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Neues Album "We Were Here":Boy machen immer noch glücklich - aber

Sonja Glass und Valeska Steiner von Boy.

Die Lieder von Sonja Glass und Valeska Steiner finden leicht ihren Weg ins Ohr und bleiben im Gedächtnis.

(Foto: Debora Mittelstaedt/oh)

Vier Jahre nach dem Erfolg von "Mutual Friends" veröffentlicht die Folkpop-Band Boy ihr zweites Album. Ihr Charme ist nach wie vor unwiderstehlich - und die Musik?

Von Thierry Backes

New York, das wäre es jetzt. Seit Tagen sitzt Valeska Steiner vor einem leeren Notizblock, Sonja Glass fallen keine neuen Melodien ein. Warum also nicht einfach abhauen, Inspiration tanken in der Stadt der Städte? "Wir meinten es so zehn Minuten richtig ernst, haben schon nach Flügen gesucht, aber dann doch nicht gebucht", sagt Steiner. An jenem Abend im November 2014 gehen sie stattdessen in Hamburg aus, erleben nichts und kommen am Ende doch zu einer Erkenntnis:

"And the truth is/ I was wrong when I said I was bored/ Any street that I'm walking on with you/ Anywhere with you could be New York."

"New York" heißt einer der zentralen Songs auf "We Were Here", dem zweiten Album von Boy, das an diesem Freitag erscheint. Nun muss man nicht zwingend über den Atlantik fliegen und in den Bars von Williamsburg versumpfen, um die obigen Zeilen zu dichten. Es wird aber niemand etwas Anderes als leichte Poesie über Freundschaft und Facebook von dem Hamburger Folkpop-Duo erwarten. Lieder wie die Vorab-Single "We Were Here", "Hit My Heart" oder eben "New York" finden leicht ihren Weg ins Ohr und bleiben im Gedächtnis.

Und das ist es ja, was Boy ausmacht: eingängige Melodien, stimmig arrangiert. Was das angeht, leisten Glass und Steiner akademisch präzise Arbeit. Die neun neuen Stücke wirken opulenter als die vorigen, Glass und Steiner setzen auf mehr Hall und weniger Akustik. "Wir wollten kein 'Mutual Friends II' machen", sagt Glass. Eine moderate Weiterentwicklung zum Debüt von 2011 lässt sich durchaus ausmachen, allerdings eine mit dem klaren Ziel, die eigenen Anhänger nicht zu verprellen. Was durchaus gelingt.

Zweieinhalb Jahre auf Tour, eineinhalb im Studio

Münchner Rationaltheater, Mitte Juni. Steiner und Glass haben 50 Fans und Journalisten eingeladen, das neue Album live und vorab zu hören. Sie steigen durch den Notausgang auf die Bühne, doch eigentlich kommen sie von viel weiter her: "Mutual Friends" wurde mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet, die Single "Little Numbers" auf Youtube mehr als 14 Millionen Mal angeklickt. Sie landete in einer Lufthansa-Werbung und auf dem Soundtrack des deutschen Kinofilms "Kein Sex ist auch keine Lösung", stieg im Ausland bis nach ganz oben in den Charts. Es folgten Tourneen durch Europa, Japan, die USA und Kanada. "Und auf einmal sangen die Leute in Amerika 'Drive Darling' mit", sagt Sonja Glass. "Und wir fragten uns: Woher kennt ihr die Songs?"

Zweieinhalb Jahre auf Tour, eineinhalb im Studio, nun also der erste halböffentliche Auftritt seit Langem in München. Valeska Steiner reibt sich die Hände an der Hose und blickt rüber zu ihrer Partnerin, als wolle sie ihr zuflüstern: Glaubst du, wir kriegen das hin? Und dann zupft Glass an ihrer Akustikgitarre, Steiner schließt die Augen und singt:

"Or I could follow you/ Into the wild/ You'd know your way in the woods/ You'd read the wind and find places to hide/ We'd live with the animals/ We'd play by the fire."

Genau an diesem Punkt ließe sich nun eine Liebeserklärung formulieren. Es ginge darin um Steiners bezaubernden Schweizer Akzent, wenn sie die New-York-Geschichte erzählt, um ihre noch bezauberndere Stimme und genau um jene Unsicherheit, die nicht nur sie, sondern auch Sonja Glass für einen kurzen Moment erfasst, als sie sich verspielt.

Dieser unwiderstehliche Charme von Boy findet sich auch in Songs wie "Into The Wild" wieder, dem melancholischsten und schönsten Song auf "We Were Here". Oder in den vier Akustiktracks, die als Bonus mitgeliefert werden.

Boy machen immer noch glücklich. Sie machen das Leben auch erträglicher, wenn zum Beispiel der Hund stirbt oder die beste Freundin wegzieht.

Es war und ist unfair, Boy einfach als Mädchenmusik abzustempeln, als süß und niedlich, selbst wenn Glass gesteht, dass "uns ja sehr viel mehr Mädchen als Männer verfallen". Vielleicht wünscht man sich als Mann auch nur, dass da mehr ist. Es ist nur so, dass einem nicht viel mehr zum neuen Album einfällt als: Jaaa, schon ganz nett, irgendwie. Aber irgendwie auch ganz brav.

© SZ.de/aper/dd
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