Neues Album der Pet Shop Boys Pet Shop Boys: Immer noch die Pop-Kids

Pet Shop Boys ARCHIV - British singer Neil Francis Tennant (L) and keyboard player Christopher Sean Lowe (R) of British electronic pop duo Pet Shop Boys perform during their concert in Zurich, Switzerland, 14 July 2014. EPA/STEFFEN SCHMIDT (zu dpa Gereifte ´Pop Kids" mit Berliner Basis: Neues von den Pet Shop Boys vom 29.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Auf ihrem neuen Album "Super" verarbeiten die Pet Shop Boys ihre eigene Biografie - und legen ein paar kluge Gedanken zum Neoliberalismus auf die Tanzfläche.

Albumkritik von Annett Scheffel

Man könnte es natürlich ganz leicht mit Nostalgie verwechseln: Ob man sich an früher erinnert - "those days, the early 90s" - fragt Neil Tennant ein bisschen nachdenklich, vielleicht auch gelangweilt oder einfach nur zufrieden ermattet. Und dann erzählt er, als hätte er eine Autobiografie der Pet Shop Boys in einen einzigen Popsong hineinschreiben wollen, wie sie in London landeten, dem Sehnsuchtsort und Schauplatz ihrer Songs: "where we needed to be to follow our obsession with the music scene", wo man einfach sein musste der zwanghaften Liebe zur Musik wegen. In den Clubs also, wo die Beats allmählich von Synthie-Disco auf Techno heruntergekühlt wurden und in die man "an einem nassen Mittwochabend" ging, ängstlich, dass vielleicht niemand da sein könnte.

So in etwa geht die Erzählung in "The Pop Kids", dem wohl besten Song auf dem neuen, insgesamt dreizehnten und auch sonst wieder hervorragend unterhaltsamen Album des britischen Duos. Die Pet Shop Boys wären nicht die Pet Shop Boys, wenn sie dem Werk nicht wieder einen so simplen wie genialen Titel gegeben hätten - "Super" (X2) - und wenn sie in den blitzblanken, bunt glänzenden Pop-Oberflächen der Songs nicht auch wieder ein paar Zerrspiegel eingebaut hätten. "Sie nannten uns Pop Kids", heißt es im Refrain, "weil wir die Pop-Hits liebten."

Eine ausgefuchste Mischung aus Autoscooter-Bums und Balladen-Melancholie

Das ist nicht einfach eine sentimentale Jugenderinnerung, sondern eine wundersam verknappte Erzählung über Popmusik selbst, über ihr innerstes Wesen, umkreist von jugendlichem Glückstaumel, Auskenner-Arroganz und Distinktionsgefühl: "We were young but imagined we were so sophisticated. Telling everyone we knew that rock was overrated", besingt Tennant die eigene Pet-Shop-Boys-Existenz. Jung waren sie und fühlten sich kultiviert, wenn sie allen erzählten, wie überschätzt Rockmusik sei. "The Pop Kids" ist ein Song, der sich in einem wunderbaren Akt der Selbstreflektion auffrisst und sich uns als Dance-Pop-Monster wieder vor die Füße spuckt.

Im Jahr des 30-jährigen Jubiläums ihrer Debütplatte "Please" schrauben Tennant und sein Studiopartner Chris Lowe weiter an ihrer sagenhaft ungebrochenen Stehaufmusik. Wie auf dem letzten Album "Electric" (2013) machen sie das, was sie immer gemacht haben: Dance-Pop, gespeist von Italo-Disco, Acid-House und dem unnachgiebigen Wummern des Techno. Kurzum: Neu ist er ganz und gar nicht, dieser pumpende Feel-Good-Sound der Neunzigerjahre. Aber niemand anders als die Pet Shop Boys hätte ihn in dieser ausgefuchsten Mischung aus Autoscooter-Bums und sanfter Balladen-Melancholie fertiggebracht. Dazu singt Tennant mit seinem unverwechselbar romantisch in die Höhe geschraubten und lakonisch geplätteten Stimmchen, starr und cool seine sarkastischen Texte.

Der Club nicht nur als Veranstaltungsstätte, sondern als große Pop-Idee

Los geht das Album programmatisch mit "Happiness", einem Popsong, der in seinem Dancefloor-Optimismus fast monströs erscheint und ähnlich von der Band Hot Chip hätte stammen können. Er handelt vom Weg zum Glück, der vom Feierabend mitten in die Stroboskop-beschienene Nacht führt. Das sehr gute, an Minimal-Techno geschulte "Inner Sanctum" würde, so Tennant in einem Interview, gut ins Berliner Berghain passen. Hier sei der Club noch etwas Demokratisches.

Natürlich war Tennant schon im Berghain, und vielleicht ist es das, was die Pet Shop Boys auch mit dieser Platte wieder im Sinn haben: Der Club nicht nur als Veranstaltungsstätte, sondern als große Pop-Idee. Das Versprechen der Tanzfläche, die radikale Unmittelbarkeit und unendlich viel Fun, Fun, Fun - geschenkt. Für die Pet Shop Boys war der Club immer noch etwas anderes, viel wichtigeres: ein Anlass, in die Beat-Spektakel und Lichtgewitter der Hitparaden-Vorschlaghammer-Musik auch kluge, kritische Gedanken zu legen. Nicht unbedingt tief, aber klar und treffend. Wie in "Twenty-something", in dem Tennant die Befindlichkeiten junger Großstädter besingt - "in a time of greed", in einer Zeit der Gier, der Banker und Spekulanten und neoliberalen Ausbeutungsszenarien. Oder in "The Dictator Decides", einer militärisch stampfenden Dance-Nummer von beißend satirischer Operettenhaftigkeit, in der ein müder, einsamer Despot seine Absetzung herbeisehnt.

Ob das alles nun nach 30 Jahren wirklich noch Musik zur Zeit ist, kann man sich natürlich trotzdem fragen, und wie immer hängt das vor allem auch vom Hörer ab. Man kann diese Popmusik mit dem feinen Gespür für das sehr enge Beieinanderliegen von Euphorie und Verlustängsten ein bisschen altmodisch finden. Oder aus nostalgischen Gründen lieben. In jedem Fall aber kann man sich ein Beispiel nehmen an dieser wunderbar geradlinigen, selbstironischen Pet-Shop-Boys-Sturheit, mit der sie ihre Musik produzieren. Dass dieser stille, steife Neil Tennant 2016 immer noch Zeilen singt wie "We're gonna burn this disco down", ohne ein bisschen rot zu werden. Als fabelhaft schamlose Fremdkörper sind die Pet Shop Boys immer noch eine Pracht.