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Neues Album der Red Hot Chili Peppers:Gewagt und zügellos

Auch im 28. Jahr ihres Bestehens liefern die "Red Hot Chili Peppers" die unpeinlichste Cabriomusik, wenn es so etwas überhaupt gibt. In "I'm With You" schaffen sie es immer noch, vertontes Herzblut zu vergießen, auch wenn ihr ihr zehntes Studioalbum etwas matt in der Abendsonne funkelt.

Max Scharnigg

Man muss kein besonders verkorkster Mensch sein, um bei der Nachricht eines neuen Albums der Red Hot Chili Peppers etwa dasselbe zu empfinden, wie bei der Nachricht, dass sich die Band aufgelöst hätte. Im Gegenteil, die Reaktion ist ähnlich mild: Erst sieht man reflexartig nach dem Himmel, ob er vielleicht doch mal ein bisschen so ist wie in Malibu.

Unverwüstliche Red Hot Chili Peppers: Die beiden Altvorderen Flea und Anthony Kiedis samt dem Schlagzeuger Chad Smith, der nun auch schon seit über zwanzig Jahren Bandmitglied ist, sorgen dafür, dass alles doch erstmal klingt wie immer und der Ersatzgitarrist Josh Klinghoffer streckenweise fast zu glatt eingemeindet wird.

(Foto: Warner)

Dann speist die innere Playlist zwei bis drei angenehme Erinnerungen ein. Etwas vom "Blood Sugar Sex Magik" (1991) natürlich, etwas von "Californication" (1999) und ja, auch noch etwas von "One Hot Minute" (1995) weil irgendein heftiger Herzschmerz bestimmt auch in die Zeit dieses mäßigen Albums fiel, bei dem Gitarrist John Frusciante die Band zum ersten Mal verlassen hatte.

So weit ist es jetzt wieder, Frusciante, der auf seinen Saiten die herrlichsten Wellen reiten und Volten schlagen konnte, lässt die Band im 28. Jahr ihres Bestehens abermals allein. Flea ist aber noch da. Seine Bassläufe sind eine mindestens ebenso eingetragene Marke wie Anthony Kiedis Angewohnheit, die Vokale beim Singen derart gummiartig zu dehnen, dass Karaoke mit seinen Liedern wirklich keinen Spaß macht.

Die beiden Altvorderen samt dem Schlagzeuger Chad Smith, der nun auch schon seit über zwanzig Jahren Bandmitglied ist, sorgen dafür, dass alles doch erstmal klingt wie immer und der Ersatzgitarrist Josh Klinghoffer streckenweise fast zu glatt eingemeindet wird. Zugestanden werden darf dem Jungspund aber ein Hang zu possierlichen Mini-Soli und diversen quirligen Saitenschrammeleien, die dem neuen Werk eine insgesamt leicht zerwühlte Frisur verpassen.

Um die Personalien abzuhaken: Rick Rubin, der Hausproduzent der Band, ist wieder am Mischpult gesessen und hat sich diesmal auch das bizarre Übersteuern gespart, mit dem das "Californication"-Album manchen nachhaltig verstörte. Damien Hirst hat das Cover entworfen, es zeigt folgerichtig eine Tablette. Neu sind ein paar Instrumente, Klavier und manische Cowbells, Bläser und Synthesizer.

An allen Ecken inszenierte Rock-Roughness

Sie spielen aber auch keine so bedeutende Rolle, dass man mehr drüber schreiben müsste. Nein, vor allem gibt es noch immer diese bandtypische Mischung aus weißem Gute-Laune-Funkrock, gesunden Zähnen beim sorgsam präsentierten Refrain und zügig entblößten Oberkörpern in der Abendsonne. Sugar, Sex und Californication sind weiterhin die wichtigsten Inhaltsstoffe und werden auf "I'm With You" (Warner) pflichtgemäß serviert.

Nur um das Blood steht es mittlerweile nicht mehr so gut, aber die alten Bandmitglieder feiern ja alle auch bald ihren 50. Geburtstag. Unter diesem Aspekt wirkt die an allen Ecken inszenierte Rock-Roughness, etwa beim Einstieg "Monarchy Of Roses" mit seinen Rückkopplungen mindestens ebenso gewollt wie der neue Schnauzbart von Anthony Kiedies, der dem Vernehmen nach aber ernst gemeint sein soll.

Im Video zu ersten Single "The Adventures Of Raindance Maggie", die zwar ganz ordentlich ist, aber doch kein ganz großer Hit werden dürfte, bewegen sich die Herren so, wie man es seit jeher von ihnen gewohnt ist, hüpfend und halbnackt über ein Hausdach und haben ihre Instrumente dabei beeindruckend tief in den Kniekehlen hängen - in einem Bandscheiben-Risikoalter wirkt das durchaus gewagt und zügellos.

Ewiges Sonnenstaat-Anliegen

Aber die besten Botschafter für ihr ewiges Sonnenstaat-Anliegen sind die alten Chili Peppers trotz dieser Kosmetik nicht mehr. Beim vierten oder fünften Durchlauf der Platte hat man deutlich das Gefühl, sie hätten diesmal absichtlich an den großen Würfen vorbeigearbeitet, mehrfach erleiden die Songs nach brauchbarem Beginn eine unnötige Zäsur, oder bekommen ein Hohlkreuz und hinken davon.

Und nein, das liegt nicht nur daran, dass einem die Begriffe Funkrock und Crossover mittlerweile ganz schön verwittert vorkommen. Die Herren selbst sprechen ja in Interviews von einer "völlig neuen Band", die sie nach fünf Jahren Veröffentlichungspause geworden wären.

Das ist offenkundiger Quatsch, dieses Album hätte genauso gut auf "One Hot Minute" folgen können. Falls sie mit dem Neuanfang die plakative Verweigerungshaltung in vielen Stücken meinen, so sei ihnen das natürlich gestattet, aber je länger eine Stadionband musiziert, desto öfter stellt sich doch die Frage nach ihrer Daseinsberechtigung.

Die beste Antwort darauf war seit jeher: neue Hits. Nicht ein bisschen gefälliges Brainstorming und Rumdrucksen in der Proberaumecke. Größtes Plus der Band war doch stets ihr niedrigschwelliger und allzeit abrufbarer Sexappeal, der die Songs in den besten Momenten so unwiderstehlich aus der Kurve beschleunigen konnte, wie die Achterbahn am Pier von Santa Monica ihre Passagiere.

Wenn Kiedis' Sprechgesang dereinst lässig über die brillant groovende Rhythmussektion stolperte und schließlich markant überschlagend den Refrain zelebrierte, wäre es einem selbst beim Inline-Skaten auf dem Weserdamm schwergefallen, ein dämliches Glücksgrinsen zu unterdrücken.

Diesen magischen Kickpoint treffen sie auf "I'm With You" aber nur noch selten, obwohl die Zutaten durchaus da sind. Allen voran Fleas superakzentuierter Bass geht dem Hörer an vielen Stellen wieder direkt ins Wippbein, nur leider greift bei vielen Songs dann die gute Idee nicht ganzheitlich über - vielleicht fehlen tatsächlich die Führungsqualitäten von Frusciantes Gitarre.

Ein schönes Farewell

Ausnahmen sind durchaus dabei - die angesprochene Single oder auch "Brendan's Death Song", der eine schönes Farewell für einen alten Freund der Band darstellt und angeblich einer spontanen Trauer-Jamsession entstammt. Solch vertontes Herzblut aber wurde eben nicht allzu großzügig vergossen, auch wenn sich das ganze Werk rein inhaltlich fast nur bei den Topthemen Tod und Liebe herumtreibt.

Eine gewisse Amtsmüdigkeit muss man ihnen also wohl attestieren, trotzdem sind die Red Hot Chili Peppers auch im Jahr 2011 noch die unpeinlichste Cabriomusik. Falls es so was überhaupt gibt.

© SZ vom 27.08.2011/pak
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