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Neues Album: Bright Eyes:Keine Angst für niemand

Conor Oberst, Frontmann der "Bright Eyes" und Indie-Papst, hat die Rolle des Angsthasen abgelegt. Das neue Album ist ein Fortschritt, wie er einem zerbrechlichen Genie nur selten gelingt.

Niemand bemerkt, wie der schmale Junge mit den großen Augen auf die DJ-Kanzel schlüpft, er hat die Kapuze seines Pullovers ins Gesicht, die Ärmel ganz über die Hände gezogen. Keine Angriffsfläche will er geben, keiner soll ihn erkennen, keiner soll sehen, wie er sich hinter den fremden Plattenkoffern klein macht, während sein Tourmanager die Hände ringt und den DJ weiterspielen heißt.

Kein komischer Überernst mehr: Bright Eyes-Mastermind Conor Oberst (Mi.) mit Mike Mogis (li.),  und Nate Walcott (re.)

Es ist der 15. November 2004 und das Münchner Atomic Café ist so voll, dass man von den Plattentellern bis zur Bühne gelangen könnte, ohne einmal den Boden zu berühren. Aber diese Bühne ist leer, weil der Junge, der dort auftreten soll, gegen eine Panikattacke ankämpft und sich erstmal hinten beim DJ an die Menge gewöhnen will. Der Junge ist Conor Oberst und die Menschen, die ihm an diesem Abend solche Angst machen, sind hier, weil sie ihn lieben und sich schon vor Monaten Tickets gesichert hatten.

Es ist das 2002 erschienene Album Lifted Or..., das Oberst in diese Bredouille gebracht hat. Zwar war es schon das vierte, das der musikalische Schnellstarter mit seiner Band Bright Eyes vorlegte, aber das erste, das den 22-Jährigen weltweit und über Nacht unter Genieverdacht stellte. Mühelos holte er damit den Indiepokal für ein paar Jahre in die USA, während England in den Ruinen von Britpop auf der Stelle trat. Die Musik klang wie die Panik eines Jungen aus Omaha, Nebraska, der Songs schreibt seit er 13 ist, mit 15 Alkoholiker wird und mit 17 als Hauptberuf "Musiker" angibt. Zerrissenheit vertont mit Mitteln des Folkpop, mal opulent orchestriert, mal ganz minimalistisch, eine akustische Gitarre, ein Glockenspiel, die rund um seine zaudernde, kehlige Knabenstimme stolpern.

Wunderbare Kaputtness war das, und sehr mehrheitsfähig zum verkorksten Beginn dieses Jahrtausends. Obersts eigenes Plattenlabel Saddle Creek wurde durch die Aufmerksamkeit ein paar Jahre lang das Zentrum dessen, was alle meinten, wenn sie "Indie" sagten, und die Freunde, die er dort veröffentlichte, Bands wie Cursive, Rilo Kiley oder The Faint, lieferten die alternative Tonspur für das junge Amerika. Allen voran krümmte sich der schmale Junge mit den großen Augen, kein Cobain, kein Gallagher, eher ein Dylan Thomas mit Gitarre.

Kein Wunder, dass Jonathan Franzen als großer Erforscher des amerikanischen Zeitgeistes in seinem neuen Roman "Freiheit" den Besuch eines Bright-Eyes-Konzerts schildert und seinen Protagonisten verwundert die dort zelebrierte Zerbrechlichkeit notieren lässt, die Sehnsucht eines Publikums nach einem zerbrechlichen jungen Prediger: "(...) Oberst, der einen taubenblauen Frack trug, betrat allein die Bühne, schnallte sich eine Akustische um und sang zwei längere Solonummern. Er war der wahre Jakob, ein junges Genie (...)."

Der Sieg über die Angst

Kein Wunder auch, dass dieser wahre Jakob nach den Erfolgen von Lifted Or... und dem Nachfolger I'm Wide Awake It's Morning (2005) den Platz als alternativer Posterboy wieder freiwillig räumte, weg wollte von der selbsterfüllenden Prophezeiung, zu der er mit seinen Depressionen und Auftrittsängsten geworden war. Zwar machte Oberst seitdem ununterbrochen Musik, aber er enttäuschte absichtlich die Erwartungen: Er spielte solo und in ständig wechselnden Besetzungen, veröffentlichte zwei Platten am gleichen Tag, reihte sich als Mitglied bei der Supergroup Monsters Of Folk ein, war hier und dort und schrumpfte. Die Kritiker begannen zu kritisieren und es hätte nicht viel gefehlt und Bright Eyes wären eines der vielen Pop-Kapitel geworden, die abgeschlossen und mit ein bisschen verkrustetem Herzblut in den Plattensammlungen von Menschen liegen, die früher einmal jung waren.

Alles ist da, aber alles ist neu

Nun aber, vier Jahre nach dem letzten Bright-Eyes-Lebenszeichen legt Oberst mit The People's Key (Saddle Creek) nach, zu einem Zeitpunkt also, an dem niemand mehr etwas erwartet. Geändert hat sich allerdings erstmal wenig, der Einstieg ist so sperrig wie immer, Oberst hat immer noch diese uralte Kinderstimme, die mehr nacherzählt und insistiert, als tatsächlich zu singen. Aber dann ist da aber gleich beim zweiten Song "Shell Games" etwas Neues, Artifizielles , das die ganze Sache allerdings unheimlich voranbringt.

Oberst der in diesen Tagen 31 Jahre alt wird, taumelt nicht mehr durch seine Kompositionen, schnitzt nicht mehr nur am Aua-Stöckchen, sondern hat The Cure gehört und gibt der Trostlosigkeit ein bisschen Sex, der Verzweiflung ein bisschen Wave. Approximate Sunlight oder Haile Selassie, große Songs und veritable Abgründe in denen sich die Band aber nicht verliert, sondern die sie hinter ihrem Vormann mit guter Absicht durchwandert.

Die Folk- und Countryelemente, die sich so schlecht ironisieren lassen, sind weniger geworden, stattdessen ist The People's Key über weite Strecken eleganter und moderner Gitarrenpop, überaus konzentriert vorgetragen, ohne dabei auch nur ein Stückchen Seele einzubüßen. Das Album ist ein Fortschritt, wie er fast niemandem in dieser Klasse der Monster-Melancholiker sonst gelingt.

Alles ist da, aber alles ist neu: Der Ladder Song am Ende der Platte ist vermutlich das traurigste Lied, das Oberst in seiner langen Karriere aufgenommen hat und trotzdem kokettiert es keine Sekunde mit dem komischen Überernst von Lifted Or..., wie er eben auch Jonathan Franzen aufgefallen war. Was hier neu ist, ist der Sieg über die Angst. Ob es die ureigene Angst des Conor Oberst war, wird sich zeigen - das Konzert in Berlin am 18. Februar ist jedenfalls schon längst ausverkauft.

© SZ vom 11.02.2011/tolu
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