Neuer Roman von Jonathan Franzen:Virtuos variiertes Tempo

Auf seine männliche Hauptfigur angewendet, bedeutet dies: "Andreas' Gabe war es, in totalitären Systemen singuläre Nischen zu finden." Für ihn, den privilegierten Sohn des Chefökonomen der DDR und einer linientreuen Anglistik-Professorin - auch Spionage-Chef Markus Wolf gehört als Onkel zweiten Grades zur Familie -, war die Stasi sein bester Freund. Denn er konnte darauf vertrauen, dass sie im eigenen Interesse die Aufklärung des Mordes an einem Netzbeschmutzer aus den eigenen Reihen vereiteln würde. Solange die Mauer stand, war sein Geheimnis geschützt.

Ein wenig hat Franzen wohl gespürt, dass die Analogie von Diktatur und Internet frivol wirken könnte. Vielleicht gibt es deshalb eine zweite Episode im Buch, in der Franzen mit einer fast schon übertriebenen Liebeserklärung an die DDR-Bürger Abbitte leistet für seine vorherige Gleichsetzung.

Ohnehin ist "Unschuld", so einseitig seine diskursiven Setzungen sein mögen, alles andere als ein dürrer Thesen-Roman. Es ist kein Buch, das über so wenig Körperfett verfügt wie ein Shaker-Stuhl, um eine von Franzens Metaphern aufzugreifen.

Der Roman besticht durch seine stoffliche Fülle und seinen Reichtum an voll entwickelten, plastischen Charakteren, deren jeweilige Backstory in epischer Breite aufgerollt wird, wobei Franzen zwischen Passagen, in denen sich die Handlung fast überschlägt, und solchen der nachholenden Vertiefung das Tempo virtuos variiert.

Franzen gelingt es, glaubwürdig in die verschiedensten sozialen Welten einzutauchen. Das Milieu einer poststudentischen WG vermag er genauso suggestiv einzufangen wie die James-Bond-hafte Szenerie mit einem zynischen Risikokapitalanleger aus dem Silicon Valley.

Eingewebt: die Geschichte einer desaströsen Ehe

"Unschuld" ist Campus-, Bildungs- und Berlin-Roman in einem, Polit-Thriller und Pamphlet, alles gleichzeitig, und nebenher auch ein Buch über den Journalismus. Als Roman im Roman eingeschaltet ist die in Ich-Form erzählte, travestiehafte Geschichte von Tom Aberants desaströser Ehe.

Seine Frau, die hochmanipulative Avantgarde-Künstlerin Anabel, schlägt den milliardenschweren Treuhand-Fonds, der ihr als Erbin des größten Lebensmittelkonzern der USA zusteht, aus, um mit Tom in einer streng vegetarischen und weitgehend enthaltsamen Symbiose zu leben.

Wie alle früheren Romane von Jonathan Franzen ist auch "Unschuld" ein Familienroman, aber er handelt von der Zusammenführung einer Familie, die nicht einmal weiß, dass sie eine ist.

Rhetorischer Schall und durchaus Wahn

Franzen spinnt ein geradezu hexenmeisterhaft dichtes Netz aus Motiven und Verweisen. Toms Mutter beispielsweise leidet genauso an einer chronischen Magen- und Darmkrankheit wie einst ihre Mutter. Das Bauchgrimmen und seine Folgen aber ist Franzens höhnische analoge Antwort auf den Shitstorm im Netz und zugleich seine Mahnung, mehr auf das Bauchgefühl zu hören.

Denn im Kern ist "Unschuld" ein Roman über Menschen, die sich gerade dadurch schuldig machen, dass sie ihre moralische Integrität über alles stellen - man mag das Hypermoral nennen, Rigorismus, Tugendterror. Oder einfach Puritanismus. Fast auf jeder Seite geht es um Begriffe wie "Schuld" oder "Schuldgefühle". Die heutige Transparenz-Doktrin ist nur eine jener Reinheitsfantasien, die, so Franzen, immer eine dämonische Seite haben.

"Früher einmal hatte es genügt, ,Schall und Wahn' oder ,Fiesta' zu schreiben", um sich seinen Platz im Kanon der modernen amerikanischen Literatur zu sichern, sagt der Schriftsteller Charles Blenheim im Buch. "Heute dagegen war Umfang unerlässlich. Dicke, Länge."

Jonathan Franzen hat einige dicke Bücher geschrieben. Sein neues Buch "Unschuld" enthält viel rhetorischen Schall und durchaus Wahn - und doch ist es eine große Fiesta, weil dieses Buch teuflisch gut geschrieben ist.

Jonathan Franzen: Unschuld. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 832 Seiten, 26,95 Euro. E-Book 23,99 Euro.

© SZ vom 04.09.2015/pak
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