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Neues auf Pariser Bühnen:Der Flug des schwarzen  Adlers

La Ménagerie de verre - Isabelle Huppert

Mutterglucke: Isabelle Huppert als Amanda Wingfield mit Justine Bachelet als Tochter in "Die Glasmenagerie“. Regie: Ivo van Hove.

(Foto: Jan Versweyveld)

Dreimal Theaterglück: Alain Françon belebt Peter Handkes "Die Unschuldigen", Yasmina Reza inszeniert ihren Monolog "Anne-Marie die Schönheit", und Isabelle Huppert brilliert in Tennesse Williams' Stück "Die Glasmenagerie".

Von Joseph Hanimann

Nach der misslungenen Uraufführung durch Claus Peymann am Wiener Burgtheater und der abgesagten Produktion am Münchner Residenztheater lag Peter Handkes Stück "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" brach. Hat dieser Autor seine Regisseure überlebt? In Frankreich bietet sich nach Luc Bondy und dem im Dezember gestorbenen Claude Régy noch Alain Françon an, ein Meister der feinen Gestirnbewegung im Empfindungskosmos des modernen Individuums. Vor fünf Jahren hat er Handkes "Immer noch Sturm" auf Französisch herausgebracht. Am Pariser Théâtre National de la Colline beschert er den "Unschuldigen" nun eine schöne Wiedergeburt. Handke hat sein Stück laut Programmheft selber ins Französische übersetzt.

Für die ausufernd sperrigen Weltdeklarationstiraden des späten Handke ist in Françons konkretem Sprech- und Handlungstheater wenig Platz. Das "Na, so was!" - "Ça alors!" - des erzählenden "Ich" am Stückbeginn ist bei ihm nicht gesungenes, herausgeschmettertes oder gekrächztes Selbstzitat, sondern aufrichtiges Staunen eines zwar nicht zur Ruhe gekommenen, aber immerhin sesshaft gewordenen Landstreichers. Ein Staunen darüber, dass auch im Niemandsland seines Straßenstücks der Frühling wiederkehrt. Gilles Privat spielt diesen Mann leichten Schrittes als quirligen Einsiedler, der wortselig seine Wünsche und Flüche um sich tanzen lässt. Die Landschaft ringsherum (Bühnenbild: Jacques Gabel) ist ein flaches Gebiet mit unscharfen Konturen unter nassgrauem Himmel, wie von Gerhard Richter gemalt. Die zunächst einzeln, dann gruppenweise ins weltlose Hier hereinschneienden "Unschuldigen" scheinen mit ihrem kommunikativ vernetzten und doch autistischen Händeringen, Herumhüpfen, Sich-auf-dem-Boden-Wälzen oder In-den-Himmel-Starren entfernte Wiedergänger der Passanten aus Handkes "Stunde da wir nichts voneinander wussten" zu sein: Sommerfrischler, Herbsturlauber, Nomaden, Migranten mit Rollgepäck.

Zwischen Freundschaft und Feindschaft bleibt uns die Nachbarschaft als letzte Religion, heißt es bei Handke

Diesen vom Ich-Erzähler bald herbeigewünschten, bald böse verwünschten Partnern des Grüßens und Gegrüßtwerdens kommt in Handkes Stück eine "Unbekannte" entgegen. Dominique Valadié spielt sie mit wirrem Haar und zerknittertem Trenchcoat aber nicht als Gegenfigur. Statt Seherin unter Blinden ist sie eher Halbblinde unter Halbblinden. Alles, was bei Handke schroff aufeinandertrifft, wird bei Françon verflüssigt. Zwischen Freundschaft und Feindschaft bleibe uns die Nachbarschaft als letzte Religion, sagt einer. Doch selbst das sarkastische Kichern im Text über diese Restutopie klingt hier nur halb so schlimm. Und wenn gegen Ende über der Landstraße der Himmel sich verfinstert, nimmt das Asphalt-Schwarz die ganze namenlose Gesellschaft in sich auf wie ein dunkel fließender Acheron, der keine Namen mehr braucht und keine zwei Ufer mehr trennt.

Eigennamen schwirren im anderen Saal des Pariser Colline-Theaters durcheinander. Yasmina Reza hat dort ihr Monologstück "Anne-Marie die Schönheit" inszeniert. Eine gealterte Schauspielerin, stets nur Nebendarstellerin, sitzt in ihrer Wohnung und erinnert sich im Nachglanz der gerade verstorbenen berühmten Kollegin Giselle Fayolle an frühere Zeiten. Im fingierten Interview leben die Jugendträume in der Provinz, die ersten Auftritte mit Giselle Fayolle in Paris, der Alltag mit dem einsilbigen Gatten, die Stunden mit dem heiteren Hausarzt wieder auf. "Wenn man sie am ehesten braucht, sterben die Leute weg", murrt die Dame. Sie sieht auch ihr Ende näher kommen. Die Vergangenheit wird dichter, die Gegenwart leerer.

Was beim Lesen dieses Monologs schal wirken könnte, ohne den typischen Reza-Biss, gewinnt auf der Bühne eine ganz neue Dimension. Der Schauspieler André Marcon verleiht der kratzbürstig rührenden Dame mit seinem massiven Körper eine befremdliche Zartheit. Sein Dasitzen auf dem Sofa , das Straffziehen des Unterrocks, der Griff in die Handtasche oder das Aufsetzen der Lesebrille reißen Löcher in eine Alltagsroutine, über die das sanfte Parlando der Assoziationen hinwegsprudelt. Ab und zu huschen Schattenfiguren vom schwedischen Maler Örjan Wikström über die Zimmerwand. Und wenn Anne-Marie am Ende im Aufzählen der Schauspielernamen ihrer Jugendzeit schwelgt, löst sie im schwindenden Licht sich selber in so einen Schatten auf. Yasmina Reza offenbart in diesem Stück einen geradezu zärtlichen Blick auf die Menschen.

Isabelle Huppert legt im Odéon als Amanda Wingfield einen atemraubenden Sprint hin

Wild geht es hingegen auf der Bühne des Odéon-Theaters zu. Isabelle Huppert triumphiert dort als Amanda in dem Stück "Die Glasmenagerie" von Tennessee Williams. In einem atemraubenden Sprint versucht sie, ihre weltscheue Tochter Laura auf Trab und den unsteten Sohn Tom an die Leine eines ordentlichen Familienlebens zu bringen. Diese Frau hat nichts mehr von der keifenden Furie oder vom sorgenden Hausmütterchen. Die ermahnenden Worte an Sohn und Tochter hackt sie klein wie das Suppenhuhn über dem Kochherd. Lauras potenziellen Freier wickelt sie straff ins Netz ihrer Rede. Und wenn am Ende doch alles schiefgeht, wimmert sie so lange am Boden, bis der Mut fürs Weitermachen wiederkehrt.

Der Regisseur Ivo van Hove und sein Bühnenbildner Jan Versweyveld haben die Wohnung der Wingfields in dieser hervorragenden Produktion, die im Herbst auch am Hamburger Thalia-Theater zu sehen sein wird, in ein fensterloses Untergeschoß verlegt. An den Wänden die Porträts des verschwundenen Vaters. Der Raum wirkt wie ein Stück Urwald, in dem die drei Zurückgebliebenen als Wildtiere hausen. Laura huldigt ihren Glasfigürchen im Käfig ihrer Schizophrenie und springt, wenn sie sich mal unter ihrer Wolldecke hervortraut, katzenhaft über die Anrichte der Küche. Die narrativen Einlagen in diesem "Memory Play" hat der Regisseur auf ein Minimum reduziert. Statt ihr die schließlich doch noch gelungene Flucht aus der Ferne zu erzählen, tanzt Tom mit seiner Schwester Laura am Ende zu Barbaras Lied vom "Aigle noir", dem schwarzen Adler, durch die Wohnstube. Dieses kurze Glück bleibt mit seiner tiefen Traurigkeit als großer Theatermoment in Erinnerung.

© SZ vom 11.03.2020
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