der Circle" daran gearbeitet hat und es sich bei dem neuen, nun erschienenen Buch eher um ein nachgereichtes Nebenwerk handelt, ist bereits das Beste, was man zu dessen Verteidigung vorbringen kann.

Zunächst einmal ist zu sagen, dass man es hier mit einem merkwürdigen Wechselbalg zu tun hat. Das Buch besteht ausschließlich aus Dialogen, will aber kein Theaterstück sein, sondern nennt sich Roman. Wer aber die direkte Rede als durchgängige Form wählt, will Nähe zu den Figuren herstellen, nicht die Distanz einer objektivierenden Instanz, die ja auch dann, wenn der Erzähler kein allwissender, sondern ein subjektiver ist, niemals identisch ist mit dem Autor. Und er will, dass sich die Figuren, anders als in der Epik, nicht in Situationen bewähren, sondern im Gespräch miteinander. Diese Konfrontation übernimmt im Drama dieselbe Aufgabe, die im Roman die Erzählerstimme erfüllt, nämlich die, konkurrierende Wahrheitsansprüche zu relativieren.

Bei Widerworten drohen Elektroschocks

Gerade in Amerika haben große Dramatiker wie Tennessee Williams oder Eugene O'Neill vorgemacht, wie lange, nervenaufreibende Rededuelle letztlich zu einer Läuterung führen. Zu diesem kathartischen Effekt kann es bei Eggers gar nicht erst kommen, weil es seine Figuren immer nur mit ein- und derselben Person zu tun haben, dem 34-jährigen Thomas, der jedoch die Unterhaltung stets abbricht, sobald er argumentativ in die Defensive gerät.

Technisch gesehen wird ihm dies dadurch erleichtert, dass er seine sechs Gesprächspartner an den Stützpfeilern verschiedener, durchnummerierter Baracken eines aufgegebenen Militärstützpunkts in der Nähe des kalifornischen Monterey festgekettet hat. Außerdem droht er ihnen bei mangelndem Wohlverhalten oder Widerworten mit Elektroschocks.

Diese sechs Personen sind Geiseln, nicht nur des Protagonisten, sondern auch des Autors, der hier Verhöre führt. Denn man muss Eggers Versuchsaufbau als eine Strategie verstehen, die objektivierenden Faktoren beider Gattungen, Roman und Drama, gleichermaßen auszuhebeln. Die quasi-dokumentarische Direktheit entpuppt sich als das genaue Gegenteil: die totale Kontrolle eines Marionettenspielers. Und der scheinbar unsichtbare Autor hat hier in Wahrheit seine Machtfülle verabsolutiert.

Mit diesem Buch hat sich Dave Eggers so etwas wie ein narratives Privat-Guantanamo geschaffen, abgeriegelt gegen alle Einwürfe und Fragen, einen Hochsicherheitstrakt nicht des Erzählens, vielmehr der einsamen Rechthaberei.

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