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Neuer Roman von Jonathan Franzen:Geballte Kritik am Tugendterror

Ein Akt der Selbstbefreiung: Am 15. Januar 1990 stürmten Demonstranten die Zentrale der Staatssicherheit der DDR in der Ost-Berliner Normannenstraße. Danach begann die Aufarbeitung. Aber die Aufarbeiter begriffen nicht, dass sie an der Gesellschaft vorbeierzählten.

(Foto: AP/Jockel Finck)

Teuflisch gut: Jonathan Franzens neuer Roman "Unschuld" erzählt von einem Pakt zwischen einem Internet-Guru und einer bedrängten Idealistin.

Von Christopher Schmidt

Geruch ist Fluch", pflegt ihre Mom zu sagen, von der Pip den übermäßig entwickelten Geruchssinn geerbt hat. Nicht geerbt hat sie jedoch deren Reinlichkeitsfimmel, den ihre Mutter zu einer moralischen Kategorie überdehnt.

Purity - Reinheit hat sie geradezu programmatisch ihre Tochter getauft, und "Purity" ist auch der amerikanische Originaltitel des neuen Romans von Jonathan Franzen, der auf Deutsch "Unschuld" heißt. Weil Purity ihren Namen zutiefst verabscheut, nennt sie sich Pip, wie der Waisenjunge aus dem Charles-Dickens-Roman "Große Erwartungen" - so viel viktorianische Märchenromantik muss bei Franzen, dem erklärten Traditionalisten, schon sein.

Doch Purity - Nomen est omen - ist zur Reinheit verdammt, wenn auch einfach nur milieubedingt. Zu gern würde sie sich aus diesem Milieu befreien, an das sie doppelt gefesselt ist: Auf der einen Seite durch die klammernde, psychisch labile Mutter, die in Felton im kalifornischen Santa Cruz Valley an der Kasse einer Bio-Ladens sitzt und Pip ganz allein großgezogen hat in ihrer einfachen, Henry-Thoreau-haften Waldhütte.

Auf der anderen Seite hat Pip Schulden in Höhe von 130 000 Dollar aus einem Studienkredit, ein Betrag, den sie aus eigener Kraft nie wird abbezahlen können.

Pips Leben spielt sich in einer etwas weltfremden Gutmenschen-Blase ab

Jetzt, mit 23 Jahren, jobbt sie im Direktmarketing einer kleinen Beraterfirma für Öko-Strom, die nichts herstellt und nichts verkauft und doch existieren kann vom schlechten Umwelt-Gewissen ihrer Klientel. Und sie wohnt in einem besetzten Haus in Oakland, zusammen mit einem gestrandeten Occupy-Aktivisten und anderen Weltverbesserern.

Pips Leben spielt sich in einer etwas weltfremden Gutmenschen-Blase ab. In einer großartig komponierten Szene im ersten Teil dieses genial gefügten Romans bringt Franzen das Dilemma seiner Heldin auf den Punkt.

In ihrem Lieblingscafé hat sie Jason, einen gleichaltrigen Nerd, abgeschleppt, aber als sie daheim kurz ins Badezimmer schlüpfen will, um Kondome zu holen, wird sie von den deutschen WG-Gästen aufgehalten. Die schöne Annagret will sie für ein Praktikum bei dem großen Internet-Guru Andreas Wolf anwerben. Enthaltsamkeit und Sündenfall kommen in dieser Episode zusammen.

Denn Wolf, eine Julian-Assange- Figur, ist der Gründer einer weltweit operierenden Enthüllungsplattform. Seinen Stützpunkt bildet ein Camp im bolivianischen Dschungel.

Auch bei diesem faustischen Pakt kommt es auf das Kleingedruckte an

Auf Pips erste kratzbürstige Mail meldet sich der berühmte Whistleblower sogleich persönlich, woraus sich ein längerer E-Mail-Verkehr entspinnt. Diese geruchsneutrale Art der Kommunikation ist der Grund, weshalb Pips feine Nase sie diesmal im Stich lässt - sie wittert den Schwefelgeruch nicht, der von Wolf ausgeht, dem sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz.

"Mit diesen Deutschen ist etwas faul", das ahnt allein Pips Mitbewohner. Wolf verspricht Pip, ihr bei Suche nach ihrem Vater behilflich zu sein, wenn sie bei ihm anheuert. Das ist der Deal, den man getrost einen faustischen Pakt nennen kann. Ein Mephisto-Zitat aus Goethes "Faust" ist dem Roman als Motto vorangestellt.

Doch wie bei jedem Vertrag kommt es auch bei diesem Teufelspakt auf das Kleingedruckte an. Und mit dessen Diabolik macht Wolf sie erst in einem Hotelzimmer in Bolivien vertraut - das Basislager selbst schildert Franzen als zeitgemäße Hexenküche. Eine Schar junger, idealistischer, in der Mehrzahl weiblicher Ivy-League-Absolventen hält für den charismatischen Verführer Wolf den Hexenkessel unter Feuer, während der Meister sich einstweilen darauf konzentriert, Pip zu manipulieren, als rühre er "mit einem Holzlöffel" in ihrem Kopf herum.

Bei der These des Romans zuckt man etwas zusammen

Jonathan Franzen

Schriftsteller Jonathan Franzen: Ist das Netz eine neue DDR?

(Foto: dpa)

Pip soll in die Redaktion des Denver Independent, eines Online-Pressedienstes, eingeschleust werden. Chefredakteur ist ein Mann namens Tom Aberant, ein unbequemer Mitwisser von Wolfs dunkelstem Geheimnis.

Kurz nach dem Mauerfall hatte Wolf diesem Tom, einer Zufallsbekanntschaft in einem West-Berliner Lokal, anvertraut, dass er einen Mord auf dem Gewissen hat. Und Tom hatte ihm geholfen, die Leiche zu beseitigen. Seine Stasi-Akte war da bereits in Wolfs Besitz, beim Sturm auf die Normannenstraße hatte er sich als Bürgerrechtler ausgegeben und damit den Grundstein seiner Karriere gelegt.

Seit fünfundzwanzig Jahren lebt Wolf mit der Angst, Tom könnte sein Wissen gegen ihn verwenden und damit das öffentliche Bild des Saubermanns und Transparenz-Apostels zerstören. Also wird Pip nach Denver geschickt, um schmutzige Geheimnisse in Toms Leben aufzustöbern; die passende Spionage-Software ist schon installiert. Und als Eintrittskarte gibt Wolf ihr eine Geschichte über einen verschwundenen atomaren Gefechtskopf mit auf den Weg.

Ein Mephisto, der sich selbst zur Hamlet-Figur stilisiert

Im Grunde aber dienen sämtliche Aktivitäten des Sunlight Projects - so heißt Wolfs Enthüllungs-Plattform - nur als Attrappe, hinter der ihr Gründer sich versteckt. Alles soll das Sonnenlicht an den Tag bringen, nur eben nicht Wolfs wahren Charakter.

Doch die Doppelmoral, der Gegensatz von Schein und Sein, öffentlicher Persona und privater Person, ist hier nicht nur physiognomische Eigenart einer gespaltenen Persönlichkeit, die sich selbst zu einer tragischen Hamlet-Figur stilisiert - sogar auf die Szene mit Yoricks Schädel spielt Franzen an, wenn Wolf den Kopf der Leiche getrennt vom Körper entsorgt.

Franzen geht weiter, indem er an diesem Mephisto seine geballte Kulturkritik festmacht. Im Roman ist Andreas Wolf nichts Geringeres als einer, der fleißig mithilft, die Mauer wieder hochzuziehen. Sie heißt nun nicht mehr "Eiserner Vorhang", sondern Firewall, und sie ist nicht aus Steinen, sondern aus Netzwerken gemacht.

Franzens Idealismuskritik mag überzogen sein und hat doch einen wahren Kern

Zugegeben, man zuckt doch etwas zusammen über die steile These des Romans, das Internet sei die wiederauferstandene DDR. Wer den totalitären Staat mit Google gleichsetzt, verharmlost schließlich beides. Und dass ausgerechnet der Whistleblower die abgründigste Figur und die größte Bedrohung für die freie Welt darstellen soll, dürften NSA und Amazon mit Freuden lesen, denn damit wird von deren ungleich größerer Macht abgelenkt.

"Es gab in dem neuen Regime eine Menge potenzieller Snowdens", schreibt Franzen. "Angestellte mit Zugang zu den Algorithmen, die von Facebook benutzt werden, um die Privatsphäre seiner User zu Geld zu machen, und von Twitter, um vermeintlich selbstgenerierende Mems zu manipulieren. Doch kluge Menschen fürchteten das neue Regime in Wahrheit mehr als das, was fürchten zu müssen es den weniger klugen Menschen eingebläut hatte, nämlich die NSA, den CIA - die eigenen Terrormethoden zu verschleiern, indem man sie dem Feind zuschrieb und sich als einzige wirkungsvolle Verteidigung dagegen präsentierte, war ein Verfahren, wie es im totalitären Lehrbuch stand - und folglich hielten die meisten Snowdens den Mund."

Verkehrt der Autor hier nicht in Verkennung der Tatsachen Ursache und Wirkung? Franzen will zeigen, dass selbst vermeintlich demokratische Korrektive à la Wikileaks Teil eines Systems sind, das sie letztlich stabilisieren, so ehrenwert die individuellen Motive auch sein mögen.

Obwohl Franzen nicht ganz unrecht hat mit der negativen Dialektik, kann man seine Idealismuskritik auch so lesen, als wolle er der NSA einen Freibrief ausstellen.

Virtuos variiertes Tempo

Auf seine männliche Hauptfigur angewendet, bedeutet dies: "Andreas' Gabe war es, in totalitären Systemen singuläre Nischen zu finden." Für ihn, den privilegierten Sohn des Chefökonomen der DDR und einer linientreuen Anglistik-Professorin - auch Spionage-Chef Markus Wolf gehört als Onkel zweiten Grades zur Familie -, war die Stasi sein bester Freund. Denn er konnte darauf vertrauen, dass sie im eigenen Interesse die Aufklärung des Mordes an einem Netzbeschmutzer aus den eigenen Reihen vereiteln würde. Solange die Mauer stand, war sein Geheimnis geschützt.

Ein wenig hat Franzen wohl gespürt, dass die Analogie von Diktatur und Internet frivol wirken könnte. Vielleicht gibt es deshalb eine zweite Episode im Buch, in der Franzen mit einer fast schon übertriebenen Liebeserklärung an die DDR-Bürger Abbitte leistet für seine vorherige Gleichsetzung.

Ohnehin ist "Unschuld", so einseitig seine diskursiven Setzungen sein mögen, alles andere als ein dürrer Thesen-Roman. Es ist kein Buch, das über so wenig Körperfett verfügt wie ein Shaker-Stuhl, um eine von Franzens Metaphern aufzugreifen.

Der Roman besticht durch seine stoffliche Fülle und seinen Reichtum an voll entwickelten, plastischen Charakteren, deren jeweilige Backstory in epischer Breite aufgerollt wird, wobei Franzen zwischen Passagen, in denen sich die Handlung fast überschlägt, und solchen der nachholenden Vertiefung das Tempo virtuos variiert.

Franzen gelingt es, glaubwürdig in die verschiedensten sozialen Welten einzutauchen. Das Milieu einer poststudentischen WG vermag er genauso suggestiv einzufangen wie die James-Bond-hafte Szenerie mit einem zynischen Risikokapitalanleger aus dem Silicon Valley.

Eingewebt: die Geschichte einer desaströsen Ehe

"Unschuld" ist Campus-, Bildungs- und Berlin-Roman in einem, Polit-Thriller und Pamphlet, alles gleichzeitig, und nebenher auch ein Buch über den Journalismus. Als Roman im Roman eingeschaltet ist die in Ich-Form erzählte, travestiehafte Geschichte von Tom Aberants desaströser Ehe.

Seine Frau, die hochmanipulative Avantgarde-Künstlerin Anabel, schlägt den milliardenschweren Treuhand-Fonds, der ihr als Erbin des größten Lebensmittelkonzern der USA zusteht, aus, um mit Tom in einer streng vegetarischen und weitgehend enthaltsamen Symbiose zu leben.

Wie alle früheren Romane von Jonathan Franzen ist auch "Unschuld" ein Familienroman, aber er handelt von der Zusammenführung einer Familie, die nicht einmal weiß, dass sie eine ist.

Rhetorischer Schall und durchaus Wahn

Franzen spinnt ein geradezu hexenmeisterhaft dichtes Netz aus Motiven und Verweisen. Toms Mutter beispielsweise leidet genauso an einer chronischen Magen- und Darmkrankheit wie einst ihre Mutter. Das Bauchgrimmen und seine Folgen aber ist Franzens höhnische analoge Antwort auf den Shitstorm im Netz und zugleich seine Mahnung, mehr auf das Bauchgefühl zu hören.

Denn im Kern ist "Unschuld" ein Roman über Menschen, die sich gerade dadurch schuldig machen, dass sie ihre moralische Integrität über alles stellen - man mag das Hypermoral nennen, Rigorismus, Tugendterror. Oder einfach Puritanismus. Fast auf jeder Seite geht es um Begriffe wie "Schuld" oder "Schuldgefühle". Die heutige Transparenz-Doktrin ist nur eine jener Reinheitsfantasien, die, so Franzen, immer eine dämonische Seite haben.

"Früher einmal hatte es genügt, ,Schall und Wahn' oder ,Fiesta' zu schreiben", um sich seinen Platz im Kanon der modernen amerikanischen Literatur zu sichern, sagt der Schriftsteller Charles Blenheim im Buch. "Heute dagegen war Umfang unerlässlich. Dicke, Länge."

Jonathan Franzen hat einige dicke Bücher geschrieben. Sein neues Buch "Unschuld" enthält viel rhetorischen Schall und durchaus Wahn - und doch ist es eine große Fiesta, weil dieses Buch teuflisch gut geschrieben ist.

Jonathan Franzen: Unschuld. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 832 Seiten, 26,95 Euro. E-Book 23,99 Euro.

© SZ vom 04.09.2015/pak
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