bedeckt München 21°

Neues Album "Glory":Britney Spears kann nicht singen - aber das ist kein Problem

Für immer eindeutig uneindeutig: Britney Spears.

(Foto: Randee St. Nicholas, Bearbeitung SZ.de)

Das ewige All-American-Girl des Pop ist zurück. Und ihr neues Album nur halb so schlimm wie erwartet. Woran mag das liegen?

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

Es gibt diese eine Szene in Harmony Korines Trash-Orgie "Spring Breakers", die ist einer der schönsten Momente, die das Kino in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten produziert hat - so künstlich ist sie und doch so berührend. James Franco sitzt da an einem weißen Piano mit Meerblick, den tätowierten Oberkörper entblößt, geflochtene Haare, Goldzähne. Um ihn herum, versteckt unter Sturmhauben und schwer bewaffnet, die drei Spring Breakers, junge College-Studentinnen auf immer rascher eskalierenden Sauf-, Party- und Raubmordferien.

"Spiel was Hübsches", sagt die eine zum White-Trash-Gangster Franco, "was Erbauliches. Spiel was Inspirierendes." Und was tut Franco alias Alien? Der stimmt ganz zärtlich Britney Spears an: "Eine der großartigsten Sängerinnen aller Zeiten. Und ein Engel, falls denn je einer auf Erden gelandet ist." Der Himmel färbt sich neonnagellackpink und der Engel stürzt: "Everytime I try to fly / I fall without my wings."

Es kommt bei Britney Spears nicht darauf an, was sie mit ihrer Stimme nicht kann

Und wie der Engel abgestürzt ist. Britney Spears war ein Teen-Superstar. Dann kam der Nervenzusammenbruch, ein Sorgerechtsstreit, Entmündigung. Noch heute darf Britney Spears keine wichtigen finanziellen Entscheidungen ohne die Zustimmung von Vater und Anwalt treffen. Dem Gericht muss sie regelmäßig jede einzelne Rechnung vorlegen - bis hin zur Starbucks-Quittung. Die Zeichen für Selbstverwirklichung stehen also schlecht. Umso erstaunter ist man nun, wenn man "Glory" (RCA / Sony) hört, ihr neues, neuntes Studioalbum. Denn wundersamerweise ist es nicht halb so schlimm wie erwartet.

Nur woran liegt das eigentlich? Der erste Song "Invitation" beginnt mit elektronisch frisiertem, vollkommen austauschbarem Falsettgesang. Aber nach einer halben Minute ist er dann doch wieder da, dieser typische Britney-Spears-Sound. Nur was ist das genau? Was ist das Britneyspearshafte an Britney Spears?

Es gilt ja gemeinhin als bekannt, dass Britney Spears nicht singen kann. Das ist wohl korrekt und doch kein Problem. Denn es kommt bei Britney Spears nicht darauf an, was sie mit ihrer Stimme nicht kann. Es kommt darauf an, was sie mit ihrer Stimme kann. Traumwandlerisch sicher beherrscht sie noch immer etwas, das man vielleicht angesungenes Sprechen nennen könnte, oder gesprochenes Singen, ein stabiles Zwischenreich eindeutiger Uneindeutigkeit. Wenn Britney Spears singt, klingt das nämlich etwa so: "Feel it noorrghw, feeerrghling somethiirrghng, kinda thiirrghnking out loourrghd." Die Vokale werden aus der Kehle eher herausgepresst als herausbegleitet, es ächzt und knarrt. "Vocal Fry" nennt man in den USA diese Art zu sprechen mittlerweile. Die Forschung ist sich uneinig, ob es Frauen strohdumm oder sexy-selbstbewusst klingen lässt. Klar ist: Eine der frühen Meisterinnen des Stimmbrutzelns - so die etwas ungelenke Übersetzung - war Britney Spears.

Noch immer am eindrücklichsten hört man ihre Kunst des frittierten Gesangs in "(Hit Me, Baby) One More Time", ihrem bis heute größten, 1998 veröffentlichten Hit. Der ganze Song ist im Grunde ein einziges Gebrutzel, irgendwo zwischen Comicfigur und angetäuschter Laszivität. Es ist dieses so seltsam aufrichtige wie hochglänzend hyperreale Geräusch, das im Zentrum von Britney Spears Werk steht. Und so funktioniert auch "Glory" überall dort, wo Britney Spears nicht klingen soll, als sänge sie, sondern wo sie frei heraus herumknarzen darf. Wie in den Strophen von "Make Me" oder im stark an Rihanna erinnernden Song "Private Show". Der Soundtrack von "Glory" ist dabei auf der Höhe der Zeit. Es gibt natürlich heftige EDM-Attacken ("Clumsy"), geisterhaften R'n'B ("Just Luv Me") und sanft federnde Akustiknummern ("Just Like Me"). Eine Gruppe größtenteils schwedischer Songwriter hat Britney diese zeitgemäße Tonspur serviert.

Aber man fragt sich am Ende dann doch, wie lange dieses ewige All-American-Girl des Highscore-Pop eigentlich noch das jugendfreie Sexsymbol geben will? Bis sie es satt hat, für strohdumm gehalten zu werden? Bis sie ihre Rechnungen wieder ganz allein nur für den Steuerberater sammeln darf? Bis sie keine Lust mehr auf Frittiertes hat?

© SZ vom 26.08.2016/doer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite