Neues Album von Justin Timberlake Verblüffend leichtfüßig

Anders als austauschbare Stars, die zur Funktionselite gehören, ist Justin Timberlake ein wirklich großer. Alle lieben ihn. Sein neues Album? Mäßig, aber darauf kommt es kaum noch an. Ob als Tofu verkleidet oder nach fünf Tequila-Shots: Er führt gerade vor, dass ein Popmusiker auch anderswo seine großen Momente haben kann.

Von Jens-Christian Rabe

Es gibt Stars, die verehrt und bewundert werden, weil sie gerade massenhaft geteilte Träume und Wünsche verkörpern. Solche Stars werden längst gezielt aufgebaut, produziert. Manche von ihnen stehen ganz kurz im Licht, andere etwas länger. Manche werden von uns, dem ungnädigen Monster namens Publikum, eiskalt fallengelassen, andere jonglieren sich selbst aus dem Spiel.

Was sie eint, ist, dass sie einer Kaste angehören, die man vielleicht als Star-Funktionselite bezeichnen muss, die in liberalen kapitalistischen Massendemokratien offenbar gebraucht wird. Ganz so wie - in anderer Form und Funktion natürlich - andere Funktionseliten eben auch, also etwa Politiker, Wissenschaftler oder Manager. Die Macht oder wenigstens der Einfluss dieser Stars leitet sich am Ende nicht aus ihnen selbst ab, sondern aus ihrer Funktion. Jeder Einzelne für sich ist austauschbar.

Und dann gibt es die wirklich großen Stars, die, die man Superstars nennen könnte, wenn der Begriff nicht so inflationär und falsch gebraucht würde. Die wirklich großen Stars werden nicht nur berühmt - sie werden geliebt. Und zwar von so gut wie allen. Von den Jungen und Alten, den Frauen und Männern, von denen, die keine Ahnung haben und denen, den man es eigentlich nie recht machen kann. Ihre Macht als Herzschrittmacher der Bewusstseinsindustrie leitet sich aus ihnen selbst ab. Und ihre wahre Größe daraus, dass sie sie trotzdem nicht missbrauchen (oder wenigstens dafür sorgen, dass es niemand bemerkt, wenn sie es doch einmal tun).

Lauter Konjunktive

Einer dieser wenigen wirklich großen, geliebten Stars unserer Gegenwart ist der erst 32-jährige amerikanische Popsänger, Entertainer und Hollywood-Schauspieler Justin Timberlake.

Erkennen konnte man das in den vergangenen Tagen schon allein an den Reaktionen auf sein neues, gerade erschienenes drittes Album "The 20/20 Experience" (Sony). Überall begegnet man nämlich dem gleichen, sehr lustigen, aber halsbrecherischen rhetorischen Manöver: Richtig vom Hocker haut die Platte eigentlich keinen, aber alle geben sich große Mühe, sie doch irgendwie grandios zu finden. Wenn das nicht Liebe ist. Spiegel Online schreibt: "Und jetzt (. . .) würde man gerne sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Hat es auch. Aber gleichzeitig bleibt das Gefühl, dass niemand diese Platte gebraucht hätte." Wie jetzt?

Der Londoner Guardian befindet formvollendet ausweichend, dass man sich in den fernen Zeiten, in denen Timberlake noch als Teenie-Star mit seiner damaligen Freundin Britney Spears im Jeans-Partnerlook in der Öffentlichkeit auftauchte, nicht hätte träumen lassen, dass er einmal so ein Album aufnimmt. Die New York Times wiederum rang sich zu einer Formulierung von sprödester Schönheit durch: "The 20/20 Experience" könnte man als ein Werk der Hybris missverstehen, wenn es denn im eigentlichen Sinne arrogant wäre.

Und das einflussreichste der Online-Musikmagazine Pitchfork eiert sich zu dem Befund durch, Timberlake sei ein erwachsenes Album gelungen, es verstoße zwar ganz klar gegen die Popregel, dass glückliche Ehen wie die des Meisters mit der Schauspielerin Jessica Biel kein Stoff für erfolgreiche Pop-Alben sind, aber vielleicht könnte es ja jetzt doch so weit sein. Vielleicht. Konjunktive überall.