Neues Album von Sarah Connor "Muttersprache" Deutsches Leidgut

Wie viel Helene Fischer steckt in ihr? Sarah Connor singt jetzt auf Deutsch.

(Foto: Nina Kuhn / Universal Music)

Sarah Connor singt jetzt auf Deutsch. Mit wem rechnet sie auf dem Album "Muttersprache" ab? Und was nervt beim Hören einfach nur? Fünf Fragen, fünf Antworten.

Von Johanna Bruckner

Warum tun wir uns das an?

Weil Sarah Connor hierzulande mal die Popdiva war, Anfang der 2000er, als man bei dem Begriff noch an Madonna dachte, und nicht an Castingshowretorten. Sarah Connor hatte alles: einen Namen und eine Stimme, die nach Amerika klangen, einen ersten Hit mit Rapper, ein Nummer-eins-Album und fünf Nummer-eins-Singles, später einen Skandal-Auftritt bei Wetten, dass ..?, und noch später zwei Staffeln einer eigenen Reality-TV-Show.

Und jetzt singt eben diese Sarah Connor - mit bürgerlichem Namen übrigens: Sarah Marianne Corina Lewe - deutsch. Nach sieben Alben sehr guter bis solider Ami-Mucke. Sie konnte R'n'B-Nummern ("Let's Get Back to Bed - Boy!"/feat. TQ), stimmgewaltige Balladen ("From Sarah With Love") und Dancepop-Liedchen ("From Zero To Hero"). "Muttersprache" ist Connors erstes Album seit fünf Jahren. "Ich habe mir eine Auszeit im Privaten genommen, die wenige andere Popstars - der von mir verehrte Bob Dylan vielleicht ausgenommen - ihrer Karriere je zugemutet haben", schreibt sie in einem beigelegten Brief. Die Fallhöhe ist also da.

Nasenbluten garantiert

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Was gibt's zu hören?

Thematisch: was eine Anfang 30-Jährige so alles bewegt. Erste berufliche Höhen und Rückschläge ("Wie schön du bist"), Mutterglück ("Bedingungslos"), eine Abrechnung mit dem Ex ("Kommst du mit ihr"), neue Liebe ("Mein König"). Dazu Gesellschafts- und Politkritik light ("Halt mich"/"Augen auf"). Musikalisch ist bei den 13 Liedern die Zusammenarbeit mit dem früheren Rosenstolz-Produzententeam um Peter Plate herauszuhören: eingängige Mollmelodien, gezupfte Gitarren und Piano, hier und da ein Crescendo - wie gesagt, die Frau war mal Deutschlands Popdiva Nummer eins.

Hitpotenzial? Ist da, die erste Singleauskopplung "Wie schön du bist" ist bereits in den Top Ten und wird auch schon mal zum Geburtstagsständchen umfunktioniert, wenn es der TV-Präsenz dienlich ist: In der RTL-Show zu Gottschalks 65. Geburtstag Anfang der Woche trat Sarah Connor im Holzfällerhemd mit Hut auf. Und man meinte fast den Jubilär seufzen zu hören: "Was ist das Mädchen erwachsen geworden."

Der Wille ist auf jeden Fall erkennbar, wenn da nur nicht ...

Größter Nervfaktor?

... diese Reime wären. Die ziehen sich als roter Faden durch das Album, das fängt beim ersten Lied an. "Mit vollen Händen" ist die musikalische Daseinsberechtigung für alle Das-Glas-ist-halbleer-Mentalisten: "Bist du auch immer der Letzte, der das Licht ausmacht / und bist du auch immer die eine, die am lautesten lacht / bei Regen denkst du an ertrinken / und deine Welt versinkt in Grau / und bricht die Sonne durch die Wolken / wird dir der Himmel viel zu blau". Wer sich hier an pädagogisch wertvolles Kinderliedgut erinnert fühlt: Eine gewisse Ähnlichkeit zu Rolf Zuckowski ist da. Wer's nicht glaubt, mache die Hörprobe:

Mancher Titel klingt schon dem Namen nach, als sei er für die Altersgruppe "3+" geschrieben worden. "Anorak", zum Beispiel, aber tatsächlich handelt es sich dabei um die Replik auf den Einstiegssong: "Fang von vorne an / hör auf zu heul'n / wisch die Tränen weg / mit deinem Anorak". So hart ist Sarah Connor aber selten. Selbst im politischsten Song "Augen auf" schwebt ihre Stimme hauchzart über dem Piano: "Wer ist dieser Gott, von dem sich alle erzähl'n? / für den Menschen sterben und andere quäl'n / der zulässt, dass Frauen hinter Männern geh'n".

Viel zu selten legt Sarah Connor den verbalen Holzhammer beiseite. So heißt es im letzten Lied "Das Leben ist schön", in dem sie ihren eigenen Tod besingt, immerhin: "Ich will, dass ihr feiert / ich will, dass ihr tanzt / mit 'nem Lächeln im Blick und 'nem Drink in der Hand".

Bester Moment?

Klar, öffentlich gegen den Ex zu keilen, passt eher zum Reality-TV-Star der 2000er als zur um Ernsthaftigkeit bemühten Künstlerin, die Sarah Connor heute sein möchte. Insofern würde "Kommst du mit ihr" besser auf ein Vorgängeralbum passen. Aber wie viel langweiliger wäre "Muttersprache", wenn sich nicht diese herrlich spätpubertäre Abrechnung darauf befände?

Da heißt es dann in schönster Tic-Tac-Toe-Manier: "Vier Uhr nachts, hältst du mich für dumm? / Ich weiß ganz genau, du machst jetzt mit ihr rum". Oder, eingangs von Strophe zwei: "Bringt Sie dich zum Beben - ist sie dunkel wie ich? / Sieht sie dich dabei an - oder löscht ihr das Licht?" Das Ganze wird von rhythmischem Klatschen untermalt, ein Tambourin schlägt an, und sollte Marc Terenzi die Botschaft immer noch nicht verstanden haben, stimmt irgendwann ein Chor (!) ein. Mehr geht nicht. Außer vielleicht dieser hingehauchte Ätschi-Bätschi-Ausgang: "Und wenn ihr mal landet, und du siehst mein Gesicht / Bist du dir dann noch sicher, dass sie die Richtige ist?"

Ist Sarah Connor die neue Helene Fischer?

Nein. Wenn überhaupt ist sie die bessere Helene Fischer. Sarah Connors Stimme klingt mal kühl und spröde, mal schnoddrig, mal meint man, ein ironisches Lächeln herauszuhören. Und ab und zu ist immer noch die Diva zu erahnen, die Höhen erreicht, für die selbst Mariah Carey ihr Korsett aufschnüren müsste. Da verzeiht man auch die sprachliche Schlichtheit und Zeilen wie diese (aus "Versprochen"): "Ich zeig dir den Weg / zeig' dir, wie es geht / play me like a spanish guitar". Naja, fast.

Sarah Connor, "Muttersprache", ab 22.5. im Handel.