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Neues Album von Justin Timberlake:Er holt "das Biest" heraus und macht viel "Uh" und "Huh"

Das Cover des neuen Justin Timberlake Albums "Man of the Woods"

(Foto: AP)

Justin Timberlake hat ein neues Album. Es ist gut, wirft aber unter anderem die Frage auf, was heute einen guten Sex-Song ausmacht.

"Fass mich mit deinen versauten Händen überall an! Du weißt ja, wir sind hier nicht in der jugendfreien Version", singt Justin Timberlake in seiner aktuellen Maschinen-Funk-Single "Filthy", und man fragt sich als allererstes: Warum sind die Hände versaut? Ist nicht, wenn überhaupt, die Fantasie desjenigen versaut, der die Hände auf seinem Körper spüren will? Justin Timberlake scheint ein altes Problem zu haben: Er schreibt das Dreckige, das er selbst im Bett erleben will, der Frau zu, mit der er im Bett ist. So sind sie halt, die Männer, nicht?

Womit man schon mittendrin wäre in der Frage, was heute eigentlich ein guter und was ein schlechter Sex-Song ist. Und wie zeitgemäß jene Art von Songs noch ist, mit denen Justin Timberlake als Solokünstler berühmt wurde, "Rock Your Body" (2002), "SexyBack" (2006) - heute, Anfang 2018, in Zeiten von "Me Too" und der notwendigen Sensibilierung dafür, was Einvernehmlichkeit, Respekt und Verführungskunst beim Sex eigentlich sein sollten.

In "Filthy" lässt Timberlake "den Stall offen", er holt "das Biest" heraus, er macht viel "Uh" und "Huh", und die Frau soll dann herbeilaufen und mit dem Biest etwas anstellen. Manchmal muss man Texte erst einmal übersetzen, um zu begreifen, was man sich da die ganze Zeit eigentlich anhört - während die Beats des Produzenten Timothy Mosley alias Timbaland wieder wunderbar minimalistisch knacken und bolzen.

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Andererseits: Wo, wenn nicht im Pop, der ja immer die unzensierteste aller populären Künste war, sollte und muss man nicht vielleicht auch heute weiterhin genau solche Songs singen? Im neuen Puritanismus will man ja auch nicht landen. Insofern: Ist es nicht ganz wunderbar, wenn Jessica Biel, Timberlakes Ehefrau und Mutter seines bald dreijährigen Sohnes Silas, ihrem Gatten dabei zusieht, wie er es sich in der Badewanne mit der Duschbrause selbst besorgt, während sie schon darüber nachdenkt, wie sie damit später bei ihren Freundinnen angeben kann, weil sie ja sowieso immer so gerne mit ihrem tollen Justin angibt? Im Titelsong des neuen Albums "Man Of The Woods" (Universal) ist es freilich genau andersherum: Sie sprudelt in der Wanne, Justin gibt bei den Kumpels damit an.

Timberlake steckt in einer mittelschweren Identitätskrise

Herrje, es ist schon wieder so kompliziert. Gar nicht kompliziert hingegen ist es zu erkennen, dass das neue Album des 37-jährigen Sängers und Schauspielers Ausdruck einer mittelschweren Identitätskrise und persönlichen Zerrissenheit ist. Identitätskrise, weil Justin nicht mehr der populärste Justin ist. Wer bei Spotify oder YouTube den Vornamen eintippt, bekommt längst den anderen - Bieber - als ersten Treffer. Das nagt am Selbstwertgefühl. Und die persönliche Zerrissenheit rührt womöglich daher, dass sich Timberlake - jetzt, wo er Vater ist und ein Mann, für den es nicht mehr steil bergauf geht, sondern eher etwas bergab - selbst dazu befragt, woher er eigentlich kommt. Nach dem Motto: Man kann den Justin aus dem Wald holen, aber man kriegt den Wald aus Justin nicht heraus. Er ist und bleibt eben: ein stolzer Hinterwäldler im Karo-Flannelhemd?

Wobei der Wald in diesem Fall nur Memphis, Tennessee, ist, wo Timberlake geboren wurde. "Man Of The Woods" stellt sozusagen den Versuch dar, das musikalische Erbe dieser Stadt - Country - mit Hip-Hop und Dance-Pop so zusammenzubringen, dass es wie aus einem Guss klingt. Lady Gaga versuchte Ende 2016 auf ihrem Album "Joanne" etwas Ähnliches, wobei die Stile da noch seltsam unverbunden nebeneinander standen. Hier, im Song "Sauce" (pinke und purpurne Körperteile, lockere Schrauben und ja: Sauce), reitet die Wüstenrock-Gitarre recht logisch auf einem blubbernden Funk-Groove. Und im Titelstück, das von den Neptunes alias Pharrell Williams und Chad Hugo produziert wurde, umspielen Steel-Gitarre und Country-Twang eine Akkordfolge, die - der Südstaaten-Hip-Hop lässt grüßen - auf hoch und herunter gestimmten Toms getrommelt wird. Das ist sicher nicht das, was man vielleicht erwartete: eine Anbiederung an "Make America Great Again"-Mützen tragende Rednecks im Zeitalter des Trumpismus. Sondern eher ein Hinweis darauf, dass, wer "great again" werden will, sich weiterentwickeln und sich Einflüssen öffnen muss, die bislang nicht ins Repertoire gehörten.

Allerdings will ein richtiger Hit dabei nicht herausspringen. In den Charts könnte noch "Say Something" am erfolgreichsten werden, das Duett, das Timberlake mit dem göttlich röhrenden Country-Star Chris Stapleton aufgenommen hat. Wobei es ein Rätsel ist, warum Timberlake diesen Song nicht in das Medley aufgenommen hat, das er - zwei Tage nach Veröffentlichung von "Man Of The Woods" - am Sonntagabend in Minneapolis während der Half-Time-Show des diesjährigen Super Bowls spielte. Hatte Chris Stapleton keine Zeit? Nun ja, der Duett-Partner Prince wurde ja auch nur über die Leinwand eingespielt ...

Timberlake tanzte und kiekste und playbackte sich also durch seine alten Hits. Der einzige neue Song war - gleich zu Beginn, damit man es hinter sich hat - "Filthy", die Single mit den versauten Händen. Timberlake bahnte sich den Weg durch ein Spalier von jungen hübschen Tänzerinnen, die alle kaum noch an sich halten durften und - während er an ihnen vorbeilief - sich an die Brust tatschten oder toll die Augen verdrehten. Ganz schön versaut, diese Frauen.

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