Süddeutsche Zeitung

Neues Album von Remi Wolf:Mal kurz ein gebrochenes Herz wegtanzen

Das neue Album "I'm Allergic To Dogs" der kalifornischen Popkünstlerin Remi Wolf.

Von Nora Noll

Remi Wolf klingt so, wie man sich die Musik einer Künstlichen Intelligenz vorstellt, die Genres nachbaut und selbständig zu etwas Neuem vermischt. Nun ist Wolf allerdings kein Roboter, sondern eine 24-jährige Musikerin aus Kalifornien, die gerade ihre zweite EP veröffentlich hat: "I'm Allergic To Dogs". Darin verquirlt sie Einflüsse aus R'n'B, Soul und Funk mit Synthie-Sounds und singt über das Ver- und Entlieben in Zeiten ständiger Smartphone-Kommunikation.

Die Unterscheidung von virtuell und real ergibt dabei bei Wolf keinen Sinn mehr. Auch die Ästhetik ihrer Musikvideos verwischt die Grenze zwischen analoger und digitaler Welt. 3D-Modelle von Wolf in wilden Outfits und mit kleinen Bugs bevölkern eine flimmernde Computerspiel-Landschaft. Ihre Klone wirken bei der Multiplizierung und Vertechnisierung einschlägigerTanzbewegungen menschlicher als "echte" Tänzerinnen in Hochglanz-Musikvideos.

Ihre aufgedrehte Ästhetik mag vielleicht wie ein Buntes zu viel wirken. Aber eine 24-jährige Lebensrealität ist heute nun mal voller greller Eindrücke. Seien es Textnachrichten und Emojis, sich ständig aktualisierende Feeds oder Push-Nachrichten - neben allem, was sonst im Leben junger Menschen und in der Welt im Allgemeinen so passiert. Dass sich Wolfs Musik dann aus der Unendlichkeit an Eindrücken bedient, ist nur folgerichtig. Künstlich wäre es, wenn sie musikalisch beim Analogen und Genre-typischen bliebe.

Bei der ganzen artifiziellen Unkünstlichkeit hat Remi Wolf einfach Spaß. In "Photo ID" gibt es eine Stelle, die vertraut nach Hip-Hop klingt, nur rappt Wolf mit hochgepitchter und ätherisch verzerrter Stimme einen skurrilen Text: "Ooh baby turn off the light / you're gonna make my body fry / Ooh baby don't you cry / Shit gets weird when you talk about it" - Wenn das Licht ausgeht wird ihr Körper nicht gerockt, sondern "frittiert", und das "Weine nicht" ist wörtlich zu nehmen, weil Wolf einfach keine Lust auf emotionale Gespräche hat. Im Liebeslied "Woo!" singt Wolf ein abgedroschenes "Take me higher" übertrieben aus und klingt dabei so ausgelassen, als würde sie eine Alicia-Keys-Kadenz unter der Dusche mitsingen. Das Ganze wird aber natürlich auch textlich gebrochen, wenn es danach heißt: "We're getting fired / Tonight, oh, baby" - Wer zu hoch auf die siebte Wolke steigt, wird gefeuert.

Trotz dieses permanenten Augenzwinkerns versteckt sich Wolf nicht hinter der Ironie. Sie meint es durchaus ernst, wenn sie sich in "Hello Hello Hello" über die Spielchen eines Liebhabers ärgert. Mit dem Bossa-Nova-Rhythmus und dem Chor im Refrain sorgt das Lied zwar für gute Laune, aber nicht auf eine coole, unberührbare Art. Viel mehr erzeugt Wolf damit eine Gleichzeitigkeit von Liebeskummer und Unbekümmertheit, die für Menschen in ähnlicher Lage geradezu ermächtigend wirkt. Alle fünf Lieder von "I'm Allergic To Dogs" eignen sich so hervorragend für isolierte Wohnzimmerparties, wenn man mal kurz ein gebrochenes Herz oder andere Sorgen wegtanzen muss.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5047231
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 29.09.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.