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Neues Album von Devendra Banhart:Ein Mann gegen die Männlichkeit

Eindeutigkeit wird überschätzt. Der Folk-Musiker Devendra Banhart jedenfalls bevorzugt Assoziationen.

(Foto: Warner Media)

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer wöchentlichen Musik-Kolumne.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn gerade die Stelle auf einer Platte die interessanteste ist, an der nichts passiert? Also wirklich nichts, rein gar nichts. Kein Ton, kein Seufzer, kein Finger-quietschen-über-den-Gitarrenhals?

Auf dem neuen Album "Ape in Pink Marble" (Nonesuch/Warner Music) des Neo-Hippies und Bartträgers Devendra Banhart gibt es so eine Stelle. "Linda" heißt der Song, Banhart spielt ein paar Gitarrenakkorde, er streicht sie mehr, als dass er sich anschlägt. Nach drei Minuten taumelt das Schlagzeug aus. Noch ein hereingestreichelter Akkord, dann klafft die große Stille auf. Mitten in diesem Song, mitten in diesem Album.

Die vollkommene Entschleunigung - der Traum eines jeden Neo-Hippies

Nun ist Stille eines der wenigen Dinge, die man nicht unbedingt auf einem Devendra-Banhart-Album erwartet. Eine musikalische Rucksackreise durch Samba, Bossa nova und japanische Kanto-Musik? Keine Überraschung. Altertümliche Instrumente treffen Twin-Peaks-Synthies? Sicherlich. Eine Rahmenhandlung, die in einem fast verlassenen Tokioter Hotel spielt? Beinahe erwartbar. "Ape in Pink Marble" fügt sich eigentlich ganz gut in das irre Schaffen des amerikanischen Singer-Songwriters. Und wenn man sich noch dazudenkt, was für ein quietschfideler Zottel-Clown Devendra Banhart auf der Bühne ist, wird die Sache mit der Stille immer merkwürdiger.

Eine kleine Rückblende zum besseren Verständnis: Als Banhart Anfang der Nullerjahre angeblich aus einer venezolanischen Spiritisten-Kommune in den Pop gekrochen kam, war er nicht nur der Traum aller Räucherstäbchen schwingenden Hippiemädchen. Er war so neu und so heiß, dass sich die Musikkritiker gleich ein paar neue, eher hilflose Genrebegriffe ausdenken mussten: New Weird America war einer, Freak-Folk ein anderer. So richtig treffend waren beide nicht. Devendra Banhart spielte alte Musik, ein bisschen Folk, ein bisschen Psychedelic, ein bisschen Glam, und war damit ganz vorne dabei in der Retromanie des letzten Jahrzehnts. Beinahe nebenbei etablierte er auch noch den Vollbart als wichtigstes Accessoire für den jungen, nachdenklichen Gitarren-Mann. Wenn so einer nun auf Stille setzt, was ist da nur los?

Die große Stille sind eigentlich viele kleine Stillen. Banhart streichelt diesen einen Akkord, in immer größer werdenden Abständen. Der Song zerfasert, löst sich auf. Immer wenn die letzten Töne verklungen sind, denkt man sich als Hörer: Jetzt, jetzt, das war der Schlussakkord! Und dann kommt der Song noch einmal zurück. Dieses Spiel von Anspannung und Entspannung schafft zum einen ein Gefühl von vollkommener Entschleunigung - also den Traum eines jeden Neo-Hippies. Andererseits gilt natürlich auch für die Stille im Pop die alte Oberstufenlehrerweisheit: Du kannst nicht nicht kommunizieren. Der Schüler, der am Morgen schweigend mit dem Kopf auf der Bank liegt, vermittelt eine ebenso klare Botschaft wie Devendra Banhart. Es geht um das, was nicht mehr da ist.

"I am a lonely woman", haucht Banhart, als der Song wieder aus der Stille zurückfindet. Was hier fehlt, ist der Mann. Und nicht nur hier. Devendra Banhart hat die Männlichkeit aus seiner Musik getilgt. Er hat die Gitarrenmusik - und das spielt er im Grunde: gute, alte, phallische Gitarrenmusik - geschlechtslos gemacht. Da ist kein Rumgepose mehr, kein Geprotze. Da ist nicht einmal mehr die ironische Gockelei des mittleren Banhart, als er Jim Morrison, den großen Sex-Schamanen des Pop, parodierte. "Ape in Pink Marble" schlurft in getragenem Gleichklang durch geisterhafte Arrangements.

Zweimal zieht das Tempo an, damit Banhart den Mann an sich als Witzfigur zerlegen kann. "Fancy Man" und "Fig in Leather" erzählen zu groovendem Bass die Geschichte eines älteren Herrn, der sich abmüht, um eine junge Frau zu bezirzen. So sehr sich Devendra Banhart über den Verführer lustig macht - er ist es ja selbst.

Und das ist dann auch das Tolle an "Ape in Pink Marble". Auf diesem bis zur Selbstauflösung reduzierten Album zeigt sich klar und deutlich, was im Zentrum von Devendra Banharts Kunst steht: Die ganze Lächerlichkeit überkommener Geschlechterrollen vorzuführen, darin schlägt das Herz des Fortschritts in einer rückwärtsgewandten Musik.

© SZ vom 04.10.2016/doer

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