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Neues Album "Day Breaks":Blues kann nur jemand singen, dessen Leben ein Jammertal ist

Wobei man sagen muss, dass sie damit ja wirklich nicht nur Männern auf die Nerven geht. Die Ungerechtigkeit in der eingangs zitierten fiesen Bemerkung im New Yorker Stadtpark liegt eher in der Arroganz der Gutgelaunten, die den kleinen Melancholien absprechen, genauso weh zu tun wie ein handfester Blues. Von dem heißt es ja, dass man ihn wirklich nur singen kann, wenn die Familie vor Generationen aus der Heimat vertrieben wurde und das Leben auch sonst ein Jammertal ist.

Das alles wäre einem vielleicht nicht weiter aufgefallen, man hätte sich das neue Album vielleicht gar nicht so genau angehört, weil man ja nicht alles gut finden muss, was sehr viele mögen, wenn "Day Breaks" nicht ein Neuanfang wäre. Musikalisch ist sich Jones durchaus treu geblieben. Auch wenn sie ihre neuen Songs öffentlich zum ersten Mal im Sommer beim Newport Jazz Festival vorstellte (das an diesem Abend zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder ausverkauft war). Und auch wenn sie jetzt wieder mehr Klavier als Gitarre spielt und sich ein paar alte und jüngere Veteranen des Blue Note Labels ins Studio holte, wie den Saxofonisten Wayne Shorter, den Organisten Lonnie Smith und den Schlagzeuger Brian Blade.

Mit einem Mal sind ihre Torch Songs keine Seufzer mehr, sondern klare Statements

Das Credo ihrer Erneuerung findet sich im dritten Song "Flipside". Da singt sie "I finally know who I'm supposed to be. My mind was locked but I found the key" (Ich weiß endlich, wer ich sein soll, mein Verstand war verschlossen, aber ich habe den Schlüssel gefunden). In dem Song liegt auch der musikalische Subtext, der sich durch das Album zieht. "Flipside" ist eine unverhohlene Variation der Bürgerrechtshymne "Compared To What" von Les McCann und Eddie Harris. Den Song habe sie vor einiger Zeit wie manisch immer wieder durchgehört, sagte sie neulich.

Überhaupt scheint sie sich tief in ihrer Plattensammlung vergraben zu haben. "Carry On" ist ein Hybrid aus dem Swing-Klassiker "Makin' Whopee" und "Bridge Over Troubled Water" in der Gospelversion, die Aretha Franklin auf ihrem "Live at Fillmore West"-Album sang. Damit ist Jones sicherlich ganz auf der Höhe der Zeit, weil sich von Kendrick Lamar über Beyoncé bis zu David Bowie in letzter Zeit offensichtlich die gesamte Popwelt durch ihre Jazzplattensammlungen gehört hat.

Was aber wirklich überrascht, ist die neue Festigkeit in ihrer Stimme, die sie in "Flipside" thematisiert. Mit einem Mal sind ihre Torch Songs keine Seufzer mehr, sondern klare Statements. Mit dieser neuen Festigkeit bekommen ihre Songs auch endlich den Soul, den sie verdient haben. Mit den zwölf Songs singt sie sich auf "Day Breaks" in die erste Reihe, in die sie ihr Erfolg längst katapultiert hat. Und wie es sich gehört, knüpft sie mit drei Coverversionen auch gleich noch an mächtige musikalische Wurzeln an, singt "Don't Be Denied" von Neil Young, "Peace" von Horace Silver und beweist sich bei "Fleurette Africaine" auch noch als Pianistin, die es sich erlauben kann, sich an Duke Ellington zu versuchen.

Man hat das übrigens ahnen können. Vor drei Jahren veröffentlichte sie zusammen mit Billy Joe Armstrong von Green Day das Album "Songs Our Daddy Taught Us", auf dem sie zusammen Lieder von den Everly Brothers sangen. Das war für beide so etwas wie ein Manifest, dass man im Pop durchaus älter und alt werden kann, weil es längst ein historisches Fundament gibt, auf das man bauen kann.

© SZ vom 08.10.2016
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