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Neues Album von Käptn Peng:Das Verbaldomino rattert, der Assoziativwert steigt

Käptn Peng (rechts) und die "Tentakel von Delphi".

(Foto: Matthias Popp)

Robert Gwisdek rappt wieder als "Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi" - über kotzende Einhörner und Träume, die aus sich selbst erwachen.

Von Cornelius Pollmer

Gibt es diese blauen Betrüger-Bändchen noch, Königs Erläuterungen, mit denen früher selbst jene ein Abi bekamen, die Macbeth gerade noch für einen Burger gehalten hatten? Einerseits wünschte man sich so ein Bändchen, jetzt, da man unbewaffnet und mit schwachem Oberlicht wieder in die Silbenmine geht, zu den mehr als 39 000 Zeichen des neuen Albums von Robert Gwisdeks "Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi". Immer wieder verkleben diese Zeichen dort zu kryptischen Satzbrüchen oder verheddern sich zu seltenen Wörtern: Rasurfraktal, Werwolfvampirzombiecyborg, Edelstahlgewindeflansch.

Andererseits war und ist es beim Rap von Gwisdek immer ganz einfach. Der herausgebende Eigenverlag heißt nicht ohne Grund Kreismusik, und dieser Kreis, er steht symbolschlicht für die abwechslungsreiche Unendlichkeit aller möglichen Zusammenhänge. Innerhalb dieses Kreises versucht Gwisdek als Käptn Peng, die Begrenztheit des Menschlichen mit der Freiheit von Sprache zu besiegen, ein Rennen, das er in bewundernswerter Weise stets knapper zu verlieren versteht als das Peloton. Weil er mit seinen Text nicht nach einem Gefühl der Überlegenheit strebt. Weil er seine Schläue, Neugier und Konfliktbereitschaft stattdessen nutzt, um sich selbst und letztlich die Einsamkeit zu befragen, die in uns allen wohnt.

Die Texte handeln von sich erbrechenden Einhörnen und erwachenden Träumen

Äußerlich nimmt diese Suche zuweilen Farben und Formen an, die sehr anstrengend sind. Äußerlich erbrechen sich in den Texten Einhörner, dauernd wacht jemand aus einem Traum auf oder, besser noch, es erwacht ein Traum aus einem selbst, und dieser Traum trifft dann einen apnoischen Drachen, in dessen Unterbewusstsein ... - es ist wie bei Inception, der Kreisel dreht und dreht sich, das Verbaldomino rattert, der Assoziativwert steigt. Manche finden das ziemlich deep oder zumindest meditativ, andere ergeben sich einer distanzierten Neugier, als sähen sie einem Betrunkenen bei seinem Versuch zu, nicht betrunken zu wirken. Noch andere sind genervt, weil ihnen der Shuffle aus Sinnfragen esoterisch und die teils selbst gebauten Instrumente prätentiös erscheinen. Alles davon kann stimmen.

Dieses streng gerechnet zweite Album von Peng und seinen Tentakeln heißt "Das nullte Kapitel", es wird eröffnet von einem Stück gleichen Namens und nach selbigem neigt man zunächst deutlich zum dritten der eben vorgestellten Lager. Wieder Universum, wieder alles auf Null, Peng ist diesmal gefangen "im Dichterdarm des Wörterwals" und sondert sich ein paar Zeilen später als Träne aus dessen Auge ab. Soll er gerne machen, nur möchte man sich da fast anschließen und selbst zur Träne werden.

Dann gehen die Lichter an, aber nicht gerade im musikalischen Sinne. Die live stets herrliche wumsende Maschine Marke Eigenbau klappert und schnurrt in bewährter Manier, dass darin ein bisschen zusätzliche Elektronik verbaut worden ist, fällt nicht weiter auf. Textlich leuchtet es dann kräftig. Das Stück "Pi" ist die schönste Liebeserklärung, die der Kreiszahl je gemacht worden ist. "Das Nichts und das Licht haben Liebe gemacht", das kleine π ist ihr "Kind der Ewigkeit, doch sieht sie nicht".

Gut und überraschend wird es, wenn Peng sein Habitat des Abstrakten verlässt und sich dem vergleichsweise Maximalkonkreten zuwendet. Unter vorausgehender Nennung des Namens Klum wundert er sich über "Kinder auf Plakaten, die so kalt sind wie Eis". Der Mensch sei ein Wunder, behandele sich aber wie ein Produkt - und ist dann "enttäuscht, weil jeder nur auf unsere Packung guckt". Beim "Tango im Treibsand" wiederum inspiziert Peng das leider verglühende Glück vollkommener Zweisamkeit: "Wir blieben jahrelang nackt, wie Geschenke, nur in unseren Armen verpackt", und während in dieser Nähe reinen Gefühls geküsst wird, machen "die anderen ... Mund-zu-Mund-Verarschung".

So geht der Rummel immer weiter, man bleibt sitzen in der Beschleunigung dieses Kreiskarussells und es wird einem kaum übel dabei. Mal pocht das Herz, mal klickt es im Kopf, gleich darauf greift wieder die globale Einsicht, dass man letztlich ja doch nichts versteht vom Leben. Und dass es aber trotzdem schön sein kann, so als Mensch, über den Peng abschließend fast schön versöhnlich feststellt: "Der neugierigste Affe aller Zeiten, ist die bescheidenste Art, um mein Genie zu beschreiben".

© SZ vom 07.06.2017/cag
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