bedeckt München 26°

Neuer Roman von Jonathan Franzen:Bei der These des Romans zuckt man etwas zusammen

Jonathan Franzen

Schriftsteller Jonathan Franzen: Ist das Netz eine neue DDR?

(Foto: dpa)

Pip soll in die Redaktion des Denver Independent, eines Online-Pressedienstes, eingeschleust werden. Chefredakteur ist ein Mann namens Tom Aberant, ein unbequemer Mitwisser von Wolfs dunkelstem Geheimnis.

Kurz nach dem Mauerfall hatte Wolf diesem Tom, einer Zufallsbekanntschaft in einem West-Berliner Lokal, anvertraut, dass er einen Mord auf dem Gewissen hat. Und Tom hatte ihm geholfen, die Leiche zu beseitigen. Seine Stasi-Akte war da bereits in Wolfs Besitz, beim Sturm auf die Normannenstraße hatte er sich als Bürgerrechtler ausgegeben und damit den Grundstein seiner Karriere gelegt.

Seit fünfundzwanzig Jahren lebt Wolf mit der Angst, Tom könnte sein Wissen gegen ihn verwenden und damit das öffentliche Bild des Saubermanns und Transparenz-Apostels zerstören. Also wird Pip nach Denver geschickt, um schmutzige Geheimnisse in Toms Leben aufzustöbern; die passende Spionage-Software ist schon installiert. Und als Eintrittskarte gibt Wolf ihr eine Geschichte über einen verschwundenen atomaren Gefechtskopf mit auf den Weg.

Ein Mephisto, der sich selbst zur Hamlet-Figur stilisiert

Im Grunde aber dienen sämtliche Aktivitäten des Sunlight Projects - so heißt Wolfs Enthüllungs-Plattform - nur als Attrappe, hinter der ihr Gründer sich versteckt. Alles soll das Sonnenlicht an den Tag bringen, nur eben nicht Wolfs wahren Charakter.

Doch die Doppelmoral, der Gegensatz von Schein und Sein, öffentlicher Persona und privater Person, ist hier nicht nur physiognomische Eigenart einer gespaltenen Persönlichkeit, die sich selbst zu einer tragischen Hamlet-Figur stilisiert - sogar auf die Szene mit Yoricks Schädel spielt Franzen an, wenn Wolf den Kopf der Leiche getrennt vom Körper entsorgt.

Franzen geht weiter, indem er an diesem Mephisto seine geballte Kulturkritik festmacht. Im Roman ist Andreas Wolf nichts Geringeres als einer, der fleißig mithilft, die Mauer wieder hochzuziehen. Sie heißt nun nicht mehr "Eiserner Vorhang", sondern Firewall, und sie ist nicht aus Steinen, sondern aus Netzwerken gemacht.

Franzens Idealismuskritik mag überzogen sein und hat doch einen wahren Kern

Zugegeben, man zuckt doch etwas zusammen über die steile These des Romans, das Internet sei die wiederauferstandene DDR. Wer den totalitären Staat mit Google gleichsetzt, verharmlost schließlich beides. Und dass ausgerechnet der Whistleblower die abgründigste Figur und die größte Bedrohung für die freie Welt darstellen soll, dürften NSA und Amazon mit Freuden lesen, denn damit wird von deren ungleich größerer Macht abgelenkt.

"Es gab in dem neuen Regime eine Menge potenzieller Snowdens", schreibt Franzen. "Angestellte mit Zugang zu den Algorithmen, die von Facebook benutzt werden, um die Privatsphäre seiner User zu Geld zu machen, und von Twitter, um vermeintlich selbstgenerierende Mems zu manipulieren. Doch kluge Menschen fürchteten das neue Regime in Wahrheit mehr als das, was fürchten zu müssen es den weniger klugen Menschen eingebläut hatte, nämlich die NSA, den CIA - die eigenen Terrormethoden zu verschleiern, indem man sie dem Feind zuschrieb und sich als einzige wirkungsvolle Verteidigung dagegen präsentierte, war ein Verfahren, wie es im totalitären Lehrbuch stand - und folglich hielten die meisten Snowdens den Mund."

Verkehrt der Autor hier nicht in Verkennung der Tatsachen Ursache und Wirkung? Franzen will zeigen, dass selbst vermeintlich demokratische Korrektive à la Wikileaks Teil eines Systems sind, das sie letztlich stabilisieren, so ehrenwert die individuellen Motive auch sein mögen.

Obwohl Franzen nicht ganz unrecht hat mit der negativen Dialektik, kann man seine Idealismuskritik auch so lesen, als wolle er der NSA einen Freibrief ausstellen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB