Neuer Roman von John le Carré Alles, was kann, geht schief

Wie in früheren Romanen John le Carrés tritt auch hier ein anderes Gesetz voll in Kraft: Murphys Gesetz, demzufolge alles, was schiefgehen kann, schief gehen wird. Anders als in früheren Romanen aber legt Le Carré den Akzent nicht vornehmlich auf die Tragik der Ereignisse, sondern auch auf ihre Skurrilität. Die perfekte elektronische Überwachung des Terroristen - sogar eine Predator-Drohne ist angeblich im Einsatz - bricht sofort zusammen. Die Telefonverbindung - ein abhörsicheres Satellitentelefon - zwischen Gibraltar und London erweist sich als unzuverlässig. Möglicherweise hat London aber auch kein gesteigertes Interesse an näherem mündlichen Austausch: Der miese Quinn erwartet ja gar keine genaue Lagebeschreibung, sondern action.

So beginnt die Geschichte, in deren Verlauf man noch mit vielen anderen Personen zu tun bekommt. Da ist zum Beispiel der Soldat Jeb - er stammt aus einer Bergbausiedlung in Wales -, der am Ende der misslungenen Operation als Sündenbock herhalten muss. Da ist seine Frau, eine Polizistin aus Irland, die an seinen Selbstmord nicht glaubt. Da ist Toby Bell, auch ein mögliches alter ego von David Cornwell: ein junger aufstrebender Beamter, der zu viel erfährt und das, was er erfährt, nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Da ist Kit Propyns Tochter, eine Ärztin, die Toby Bell dann doch irgendwann näher kommt.

Statisten im Geheimdienst-Plot

Alle diese Figuren und andere hat John le Carré so geschildert, dass sie sehr viel mehr sind als Statisten in einem Geheimdienst-Plot. Das ist die Kunst dieses Autors: Er vermag die Akteure seiner spannenden Geschichten als Menschen zu schildern, mit denen der Leser allmählich bekannt gemacht wird. Auch hat John le Carré ein Ohr für regionale Akzente und für schichten- und berufsspezifische Sprechweisen. Ein Labour-Minister redet anders als das Mitglied eines distinguierten Londoner Clubs, der redet anders als ein Soldat aus Wales, redet anders als eine sozial engagierte Ärztin.

Viele sprachliche Nuancen dieses Romans können im Deutschen nicht wiedergegeben werden. Soweit das möglich war, hat Sabine Roth das Buch zwar sehr frei, aber mit gekonnter Panache übersetzt. Allein, den Ausdruck "Heiliges Kanonenrohr" hätte sie nicht verwenden sollen, selbst in alteingesessenen englischen Clubs spricht man nicht wie in der "Feuerzangenbowle". Und unverständlich ist, warum die Titel der Bücher von John le Carré eins zu eins ins Deutsche gezerrt werden. "Der ewige Gärtner" (für "The Constant Gardener") war schon eine Zumutung. "Empfindliche Wahrheit" ist einfach nur dämlich. "A Delicate Truth" ist im übrigen eher eine "heikle Wahrheit", was aber auch kein guter Titel wäre.

Worin besteht nun die heikle Wahrheit in der Wirklichkeit? David Cornwell, der im Autor John le Carré steckt, war von New Labour über alle Maßen enttäuscht. Anlässlich des Irak-Krieges hat er sich öffentlich von der Politik Tony Blairs distanziert. Er fand es unsäglich, dass Blair behauptete, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen und Raketen, die binnen kurzem auch in London einschlagen könnten. In seinem Roman erzählt er von einer verzweifelten Mail, die Toby Bells Mutter an ihren Sohn schreibt: "Tony Blair - ihr einstiges Idol - hat uns alle verraten." Tobys "Vater, der strenge Methodist, bezichtigt Bush und Blair der gemeinschaftlichen Sünde des Hochmuts und droht damit, eine Parabel über zwei von ihrem eigenen Spiegelbild verzauberte Pfauen zu dichten, die sich in Geier verwandeln".

Dieses Buch ist auch eine Abrechnung mit New Labour. Die Bezüge zwischen den hier geschilderten kriminellen Taten und der Labour-Regierung sind allerdings recht vage - von dem fiktiven üblen Minister Quinn einmal abgesehen. Für diese Lücken in der Darstellung gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder der Autor John le Carré hat seinen Roman nicht ganz perfekt konzipiert. Oder David Cornwell hat in seinen Hintergrund-Gesprächen mehr erfahren, als sich beweisen lässt, weshalb es ihm nicht möglich war, Näheres darüber zu schreiben.