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Neues Album von Tarek K.I.Z:Hackfleischreste im Taschentuch

03 09 2018 xkhx Chemnitz Wir sind mehr Aufstehen gegen rechte Hetze Prohekt Chemnitzer Kultureinr

Der Berliner Rapper Tarek von K.I.Z bei einem Konzert in Chemnitz gegen Rechtsradikalismus.

(Foto: imago/Hartenfelser)

Auf seinem Solodebüt "Golem" reißt Rapper Tarek, sonst Mitglied der Großprovokateure von "K.I.Z", die Ironie-Wand ein.

Von Quentin Lichtblau

Geht es hier wirklich um Fuchur, den knuffigen Glücksdrachen aus der "Unendlichen Geschichte"? Und reitet Tarek Ebéné, sonst Mitglied der tiefschwarz-ironischen Rap-Truppe K.I.Z, auf dem Tier tatsächlich wohlig durch die Berliner Nacht? Nicht ganz. Denn das latent verkitschte Bild von Phantasia, dem bedrohten Reich der Fantasie mit seinen sprechenden Steinen und Kobolden kippt auf "Weißer Drache" bald in eine Großstadt-Dystopie. Womit dann doch wieder alles passt.

Der weiße Drache steht schließlich für Kokain, und die Dauer-Konsumenten stieren bei Tarek als selbstreferenzielle Zombies mit mahlenden Kiefern durch die Nacht, bis sie "Hackfleischreste in das Taschentuch" rotzen.

Es gibt viele solcher Bilder auf "Golem", Tareks Solo-Debüt. Die Protagonisten versuchen in der Tristesse der öffentlichen Verkehrsmittel am Morgen, den Berufsverkehr nicht mit ihrem Suizid aufzuhalten ("Ticket hier raus"). Dank MDMA fühlt sich ein wahlloser One-Night-Stand im Billighotel an wie eine Hochzeitsnacht ("Kaputt wie ich"). Und auch sonst ist vieles sinnlos, verfault und auch: aufrichtig traurig. Die Bilder haben noch den K.I.Z-eigenen Wortwitz. Trotzdem merkt man: Hier hat einer die Ironie-Wand abgerissen. Ein großer Schritt.

Der Tod des Vaters und das Bewusstsein für die Endlichkeit haben ihn beeinflusst

Mit Blick auf die über zehnjährige Karriere mit K.I.Z aber auch konsequent. Ende der zweiten Hälfte der Nullerjahre hatte die Band auf dem Berliner Label Royal Bunker Records noch mit "menschenverachtender Untergrundmusik" (Zitat Tarek auf dem Song "Geld essen") von sich reden gemacht. Ironisch gebrochenen zwar meistens, die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks lagen aber doch oft einige Meter hinter ihnen. Dann wandelte man sich über die Jahre: Immer etwas weniger Penis-Jugendhumor, weniger Battle - und dafür immer mehr intelligent-überdrehte Auseinandersetzung mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Mit ihren splatterhaften Gewaltfantasien rückte die Band nicht mehr anderen Rappern zu Leibe, sondern Nazis. 2011 führte sie die Tradition ein, am Weltfrauentag ein Konzert zu spielen, zu dem nur Frauen Zutritt hatten.

Das alles gipfelte im aktuellen Album "Hurra die Welt geht unter" aus dem Jahr 2015: Es geht darauf um eine postapokalyptische Zivilisation ohne Bibel, Banken und Deutschland. Für die einen war das der intelligente Mittelfinger in Richtung Pegida. Die anderen sahen in Songs wie "Boom Boom Boom" einen Aufruf zur Ermordung Andersdenkender. Begeisterung also im eher linksdrehenden Feuilleton - "Hurra die Welt geht unter" als Standardhymne jeder Demonstration. Und schockierte Konservative, die gegen die Schmuddelmusik namens Deutschrap anschrieben - und gleichzeitig K.I.Z als die eigentlichen Faschisten empfanden.

Tarek Ebéné knüpft solo ziemlich genau hier an, verschiebt die Themen aber von der gesamtgesellschaftlichen hin zu einer individuellen Perspektive: Das auf "Weißer Drache" gesetzte Großstadt-Trauma bildet die Grundstimmung für die Selbstverklärung eines Typen am Boden ("Nach wie vor der Boss"), dessen einziger Wagen ein Einkaufswagen ist, aber hey: Es kommt ja nicht auf den Wagen an, "sondern, wer ihn fährt". Im Video zum Song ist Ebéné dann wieder ganz K.I.Z und tötet drei Menschen, die auffällige Ähnlichkeit mit Alice Weidel, Alexander Gauland und Björn Höcke haben.

Das musikalische streckenweise leider etwas abgenutzte 808-Autotune-Allerlei wird in "Nubischer Prinz" in Richtung Funk a lá The Weeknd aufgebrochen. "Letzte Chance" ist ein Lied über häusliche Gewalt, in dessen erster Strophe zunächst das weibliche Opfer thematisiert wird, ehe in der zweiten die Perspektive auf den Täter wechselt. Dessen Gewalt-Exzesse sind zumindest auch durch seinen Stiefvater herbeigeprügelte Erblast. Wie nah sich hier die Biografien von Künstler und Protagonist sind, bleibt unklar.

In "Ticket hier raus" beschreibt er hingegen eine Szene, in der ihn jemand fragt, ob es ihm gut ginge: "Jede Menge Rechnungen und mein Vater hat Krebs. Doch ich sage: 'Alles okay!'", heißt es da. Tatsächlich ist Ebénés Vater, ein Musiker, an Krebs verstorben. Sein Tod und das daraus folgende Bewusstsein von Endlichkeit habe ihn mit dazu angetrieben, ein Solo-Album zu produzieren, sagte Ebéné in mehreren Interviews. Dem Vater ist denn auch das letzte Lied des Albums gewidmet, "Frühlingstag". Die Zweideutigkeit ist hier ganz aus den Worten verschwunden. Der Vater sieht sich, bereits schwer krank, ein K.I.Z-Konzert vor 17 000 Leuten in der Berliner Wuhlheide an. Nicht vom überdachten Bühnenrand aus, sondern draußen, im Regen. Weil er von dort aus seinen Sohn besser sehen kann.

© SZ vom 31.01.2020/biaz
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