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Neues Album von "Algiers":"We all dance into the fire, lalalala"

Algiers

Handclaps, klirrend kalte Industrial-Klänge, räudige Raserei: "Algiers".

(Foto: Christian Högstedt/Beggars)

Mit galligem Fatalismus hat die Gospel-Punk-Band "Algiers" unsere düstere Zeit vertont.

Es war eine zutiefst bedrückende Endlosschleife, mit der Algiers den ersten Teil ihres Auftritts im Münchner Club Strom zu Beginn des Jahres beschlossen.

Nichts weniger als die bleierne Schwere mehrerer Jahrhunderte war da spürbar, als die multiethnische Band um den schwarzen Sänger James Franklin Fisher im Song "Death March" einen immer wieder aufs Neue wiederholten Satz erst in ein unheilvolles Crescendo einbettet, und nach ihrem ersten Abgang von der Bühne per Loop weiter und weiter durch den Raum schickt: "This is how / the hate keeps passing on."

Der Hass als ununterbrochener Zyklus also, als etwas, das mit bestürzender Blindheit für die Lehren der Vergangenheit wie ein Staffelstab weitergereicht wird - im Kern ist es tatsächlich genau das, woran sich die Band aus Atlanta seit Erscheinen ihres Debütalbums 2015 mit bewundernswerter Beharrlichkeit abarbeitet.

Benannt nach der algerischen Hauptstadt, die bei ihnen symbolisch für den Aufstand gegen koloniale Unterdrückung steht, spannen Algiers in ihrem Werk einen Bogen, der in seiner umfassenden Weite eigentlich nach Fußnoten verlangt.

Die Gräuel der Sklaverei, die bitteren Folgen des Kolonialismus, die gesellschaftlichen Schattenseiten des Neo-Liberalismus und insbesondere das Gift der "White Supremacy"-Ideologie, gefördert von einem amerikanischen Präsidenten, der die Grenzen des Sag- und Denkbaren immer weiter verschiebt, indem er etwa den gegen Rassismus eintretenden Footballspieler Colin Kaepernick als "Hurensohn" diffamiert - all dies schwingt in den Songs der marxistisch geprägten Band auf die eine oder andere Art mit.

So gesehen verwundert es auch nicht, dass ihr Blick aufs Zeitgeschehen ein höchst pessimistischer ist. Der Aufbruchsgedanke des "We shall overcome", er könnte kaum weiter entfernt sein als in dieser bedeutungsschwangeren Musik. Das spirituelle und eigentlich so hoffnungsvolle Moment des Gospel samt seiner Handclaps und Call-and-Response-Gesänge wird darin mit klirrend kalten Industrial-Klängen, mit lärmiger Atonalität und der räudigen Raserei des Punk zu aufputschend dringlichen Anklagen umgedeutet, deren kathartische Wirkung Algiers zuletzt als Vorband von Depeche Mode auch in diversen Stadien entfalteten.

Auf ihrem neuen Album "There Is No Year" (Matador/Beggars/Indigo) zeigen sie sich nun gleich in diverser Hinsicht verändert. Inspiriert von und benannt nach einem Roman des Schriftstellers Blake Butler, in dem eine Familie von ungreifbaren paranormalen Vorgängen in den Wahnsinn getrieben wird, umreißen Algiers darauf das diffuse Gefühl von Gefahr und unterschwelliger Verstörung, das sich angesichts eines herannahenden Klimakollapses, anhaltender digitalisierungsbedingter Überreizung oder dem erschreckend großen Zuspruch für politische Blender wie Boris Johnson schon vor Corona breit gemacht hat.

Andererseits ist da jetzt aber auch Persönlicheres, wenn Fisher mit zornig bis flehentlich herausgepressten - und dabei stark an Michael Jackson erinnernden - Phrasierungen von Trennungsschmerzen und Sinnkrisen singt.

Gleichzeitig finden Algiers bei konstant hohem Erregungslevel zu einer neuen Geschmeidigkeit. Sie klingen nun elektrifizierter und weniger sperrig, ohne dabei gleich ins allzu Glatte abzudriften, verströmen ein gewissen Pop-Appeal, ohne dabei ihre Ideale zu verleugnen.

Beispielhaft dafür steht das düstere "Hour Of The Furnaces". Fisher singt darin von irregeführten Seelen und von jenen, die geschickt ihre Gestalt verändern, und deren wahren Namen man doch kennt. Dann durchreißt ein dröhnend in die Magengruben fahrendes Riff die fein gewobenen Texturen des Songs und endzeitlich galliger Fatalismus bricht sich Bahn.

"We all dance into the fire, lalalala", heißt es im Refrain. Seltsam, wie befreiend sich so etwas anhören kann.

© SZ vom 31.03.2020

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