Neues Album von Feist:Kein Hit für Mark Zuckerberg

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Und doch tut Feists Musik nicht wirklich weh. Sie ist nicht so weltverloren wie etwa der düstere Folk von Cat Power, sie reißt keine Abgründe auf wie der wunde Jazz einer Billie Holiday. Und doch hat Feist von beiden gelernt. Feist ist keine gebrochene Seele, sie ist eine Herzensbrecherin und eine gute Beobachterin. Gleich der erste Song, eine Art Blueswalzer, der das Dilemma beschreibt, dass auch zwei gute Menschen fähig sein können, das schlechteste im jeweils anderen hervorzubringen, ist so bestürzend schön und wahr, dass man in der Falle sitzt, noch ehe das Album überhaupt Fahrt aufgenommen hat. Da taucht man schon in das verschattete "Graveyard", einer dunklen Ballade, für die Will Oldham wahrscheinlich seinen Vollbart geopfert hätte. Die Begleitband um Langzeit-Weggenosse und Mentor Jason "Chilly Gonzales" Beck, jenem rappenden Kanadier, der Klavier spielt wie Glenn Gould und gefühlte 24 andere Instrumente beherrscht, bettet all das in sparsam gesetzte, aber unendlich weise Klangfarben mit viel Weißraum. Jedes Glockenspiel, jeder Akustikbass, jede Violine und jedes Saxofon sitzt hier an seinem Platz. Dazu holterdipoltert das Schlagzeug schleppend und überraschend laut, was manchen Songs etwas Prozessionshaftes und Tribalistisches verleiht. In jedem Fall geht es sehr ernsthaft und innig zur Sache. Nur einmal scheint Feist sich an ihre alten Punk-Tage zu erinnern und packt ein Paar Rockriffs aus, dazu grölt sie wie Joan Jett, während im Hintergrund jemand Flaschen zerschmeißt. Doch das ist nur ein kleiner Wutanfall auf einer sehr introspektiven, pastoralen Platte, auf der eine Großstadtseele die Natur beschwört: die Nachteule, die Zikaden, die Möwen und immer wieder das Meer, den Himmel und den Horizont. Durchweht wird diese Andacht vom allgegenwärtigen Wind, den Feist in "Caught a long wind" besingt: "Little bird have you got a key? / Unlock the lock inside of me / Caught me a long wind / where will we go / to keep ourselves afloat?"

All das ergibt eine entgrenzte Grundstimmung, die man von Werken wie Van Morrisons "Astral Weeks" kennt oder von Minnie Ripertons "Perfect Angel". Und vielleicht ist das der sympathischste Zug an Feists neuem Album - es ruht sich nicht auf Erreichtem aus, sondern dringt weiter vor zur Magie, die diese Ausnahmesängerin und Songschreiberin zu entfachen vermag. Hörte man auf den beiden Vorgängeralben immer auch das Genie des Produzenten Gonzales durch, so wirkt Feist auf "Metals" ganz bei sich. Und ganz weit weg von den Aufgeregtheiten ihres früheren Lebens, wo sie mal da Gitarre spielte (bei Broken Social Scene), mal dort mitsang (bei den Kings of Convenience und Wilco) oder bei Konzerten von Peaches auf der Bühne herumhopste, als Sidekick im lilafarbenem Trikot. Sie hat eine Auszeit genommen nach ihrem letzten Album und sich vier Jahre Zeit gelassen. All jenen, die sich an ihrem Apple-Spot gestört haben, sagte sie in einem Interview neulich völlig zu recht: "Na und, nach so viel Jahren Arbeit, will man irgendwann so weit sein, sich eines Tages ein Haus kaufen zu können."

Da war es wieder das alte Stigma des Ausverkaufs, das eine Indierockerin wie Feist immer noch verfolgt. Zu hübsch, zu gut, zu erfolgreich. Auch deshalb mag "Metals" vielleicht ein Spur weniger gefällig, weniger poliert geraten sein. Mark Zuckerberg wird hier keinen Hit finden, mit der er sein neues Facebook bewerben kann. Hier breitet niemand sein Leben aus, um Like-Buttons zu sammeln. Es ist eher eine Suche nach der inneren Stimme, nach Gefühlen, die wie Erze unter der Oberfläche liegen. "Shadows of the mountain / don't tell of what's on earth / The bredth and the height / of an undiscovered first", singt Feist in "Undiscovered First", dem vielleicht sperrigsten, zornigsten Song des Albums, und: "Is this the way to live / Is it wrong to want more?" Dazu scheppert und klirrt es, dass so manchem Frappuchinotrinker der Milchschaum sauer werden könnte. Doch schon zu "Cicadas And Gulls", einer Lagerfeuer-Ballade, in der Feist mit sich selbst Harmonie singt, kann man ganz beruhigt sein Baby einschlafen lassen.

Es ist also wieder alles drin in diesem Album. Ihre Engelsstimme wird uns den Herbst versüßen, Videos ihrer Songs werden Postingwellen auf Facebook lostreten. Wir werden uns in den Armen liegen, wenn die Nächte länger werden und den Like-Button drücken und dankbar sein, dass es jemanden gibt, der dieser nach Empfindsamkeit und Tiefe dürstenden Zeit eine so schöne Stimme gibt.

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