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Neues Album der Indierock-Ikone Kim Gordon:Diese raue Sanftmut

Kim Gordon - Pressebild

Veredelte Selbstentblößung und jeder als Introspektion getarnter Narzissmus sind nicht ihre Sache: Kim Gordon.

(Foto: Natlia Mantini)

Die Gesellschaft ist für die Indie-Rock-Ikone Kim Gordon eine inspirierende Zumutung, die sie auf ihrem ersten Soloalbum "No Home Record" mit jeder Textzeile genüsslich zerlegt - mal grimmig-bohrend, mal liebvoll-spöttisch.

Kim Gordon weiß nicht genau, ob sie überhaupt schon mal in einer Wohnung geschlafen hat, die via Airbnb gebucht wurde. Sie sieht sich die Angebote lieber bloß online an. "Wie sie ... präsentiert werden. Sie sind so was wie ... zeitgenössische Landschaften für mich." Wo die drei Punkte in diesem Satz sind, lacht sie kurz. Sie scheint es amüsant zu finden, dazu interviewt zu werden. Manchmal lacht sie an Stellen, die nur für sie selbst sehr lustig sind: "Es geht um die Idee von Automation und Bequemlichkeit. Manche Dinge fangen als gute Idee an und dann ... geraten sie außer Kontrolle, irgendwie ..." Zu ihrer Single "Airbnb" gibt es kein Video, nur eine Beschreibung, wie das Video ausgesehen hätte, hätte sie sich eines leisten können. Text: "It would have been shot in slow motion / I would have been crawling along the floor / over the shag carpet". Das Video zur Single "Sketch Artist" zeigt sie als Uber-Fahrerin, die Passanten mit einem derart eisigen Blick anstarrt, dass sie zuckend zusammenbrechen. "Meine Freundin Loretta Fernholz hat Regie geführt. Sie hatte Angst, dass wir verklagt werden wenn wir 'Uber' verwenden, also haben wir 'Unter' benutzt." Ist ja auch irgendwie dasselbe.

Der Bläsersatz von "Sketch Artist", melancholisch wie Nordseenebel, eröffnet auch ihr neues Album "No Home Record" (Matador/Beggars/Indigo). Aber dann grätschen wuchtige, verzerrte Bassschläge dazwischen. Gordon faucht, halb wütend, halb zärtlich traurig. Ein Break mit meditativer Akustikgitarre, als würde die Sonne durch die Wolken brechen - und wieder Lärm. In destillierter Form ist in "Sketch Artist" alles enthalten, was Kim Gordon als Songwriterin auszeichnet: die Fähigkeit zum Lärm, der die Sinnesorgane von der Schlacke des Alltags befreit, aber auch zur rauen Sanftmut und unsentimentalen Romantik. Sie kann das Windspiel genauso in Musik überführen wie das tote Starren.

Dabei hat sie keine musikalische Ausbildung. "Ich bin nach New York gezogen, um Kunst zu machen, worin ich auch geschult bin. Wie man ein Instrument spielt, musste ich nicht wirklich wissen. Für mich waren Instrumente eher ein Instrument des persönlichen Ausdrucks, des expressionistischen Spiels. Ich habe mich nicht als Musikerin, sondern mehr als Künstlerin, die Musik spielt, gesehen." Sieht sie das heute noch so? "Ja, ich mache immer noch mehr Kunst als Musik. Ich bewege mich mehr in der Kunstwelt als in der Musikwelt."

Kim Gordon komponiert Lärm, der die Sinnesorgane von der Schlacke des Alltags befreit

Gerade hat sie eine Ausstellung in Dublin, sie hat im Warhol Museum ausgestellt, arbeitet an einer weiteren für ihre New Yorker Galerie. "Seit der Auflösung von Sonic Youth habe ich mich hauptsächlich auf Kunst konzentriert."

"No Home Record" ist ihr erstes Soloalbum. Sonic Youth haben ihrerzeit nicht nur dem Gitarrenrock in die zu dicken Eier getreten, ihm schmutzigen Glamour und so etwas wie das Leuchten der Avantgarde zurückgegeben, sondern auch im weiteren Verlauf ihrer Karriere keine einzige schwache Veröffentlichung vorgelegt. Sonst ist das in jüngerer Zeit höchstens Radiohead gelungen. Die Latte liegt also hoch. Kim Gordon unterläuft die Erwartungen. Vor vier Jahren erschien ihre durchaus bissige Autobiografie "Girl in a Band". Manch einer mag nun eine Art Memoir in Form von Popsongs erwartet haben. Doch die veredelte Selbstentblößung und jeder als analytische Introspektion getarnter Narzissmus sind nicht Kim Gordons Sache. Sie wendet den Blick immer wieder nach außen, auf die Absurditäten des Kunstbetriebs und der urbanen, dauervernetzten Wohlstandsgesellschaft - mal bohrend, mal liebevoll spöttisch, immer mit Sinn für echte (nicht nur behauptete) Poesie, wie sie aus der spielerischen Montage von Sprachfetzen und verdichteten Beobachtungen entstehen kann. Einen "Bericht von zu Hause" hat sie wirklich nicht vorgelegt. Den musikalischen Erwartungen begegnet sie ebenso gelassen und gut gelaunt: Mit feiner Ironie weckt sie die Assoziation mit dem Home Recording durch Negation. Sie will kein Meisterinnenwerk, sie nimmt ihre künstlerische Freiheit ernst.

Das Ergebnis ist ein wilder Ritt durch die Genres, zusammengehalten von einer guten Dosis grimmigen Rauschens und Kim Gordons unverwechselbarer Stimme zwischen Hauchen, coolem Sprechen und gepresster Grimmigkeit. Die Gesellschaft ist für sie eine inspirierende Zumutung. Sie zerlegt sie mit jeder Textzeile. Nicht dozierend, sondern indem sie in Sound und Text die Subjektivität auf den Punkt bringt und mit dem Geschwätz, das einen tagtäglich bombardiert, kurzschließt.

Was sie von der umstrittenen BDS-Bewegung, die zum Boykott Israels aufruft und von ihrem Ex-Mann und Ex-Bandkollegen Thurston Moore unterstützt wird, hält? "Sorry, die Was-Bewegung? Ehrlich gesagt hab ich das nicht wirklich verfolgt. You know ... I haven't."

Schon vor 30 Jahren hat sie im Song "Swimsuit Issue" den Sexismus im Showgeschäft angeprangert

Es sei dahingestellt, ob sie BDS wirklich nicht kennt - was angesichts des Einflusses der von Roger Waters und vielen anderen Künstlern aggressiv beworbenen Bewegung in der internationalen Indie-Pop-Szene überraschend wäre - oder ob sie der Frage ausweicht. Auf jeden Fall kann man davon ausgehen, dass Gordon zwar ein gesellschaftspolitisch wacher Mensch ist, aber keine Aktivistin. Schon vor bald 30 Jahren hat sie mit "Swimsuit Issue" auf der Sonic-Youth-Platte "Dirty" sexistisches und übergriffiges Verhalten im Showbusiness angeprangert. Zu schleppendem Gitarrenlärm zählt sie am Ende mit einem wie von einer groben Schleifscheibe aufgerauten Gurren die Namen der Models in der "Swimsuit Issue" der Zeitschrift Sports Illustrated auf. "Naaaaooomiii", stöhnt sie mit der richtigen Dosis Aggressivität und zuletzt "Ice Women" - ihr Engagement für Ermächtigung setzt auf die Kraft der Kunst.

Ihr liebster neuer Song ist "Paprika Pony", er klingt wie ein sehr süßes Tier aus einem Horrorfilm. Ein Hip-Hop-Beat, auf sein wie in Stop-Motion-Technik tanzendes Skelett reduziert. Ein bisschen linkisch, aber fröhlich. Sie hätte beinahe das ganze Album so genannt. "Es ist die Vorstellung einer modernen Adam und Eva ... im Garten Eden, aber ... an ihren Handys." Wie wichtig ist ihr das Gefühl der Wut für ihre Arbeit? "Ich denke nicht, dass ich ... besonders wütend bin. Hmm, you know. I don't know. Wut ist vielleicht nicht das richtige Wort. You know like ... Es gibt so ein bisschen ... kritische Kritik. Lass uns uns darauf einigen ..." Oder wie heißt es gleich wieder in "Don't play it", dem Song, der so etwas wie der Angelpunkt des neuen Albums ist: "You can pee / in the ocean / golden vanity / you can pee / in the ocean / it's free."