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Neues Album von Vampire Weekend:Wohliges Flirren

Die Sehnsucht der Herzen nach ihrem neuen Album war also entsprechend groß, sie ließ sich festmachen an einem wohligen Flirren, das einen ergriff, wann immer man das Wort New York in Serifenschrift gedruckt sah oder ein zerschlissenes, graues Gap-Sweatshirt in die Altkleidersammlung gab. Und die ersten Signale waren durchaus kolossal: Aufgenommen würde die Platte zum Teil auf Martha's Vineyard, jenem kleinen Hamptons-Hideout, wo die New Yorker Reichen im Sommer barfuß zum Hummeressen gehen und dabei an die Kennedys gleich um die Ecke in Hyannisport denken.

Als später das erste Video gestreut wurde, war es eine Performance von ergreifender Richtigkeit. Obwohl eigentlich zu den Klängen der Single "Diane Young" brannte da irgendwie lautlos ein Saab 900 Cabrio, dieser größte gemeinsame Nenner aller Intellektuellen, Künstler und Lohas, dieser schönste Saab aller Zeiten. Sie hatten ihn einfach angezündet und ließen ihn brennen, begleitet von einem absurden Song, in dem sich Koenig durch die Tonlagen echote wie ein kaputter Disco-Lautsprecher. Da saß alles gleichzeitig auf der Rückbank, Punk, Slack und die Urbanisten - und loderte.

Natürlich Aufschrei, natürlich beschwerten sich die Alt-Hipster und gutbürgerlichen Saab-Freunde über die Zerstörung ihres liebsten Kulturgutes, und Ezra Koenig fiel daraufhin die besten Replik ein, die man in diesem Fall geben kann: Man habe einfach ein altes Auto genommen, sorry. Das sind genau der Schalk und die Nonchalance, die lange keine Band mehr in ihrem Popverständnis transportierte, im Lied selbst findet sich dazu natürlich doch eine Textzeile: "You torched a Saab like a pile of leaves, I'd gone to find some better wheels." Der brennende Saab, die kaputte Disco, der Angriff auf diese ganze Bräsigkeit der Konsumintellektuellen - "Diane Young" ist kein großer Hit, aber es ist große Videokunst, die eines Tages in der Lobby irgendeines Museums zu sehen sein wird, vielhundertfach auf Flachbildschirmen von Samsung.

Und es wird dann nichts anderes sein als das Denkmal für den armen, weißen Mann in der Kultur, der nichts mehr zu sagen hat. Sie tragen ihn auf "Modern Vampires Of The City" in mehreren Lieder zu Grabe, wobei immer offen ist, ob die Jungs an der Grenze zu ihrem 30. Geburtstag nicht eigentlich nur sich selbst damit meinen.

Statt Weltmusik und Hula-Pop weht diesmal jedenfalls eine kirchenmusikalische Romantik durch die Instrumentierung, da ist immer wieder ein träumerisches Cembalo und sanft streichende Choräle, Zimbeln und Flöten. Koenigs neckisches Gitarrenspiel, die vertrackten Bassläufe von Chris Bajo fehlen hier völlig, aber es orgelt allerorten unwiderstehlich, besonders schön zum Beispiel im Song "Step".

Abgekochter und geradliniger war städtische Melancholie schon lange nicht mehr, Ezra besingt, bedichtet und präzisiert mit seinen nebensächlichen Beobachtungen den vagen Schmerz des Älterwerdens. Die Band wiegt sich dazu mal in einem Walzerpop, mal in süßer Kopulation mit Barockthemen. Es ist - natürlich - wieder nicht die Platte geworden, die man erwartet hatte, kein großes Sommerstück für die Hamptons, sondern etwas kränkliche und kunstvoll verdunkelte New Yorker Elegien. Es wäre schön, wenn Ezra Koenig als nächstes ein Buch mit Kurzgeschichten verfasst. Ein Buch lässt sich zwar nicht sehr gut auf der Bühne kaputt schlagen, aber es würde auch die Menschen erreichen, die leider nicht mehr an eine Weltverbesserung durch Popmusik glauben.

© SZ vom 04.05.2013/ihe

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