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Neues Album "Freetown Sound":Blood Orange tritt das Erbe von Prince an

Blood Orange, Dev Hynes

Ein Album wie eine Oper: "Freetown Sound" von Dev Hynes alias Blood Orange.

(Foto: Jason Nocito)

Dev Hynes, der Mann hinter dem Projekt Blood Orange, entfesselt einen Mahlstrom der Emotionen. Und braucht dafür nicht einen Hit.

Albumkritik von Karl Bruckmaier

Selten war die Feststellung so richtig, dass das, was man sieht, auch das ist, was man bekommt: Wer die Worte "Freetown Sound" googelt und auf die Bildereinstellung wechselt, den springt hundertfach das Cover dieses dritten Albums von Blood Orange an und nichts sonst: ein junges Paar in einem auf Rokoko für Arme getrimmten Hotelzimmer. Er sitzt, eine Zigarette zwischen den Fingern, auf dem mit einer goldenen Tagesdecke überzogenen Bett; sie lehnt sich an ihn, umarmt ihn. Beide scheinen müde, sie auch etwas trotzig. Und stolz. Angekommen, doch nicht daheim.

Die Eltern von Devonté Hynes waren in etwa so alt wie dieses Pärchen, als sie von Sierra Leones Hauptstadt Freetown nach London zogen. Dev Hynes selbst, der Mensch hinter dem Projektnamen Blood Orange, ist im selben Alter von London nach New York gegangen, ist ein nicht unwichtiger Player im stets brodelnden Musikspiel dieser Megapolis geworden, trifft sich mit Jay-Z und Debbie Harry, chillt mit Solange und Britney Spears.

Ein melancholischer Flow wie ein Wong-Kar-Wai-Film

Begonnen hat seine musikalische Laufbahn bei den Test Icicles, die vor gut zehn Jahren für gut zehn Minuten als das nächste große Ding galten. Hynes gab damals als Lieblingsmusik Slipknot und Smashing Pumpkins zu Protokoll, und dann waren die Test Icicles auch schon wieder weg vom Fenster. Dev Hynes gab sich nun einen Emo-Folkrock-Anstrich, tourte im Vorprogramm von Conor Oberst, würzte seine Songs mit etwas New Wave ab und schüttelte den nächsten ultracoolen Bandnamen aus dem Rüschenärmel: Lightspeed Champion. Ich kann mich noch genau an das Gefühl der Enttäuschung über Lightspeed Champion erinnern, weil die Musik nicht mit dem Bandnamen mithalten konnte. Und schließlich: Blood Orange.

Wieder ein Name wie ein Gelöbnis. Wieder ein Stilwechsel, hin zu einer elektronisch getriebenen Black Music, die einen melancholischen Flow hat wie ein Wong-Kar-Wai-Film. Zweitling "Cupid Deluxe" wurde bereits als Meilenstein einer Retro-Funkyness gelobt, sexuell wie musikalisch vieldeutig, ein Versprechen. Doch hatten die Songs immer noch etwas Schweres, auch Epigonales, eine Unreife, die durch reichlich Getue im Studio übertönt werden musste. Und jetzt "Freetown Sound".

Verstimmt schlagen die ersten Töne auf, zornige Spoken-Word-Poetry mischt sich ein, Blackness wird behauptet, Feminismus, der hl. Augustinus als Zeuge aufgerufen, kein Geringerer. Und ehe wir uns versehen, sind wir in einen Mahlstrom geraten, wie ihn seit Prince niemand mehr aufzuquirlen wusste. Und das in dem Jahr, als uns Prince Rogers Nelson so schmerzensreich verlassen hat.

Blood Orange - wieder ein Name wie ein Gelöbnis

In "Freetown Sound" ersteht der Prince von "Sign O' the Times" wieder: ein wahrhaft österliches Album im Hochsommer (das zurzeit übrigens nur digital erworben werden kann; Platte und CD folgen Mitte August). Und doch ist der Vergleich mit Prince - oder mit George Clinton - eine Falle. Denn "Freetown Sound" ist keineswegs, wie in mehreren etwas hilflos begeisterten Rezensionen zu lesen steht, eine Neunzigerjahre-Retroplatte. Nein, es wird nur die eklektische Methodik eines Prince auf die musikalischen Materialien der Gegenwart angewandt, etwas, das Prince verwehrt geblieben ist.

Wo Prince Funk und Miles und Hendrix und Sly Stone und sexuelle Mehrdeutigkeit versöhnte, indem er die Bestandteile bis zur Kenntlichkeit überhöht hat - also den ganzen langen Weg ging bis hin zur Lächerlichkeit - dort greift Dev Hynes mit beiden Armen in einen Trog voller Perlen, die für die Schweine von heute bestimmt waren, und lässt sie schimmern und glitzern, dass in jedem Juwelierladen die Alarmanlagen losplärren. Zu den Zutaten, mit denen Prince so sicher zu hantieren wusste, gesellen sich Hip-Hop, die fast atonalen Chöre der Dirty Projectors, cinematografisches Know-how, lästerliche Balladengestimmtheit des neuen Rhythm & Blues, sehr viel Poetry-Samples und - am wichtigsten - eine Produktionsökonomie, die aus den auf uns einstürzenden Eindrücken einen kraftvollen Flow werden lässt, der eine neue Musik antreibt: ein Kraftwerk der Emotionen und Möglichkeiten.

Eine einstündigen Tour de Force ohne Hit - funktioniert trotzdem

Wenn Hynes "Paul's Boutique" von den Beastie Boys als Referenzpunkt nennt, dann ist dies ebenfalls mehr ein methodischer Querverweis als ein nostalgischer Fluchtpunkt. Auch Dev Hynes Schwäche, der Gesang, ist aufgelöst. Wo er sich früher auf eine dominante Gaststimme verlassen hat, die sein nach Operationen geschwächtes und damit eindimensional wirkendes Organ stützen oder konterkarieren konnte, zerschlägt er hier mutig die Konventionen und geht den Hip-Hop-Weg, alles zu Wort kommen zu lassen, was bei drei nicht auf den Bäumen war: Stars und Samples, sich selbst und selbst ein Saxofon. Das 17 Stücke umfassende Album hat nur ein einziges Manko: Ich kann keinen Hit hören. Es funktioniert nur als Ganzes.

Dieselben Songs tauchen fragmentarisch oder umarrangiert an verschiedenen Stellen der einstündigen Tour de Force erneut auf. Bezüge werden erst in zeitlich weit entfernten anderen Songs deutlich. Das hier ist eine Oper, und wie bei Opern üblich, muss man sich halt auch drei Takte Mühe geben, um das große Ganze erfassen zu können. Also, ein Haufen Arbeit hier, eine Menge Spaß, und bevor ich es vergesse: "Freetown Sound" ist ungemein politisch. Wer sich in die Vielstimmigkeit eingehört hat, wird mit den Grundproblemen einer Blackness konfrontiert, die man sich im Mainstream eines weißen Europas und eines weißen Nordamerikas nicht vorstellen kann. Hier kommt der Soundtrack zu "Black Lives Matter", aber reflektierter, als dies vielleicht US-Bürgern möglich ist. Auch konstruktiver, als man dies vom gern zum Selbstmitleid neigenden Afroamerika kennt. Devonté Hynes hat seinen Platz gefunden. Er ist ein Wanderer, wie seine Eltern es waren. Auf der Suche nach Zukunft, nach Frieden, nicht unbedingt nach Identität. Nach Glück eben. Ein gutes Stück davon dürfte er mit "Freetown Sound" gefunden haben.

© SZ vom 29.07.2016/doer
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