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Neues Album von Helge Schneider:Nein, gearbeitet wird hier nicht mehr

Den Titelsong hat er als Sommerhit konzipiert. "Sommer, Sonne, Kaktus!" klingt, als würden die zwei Stimmen aus dem anfangs erwähnten Hörspiel im Duett singen. Eine Urlaubshymne aus Sicht der Älteren, die sich im Duisburger Hallenbad ihre Exotismen selbst zusammenspinnen: "Ich will nie mehr arbeiten gehen", darin besteht das Abenteuer. Auch die Entertainment-Combo, die dazu swingt, ist nur eine Illusion, denn Schneider spielt alle Instrumente auf dem Album selbst.

Die spanische Gitarre, die Alleinunterhalterorgel, später das Akkordeon. Auch das Schlagzeug, was er entweder nicht sonderlich gut kann oder absichtlich verhunzt, und da geht sie schon los: die Zumutung, die Verweigerung. Schlimmer als Straf-Jazz. Die demonstrative Nachlässigkeit, mit der Schneider durch seine eigene Platte flaniert, als wolle er den ersten Refrain bekräftigen: Nein, gearbeitet wird hier nicht mehr.

Den Klassiker "Mr. Bojangles" lispelt und speichelt er, als habe er ein paar Billardkugeln im Mund. In die Eigenkomposition "To Be A Man" steigt er mit drei Minuten Improvisation auf der Gitarre ein, einem drahtigem "Besame Mucho"-Nonsens, in dem die ganze Nutzlosigkeit großer Kunst zu stecken scheint. Bei "Somewhere Over The Rainbow" macht Schneider sich nicht mal mehr die Mühe, die Wörter richtig auszusingen, bevor ihm dann ein unglaublich großartiges, weich angesetztes Saxofonsolo aus dem Ärmel rutscht. Oder er in seiner Version von Gershwins "It Ain't Necessarily So" wie ein ganzer Beerdigungszug durch sein persönliches New Orleans kriecht, natürlich mit dritten Zähnen im Maul. Die musikalische Skizzen-Kritzelei, das Abgelenkte, auch im positiven Sinn Phantasieverlorene hat er noch nie so konsequent verfolgt wie auf diesem Album. Das genau deshalb so klingt, als könne es jeden Moment in sich zusammenkrachen. Dann aber doch stehen bleibt.

Thelonious Monk, seinem großen Idol, war Helge Schneider kaum je so nah wie hier. Weil der Hipster, der diesen Namen ernsthaft verdient, auch im Ruhrpott, sich ja durch seinen besonders unfairen Wissensvorsprung auszeichnet. Einen Vorsprung, den er sich womöglich irgendwann hart erstritten und erschwitzt hat, dann aber nur noch aufblitzen lässt, wenn kein Umstand ihn dazu zwingt, keine Erwartung, keine Arbeit. Etwas gleichzeitig zu zeigen und zu verweigern, so ungefähr funktioniert das coole Prinzip, das der Jazz den anderen Künsten voraus hat. Und das den Musiker Helge Schneider von den meisten Populärfiguren in Deutschland meilenweit abhebt.

Die WDR-Talkshow "Helge hat Zeit" gab Schneider Anfang des Jahres leider wieder auf, kurz nach dem Start. Das Medium sei nicht sein Ding, erklärte er, den eigentlichen Grund konnte man ihm ansehen: Seinen Gästen die typisch falsche Euphorie des Metiers entgegenzubringen, das schafft er auf Dauer einfach nicht. In der zweiten und dann auch schon letzten Folge gab es jedoch einen großartigen, sogar bewegenden Moment: Da hatte Schneider - plötzlich allein in der Rolle des Interviewers - die 27-jährige Pianistin Olga Scheps im Studio. Er sprach mit ihr über Chopin und wurde plötzlich sehr verbindlich, sehr wahrhaftig. Während andere schnell Stars werden wollten, habe sie sich buchstäblich die Mühe gemacht und richtig Klavier gelernt, sagte Schneider. Das war keine Frage. Und natürlich kein Witz. Sondern sein voller, bezaubernder Ernst.