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Neuer Roman:Mord im Milieu

Er stößt ihm ein Messer in den Leib, bindet ihm die Arme zusammen, rollt ihn in den Hudson River. Einmal mehr wird die Tat des Bohemiens Lucien Carr jetzt beklatscht - die Welt hat nicht darauf gewartet.

In einer schwülen Augustnacht 1944 begannen zwei Männer im New Yorker Riverside Park miteinander zur rangeln. Der Jüngere wollte weg, wollte so schnell wie möglich mit einem Handelsschiff auf Großfahrt gehen, fort nach Frankreich, Paris besuchen, rive gauche und alles, und der Ältere, der mocht's nicht leiden, wollte den Freund nicht verlieren. Da stieß ihm der Jüngere sein Fahrtenmesser in den Leib. Zwei Mal stach er zu, bis der andere von ihm abließ und zu Boden stürzte.

Ohne Gewissheit, ob David Kammerer wirklich tot war, band ihm Lucien Carr die Arme zusammen, beschwerte seine Taschen mit Steinen und rollte ihn in den Hudson River. Als ihm der leblose Körper zu nah am Ufer verharrte, entkleidete sich Carr, ging ins Wasser und drückte Kammerer noch weiter hinaus. Die Leiche trieb erst zwei Tage später an, als sich der Mörder bereits gestellt hatte.

Dieser Ritualmord steht am Anfang der noch immer jüngsten Avantgarde, der beat generation. Deren kanonische Werke - Howl and Other Poems (1956), On the Road (1957) und Naked Lunch (1959) - erscheinen erst viele Jahre später. Sie begründeten den Weltruf einer New Yorker Unterwelt aus Literaten, Strichern, Junkies, Kleingangstern, Matrosen und allzeit dienstbaren Frauen.

In unendlich vielen Romanen, Memoiren und, unvermeidlich, Dissertationen wurde diese Gemengelage aus homophober Männerbündelei und Antisemitismus, aus Literatursucht und Heroinhandel, aus Homosexualität und machistischer Verzweiflung beforscht und beklatscht, und noch immer hat dieses Milieu niemand besser beschrieben als der homosexuelle Jude Allen Ginsberg in den einleitenden Versen von Howl: "Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört, hungrig, hysterisch, nackt, sich auf der Suche nach einem wilden Schuss im Dämmer durch die Negerstraßen schleppen...".

Der Stoff, nach dem sie gehungert hatten

Allen Ginsberg widmete diese Selbstfeier der Bohème neben seinen Blutsbrüdern Jack Kerouac und William S. Burroughs zunächst auch dem gemeinsamen Freund Lucien Carr, doch dieser "angelheaded hipster" wollte dann doch lieber draußen bleiben und nicht mehr an die Geschichte erinnert werden. Aber sie war zu gut, als dass sie in der literaturbesessenen Gemeinde (Carr ging mit einem Band W.B. Yeats ins Gefängnis) nicht sofort genutzt worden wäre. Es war das Jahr 1944, es herrschte Krieg, da brauchte es weiter keine Unterweisung im Existenzialismus.

Doch die lieferte die Columbia University, um die sie alle orbitierten, wo Lionel Trilling über Nietzsche las und den Acte gratuit André Gides erläuterte. Natürlich wussten Carr und der 33-jährige Pfadfinderführer Kammerer, die sich über fünf Jahre in eine sadomasochistische Liebesgeschichte verstrickt hatten, dass sie die unglückliche Affäre zwischen Arthur Rimbaud und Paul Verlaine nachspielten. In diesem Milieu musste auch Mord als Literatur verstanden werden, und so wurde der Mord an Kammerer der Stoff, nach dem sie alle so sehr gehungert hatten.

Die New York Times berichtete ausführlich über diesen Mord, manchmal sogar unter der Rubrik "Unterhaltung". Professoren von der Columbia University traten vor Gericht auf, um zugunsten des Angeklagten auszusagen, denn er war ein guter Junge. Der Anwalt versicherte, dass nach dem Ende der homosexuellen Belästigungen bei dem Knaben eine "Wiederherstellung" möglich sei.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Carrs Leben durch den Mord nicht ruiniert war.