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Neuer Roman von Helene Hegemann:Eltern ermorden oder Musik hören

Es soll Kinofans geben, denen Wim Wenders Meisterwerk "Paris Texas" unzugänglich blieb, weil sie nicht verstehen, warum man als Vater einen bestens integrierten Schuljungen aus den Suburbs holt, um ihn bei seiner wahren Mutter in einem Wüstenbordell abzuliefern.

Dass Meisterwerke zuweilen darauf angewiesen sind, grell oder gegen Tabus zu arbeiten, ist das eine - in "Jage zwei Tiger" offenbart sich vor allem die Verachtung vor einem Begriff von Kindheit als schützenswert. Hegemann nimmt das Versagen hin, als wäre es längst Vergangenheit. Man hat die Angst überlebt, einem solchen Menschen ausgeliefert zu sein, hilflos im Krankenbett. Es ist ein "ego te absolvo" ihrer Generation an die Väter.

Mehr Tragödie als die Geschichte trägt

Helene Hegemann spielt die Unschuld und Verletzlichkeit der Kinder, die sie zu ihren Protagonisten beruft, drastisch und mit einer gewissen Herzlosigkeit aus. Zwischentöne sind ihre Sache nicht. Es gibt in "Jage zwei Tiger" kein Verhältnis, das nicht von vordergründig existenzieller Natur ist, wo man nicht "blutsverwandt" ist oder durch tragische, todbringende Ereignisse miteinander verbunden. Bleibt eigentlich nur Sex. Dagegen kann man schwer argumentieren, außer mit dem Hinweis, dass die ungeschickt erzählte Geschichte so viel Tragödie nicht trägt.

Seiner ersten Liebe begegnet Kai, als er nach dem Unfall bei einem Wanderzirkus landet - dass ausgerechnet diese einarmige Grace-Kelly-Schöne betrunkene Jugendlichen dazu angestiftet haben soll, einen Stein auf eine Windschutzscheibe zu werfen, bleibt zwar unaufgeklärt, begründet als tragisches Motiv, warum Kai vier Jahre lang verliebt bleiben wird, nach nur einer angekuschelten Nacht im Stockbett. Hätte die Nacht allein nicht auch gereicht? Doch für Irritationen ist keine Zeit, es folgt das nächste Libretto, gleichfalls heruntererzählt in einem Ton, in dem man sich auf Leserbriefseiten oder am Mobiltelefon über problematische Bekannte verständigt - sieht so und so aus, ziemlich intelligent, leider total verrückt.

Wie ein Teenagerleben auzusehen hat

Was übrigens nicht nur auf die meisten Frauen zutrifft in diesem Roman, sondern auch auf die zweite Hauptfigur, die magersüchtige, nymphomane Cecile. Sie ist dem Internat entkommen und auch ihrer superreichen Familie. Schon früh habe sie beschlossen, ihr Handeln keinesfalls "gewöhnlichen Standards" zu unterwerfen, "wie ein Teenagerleben auszusehen hatte", kündigt Hegemann an: "Man kann sich dann unauffällig und interesselos durch eine Masse bleigrauer Freizeitangebote kämpfen, seine Eltern ermorden oder Musik hören.

Letzteres ist irgendwie okay, solange man währenddessen zufällig mit psychedelischem Garagenrock konfrontiert wird. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: der Song ,Suzy Cramcheese' von der Band Teddy and His Patches, 1966 gegründet in der drittgrößten Stadt Kaliforniens von einem sogenannten Jugendlichen . . ."

Man muss den Beginn dieses langatmigen Exkurses zitieren, weil es solche Abschweifungen sind, die zeigen, für wen diese Autorin schreibt: nicht an Gleichaltrige, sondern an die Adresse des kulturellen Establishments. Ihm setzt Hegemann, wenn sie Jugendliche zeichnet, keine Menschen vor, nicht einmal Romanfiguren. Stattdessen spiegelt sie deren Diskurs über Jugendkultur einfach zurück.