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Neues Album von Janelle Monáe:Kampfansage gegen den Trumpismus

Janelle Monáe

Janelle Monáe verbindet Spaß und politische Kritik.

(Foto: Leila Ivarsson/Warner)

Janelle Monáes "Dirty Computer" bringt politische Verzweiflung und Jetzt-erst-recht-Hedonismus grandios zusammen. Ein Album, auf das man in diesen Zeiten gewartet hat.

Auch im Pop liebt man die Geschichten von den großen Künstlern, die sich zwischenzeitlich ins Abseits verirren und später doch wieder zur alten Größe finden - oder sogar über sie hinauswachsen. So eine Geschichte lässt sich auch über Janelle Monáe erzählen. Die Single "Yoga" der Sängerin aus Kansas City gehörte 2015 zu den peinlichsten Songs der jüngeren Popgeschichte. Ein verwirrter Mix aus Hip-Hop und schrillen Synthie-Sounds. Dazu reimte Monáe schlüpfrigen Quatsch: "Bück dich, Baby, bück dich", "Darf ich dich auch mal ein bisschen stretchen?"

Die Yoga-Matte ist doch keine Matratze!, wollte man dazwischenrufen. Sofort vermisste man die geniale Science-Fiction-R&B-Sängerin Janelle Monáe, die auf Alben wie "The ArchAndroid" (2010) afrofuturistische Songs über emanzipierte Androidinnen gesungen hatte, unterlegt von derben poppigen Funk-Arrangements.

Den kreativen Notstand überwand Monáe dann im Film. Sie spielte 2016, als Schauspiel-Debütantin, in gleich zwei Kino-Hits mit. In "Unerkannte Heldinnen" war sie eine der drei schwarzen Mathematikerinnen, die in den Sechzigerjahren maßgeblich die Raumfahrtprogramme der NASA mit entwickelten. Und in "Moonlight" spielte sie die Freundin des Drogendealers Juan (Mahershala Ali), der zum Ziehvater der Hauptfigur, des schutzbedürftigen Jungen Chiron, wird. "Moonlight" bekam im vergangenen Jahr den Oscar als Bester Film. Toll für Janelle Monáe. Nur: Würde sie je wieder ein gutes Album aufnehmen?

Die Frage klingt jetzt absurd, nachdem das neue Werk der 32-Jährigen erschienen ist. "Dirty Computer" (Warner) ist ein großartig durchkomponiertes Pop-Album, auf dem die Sängerin Elemente aus der modernen düsteren Trap-Musik der Südstaaten Hand in Hand gehen lässt mit Funk, Soul und Zitaten aus dem Achtzigerjahre-Softrock à la Toto. Trotz des Reichtums an Referenzen klingen die Songs frisch, und hört man genauer auf die Texte, entpuppen sie sich als scharfe Kritik an den Verhältnissen in den USA, als Kampfansage gegen den Trumpismus.

Es sind viele berühmte Gäste mit dabei: Brian Wilson, der Ober-Beach-Boy, steuert zum Eröffnungs-Song "Dirty Computer" ein paar traumhafte Surf-Chöre bei. Stevie Wonder erzählt in einer Sprechrolle in "Stevie's Dream", dass die beste Antwort auf Wut immer noch Liebe sei. Und Pharrell Williams macht bei "I Got The Juice" mit, einem R&B-Song, der klingt wie ein knackiger Afro-Percussion-Remix von "Milkshake", dem Hit von Kelis aus dem Jahr 2003. Im Zentrum steht aber immer Monáe, sie ist hier der Boss. Der wichtigste musikalische Partner ist dabei aber noch gar nicht genannt: Es ist Prince.

Janelle Monáe war mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Pop- und Funk-Genie eng befreundet, sie jammten gemeinsam auf der Bühne und im Studio. Prince, so heißt es, wollte Monáe bei ihrem neuen Album helfen und sammelte kurz vor seinem Tod in seinem Paisley-Park-Studio noch Sounds für sie zusammen. Der tief reindonnernde Schock-Synthesizer, der im Funk-Song "Make Me Feel", der ersten Single aus "Dirty Computer", zum Refrain überleitet, könnte einer dieser Prince-Sounds sein. Im Video dazu (und auf dem Cover des Albums) trägt Monáe eine mit Strass besetzte Kettenmaske - als wolle sie dem Gesichtsvorhang aus Metallketten Ehre erweisen, den Prince sich 1992 vor seine Polizeimütze hängte.

Prince war ein Popstar, dessen Einzigartigkeit sich sogar noch in seiner eigenen Rechtschreibung ausdrückte. Er kürzte in Songtiteln Worte zu Buchstaben oder ersetzte sie durch Ziffern ("Nothing Compares 2 U", "When 2 R In Love"). Monáe macht es ähnlich. Sie ersetzt in zwei Titeln auf "Dirty Computer" den Buchstaben "I" durch den Buchstaben "Y" - bei "Take A Byte" und der sensationellen Single "Pynk", die sie zusammen mit der kanadischen Sängerin und Produzentin Claire Boucher alias Grimes geschrieben hat. Das Buchstabenspiel hat seinen Grund: Die Songs feiern die "Pussy Power", also: die Kraft der weiblichen Sexualität. Und passt das "Y" nicht wirklich besser zum Pink der Vagina als der recht phallische Buchstabe "I"?

Sex spielt auf diesem Album eine große Rolle - aber nicht auf die platte Yogamatten-Tour. Vielmehr gehört Sex eben mit hinein in Monáes Reflexion über Politik, Macht und den Status-Quo in Washington. Dort vermischen sich ja (mutmaßlicher) Sex und Machtmissbrauch gerade auf üble Weise. Der Song "Screwed" scheint das mit Feelgood-Funk aufzugreifen. Die Inspiration sei das böse Erwachen am Morgen des 9. November 2016 gewesen, als Donald Trump, der bekennende "pussy grabber", plötzlich designierter Präsident der Vereinigten Staaten war, schreibt Monáe. "We're screwed" flucht man in Amerika, wenn man sich in einer hoffnungslosen Situation wiederfindet. Oder man sagt "Let's get screwed", wenn man sich mit Alkohol oder anderen Hilfsmitteln so richtig wegschrauben und alle Sorgen vergessen will, etwa bei einem Sommerfestival zusammen mit Freunden. "Screwed" wäre mit seinen federnden Bässen und Funk-Gitarren genau der richtige Hit dafür. Selten hat ein Dance-Song politische Verzweiflung und Jetzt-erst-recht-Hedonismus zwingender zusammen gebracht.

Auf früheren Alben von Monáe wäre so ein Song nicht denkbar gewesen. Da blieb die Sängerin konsequent in ihrer Rolle. Ihr Alter Ego, das sie für sich erfunden hatte, hieß Cindi Mayweather, sie war eine rebellische Androidin und inspiriert von der Maschinenfrau Maria aus Fritz Langs "Metropolis". Mayweather, so Monáe in ihrer Saga, zu der auch robotische Kostümierungen und Schaltkreis-Illustrationen gehörten, wird im Jahr 2719 zur messianischen Figur für die Androiden-Community, weil sie sich gegen die Menschen auflehnt. Die Androiden kämpfen um Anerkennung und Gleichberechtigung.

In dieser Saga konnte man Parallelen zum Kampf der Schwarzen in den USA erkennen. Aber weil es eine technisierte, digitalisierte Saga ist, passt sie 2018 nicht mehr recht in die Zeit, in der es ja nicht ganz unplausibel erscheint, dass mithilfe von Künstlicher Intelligenz einem hochstaplerischen Tycoon zur Macht verholfen wurde. Monáes Erzählung von der diskriminierten KI ist von der Gegenwart sozusagen eingeholt worden, von russischen Social-Media-Bots und Cambridge Analytica. "Emoticons, Decepticons, and Autobots / Who twist the plot?", fragt sie auf "Dirty Computer" im Rap-Song "Django Jane", mit anderen Worten: Was ist schief gelaufen, oder: Wer beherrscht hier wen? Viel deutlicher als bisher tritt Monáe als Mensch hinter ihrer Musik hervor, sie verbindet Persönliches mit Spaß und politischem Bewusstsein.

Diese neue Offenheit bringt es auch mit sich, dass Monáe nun offen darüber spricht, dass sie sowohl auf Frauen wie auf Männer steht. Die Bezeichnung "bisexuell" mag sie nicht, sie nennt sich lieber "pansexuell", beziehungsweise: "I consider myself to be a free-ass motherfucker". So sagte sie es kürzlich in einem Radio-Interview, und dann kam sie wiederum auf Prince. Der sei auch so ein "free-ass motherfucker" gewesen. Übersetzen lässt sich das natürlich nicht.

© SZ vom 30.04.2018

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