Süddeutsche Zeitung

Neuer Roman "F" von Daniel Kehlmann:Wofür das F-Wort steht

Lesezeit: 4 min

Seit der "Vermessung der Welt" sitzt Daniel Kehlmann das Gespenst des Welterfolgs im Nacken. Mit seinem neuen Buch, dem komplexen Familien-, Illusions- und Schicksalsroman "F", versucht er es zu bannen.

Von Kristina Maidt-Zinke

Wer oder was ist F? F wie Four-Letter-Word. F wie Friede, Freude, Flammkuchen, oder wie Finsternis, Furcht und Frustration. F wie Fluch, der Fluch des Weltbestseller-Erfolgs, der dem österreichisch-deutschen Schriftsteller Daniel Kehlmann vermutlich noch lange nachhängen und die Erwartungen seines Publikums prägen wird. F wie "Die Fermessung der Welt?" Dass Kehlmann wieder einen Roman geschrieben hat, den ersten nach jenem irrwitzigen Coup im Genre "historical fiction" vor acht Jahren, wird medial jedenfalls als eines der Großereignisse dieses Literaturherbstes verbucht.

Der neue Titel lautet also schlicht und enigmatisch "F", und auf dem Cover ist der riesige Buchstabe, weiß auf schwarzem Grund, an den Rändern nebelartig verwischt. Das erinnert an Filmplakate der expressionistischen Ära, einer Zeit, in der sinistre GrenzgängereienHochkonjunktur hatten. Tatsächlich tritt, obwohl die Handlung in der Gegenwart spielt, gleich im ersten Kapitel ein Hypnotiseur auf.

Wörter mit F

Im weiteren Verlauf wird offenbar, dass das F für "Fatum" steht, lateinisch: Schicksal. Es könnte aber auch für "Familie" stehen und insbesondere für die, von der hier erzählt wird, denn ihr Name lautet Friedland. Außerdem für Fälschung und Finanzkrise, weil beides im Roman vorkommt, und vielleicht sogar für die von der Rechtschreibreform beglaubigte "Fantasie": Diesmal hat der Autor sich nicht an historischem Personal abgearbeitet, sondern sich ganz auf seine Erfindungsgabe verlassen.

Drei Brüder sind die Hauptfiguren der Geschichte - wie im Märchen, könnte man meinen, doch diese Anmutung wird dadurch unterlaufen, dass zwei von ihnen Zwillinge sind. Auch stammt das Trio von zwei verschiedenen Müttern ab, die der Vater Arthur Friedland, ein Schriftsteller mit einsiedlerischen Neigungen, nacheinander sitzen ließ. Die Zwillinge heißen Eric und Iwan, nach Erec und Iwein, den Rittern der Tafelrunde. Arthur sieht sich demnach als Artus, so dass wir es hier, nun doch wieder märchenhaft, mit drei "Königssöhnen" zu tun haben.

Martin, der Älteste, trägt den Namen eines christlichen Heiligen, um den sich viele Legenden ranken. Die Biografien der vaterlos aufgewachsenen Brüder sind der Stoff, an dem Daniel Kehlmann die Frage (noch ein F-Wort!) durchdeklinieren will, ob und inwieweit der Einfluss einer metaphysischen Instanz namens "Schicksal" oder "Vorsehung" auf das menschliche Leben nachweisbar oder wahrscheinlich ist.

Dieser Anspruch reicht über den der meisten Familienromane aus neuerer Zeit ein gutes Stück hinaus. Und prinzipiell zu loben ist, dass der Autor auf ein theoretisches Instrumentarium, auf philosophische oder wissenschaftliche Munition weitgehend verzichtet und den Versuch unternimmt, sich einem Thema, das die Menschheit seit Urzeiten bewegt und wohl bis ans Ende ihrer Tage beschäftigen wird, nur mit den Mitteln seines Erzählhandwerks zu nähern.

Drei Lebensläufe

Eines Handwerks, das auf das Unterhaltungsbedürfnis einer breiten Leserschaft ebenso zugeschnitten ist wie auf deren vage Sehnsucht nach intellektueller Herausforderung. Die Unterstellung von Analogien zu den "Brüdern Karamasow" und der Sinnsuche eines Dostojewski sei hier gleich abgewiesen; man muss die Kirche im Dorf lassen. Aber Kehlmanns Idee, drei Lebensläufe vorzuführen, die in unterschiedlicher Weise auf Betrug und Hochstapelei gegründet sind (hier kommt natürlich das F-Wort fake ins Spiel), hat ihren Reiz und passt vollendet in unsere Zeit. Bruder Martin ist katholischer Priester geworden, obwohl er nicht an Gott glaubt.

Homosexuell ist er erstaunlicherweise nicht, sehr wohl dagegen sein Halbbruder Iwan, der sich, weil sein Maltalent nicht für die ganz große Karriere taugt, mit Gewinn auf die Kunstfälscherei verlegt. Und der korrupte Anlageberater Eric, für den die Finanzkrise wie gerufen kommt, weil sie seine kriminellen Machenschaften verschleiert, könnte samt Gattin, Tochter und Geliebter einem Film von Dieter Wedel entsprungen sein.

Kein Mangel an Denksportaufgaben

Auch Arthur Friedland, der überwiegend abwesende, manchmal besuchsweise auftauchende Erzeuger, ist eine ebenso undurchschaubare wie unzuverlässige Figur. Als Lebenspartner und Vater nicht zu gebrauchen, publiziert er erfolgreiche Romane, hält sich jedoch als Autor aus der Öffentlichkeit fern. Sein wirkungsmächtigstes Buch trägt den Titel "Mein Name sei Niemand", kreist um einen Protagonisten, der (na?) "F" heißt, und hat mehrere Menschen in den Selbstmord getrieben, was den Sohn Martin darüber sinnieren lässt, ob hier "ein fröhliches Experiment und damit das zweckfreie Produkt eines spielenden Geistes" vorliege oder vielmehr "ein böswilliger Angriff auf die Seele jedes Menschen, der es liest".

Natürlich weiß Daniel Kehlmann, dass es bei seinem Romanthema - Schicksal oder Zufall, Determination oder Entscheidungsfreiheit - auf Ambivalenzen ankommt, auf Ungewissheiten, unauflösbare Widersprüche und kontroverse Deutungsmöglichkeiten. An Denksportaufgaben lässt er es im Handlungszusammenhang denn auch nicht mangeln.

Spukwesen in realistischen Szenen

Rätselhaft bleibt etwa, ob der Hypnotiseur Lindemann, der am Ende zum Wahrsager umgesattelt hat, magische Kräfte besitzt und damit Arthur Friedlands Schreibkarriere befördert hat. Oder ob die Schicksalswege der Brüder, insbesondere der Zwillinge, unterschwellig miteinander verbunden sind. Ist die Neigung zum Schwindeln genetisches Erbe, ist sie der familiären Konstellation geschuldet, oder hätte jeder der drei sich auch anders entscheiden können? Ist einer von Arthurs Ahnen, die in einem bis ins Mittelalter führenden Exkurs vorgestellt werden, wirklich einer Hexe begegnet? Und was hat es mit den Spukwesen auf sich, die hier und da durch die handfest realistische Szenerie geistern?

Der Autor lässt die drei Brüder aus der Ich-Perspektive berichten, lässt sie Kindheitserlebnisse und den eigenen Werdegang rekapitulieren, sich in ihrer jeweiligen neurotischen Befindlichkeit selbst porträtieren. Das ist flott und dialogreich erzählt, hat Spannung in Maßen und sogar Komik.

Damit meinen wir weniger die Fresssucht des ungläubigen Priesters Martin und die Phrase "Das ist ein Mysterium", mit der er sich dem theologischen Diskurs entwindet, oder die plötzliche Frömmigkeit des Finanzhais Eric nach dem geschäftlichen Ruin. Sondern vor allem die Passage, in der Iwan für seinen Gefährten, den mittelmäßigen Maler Heinrich Eulenböck (wer dächte da nicht an den vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi imitierten Heinrich Campendonk?), mit eigenem Pinsel ein Œuvre erfindet, das Vorurteile gegenüber Kunstwerken der Moderne inszeniert und dem vermeintlichen Urheber späten Ruhm einträgt.

Theologe mit Täuschungstalent

An einem heißen Sommertag des großen Pleitejahres 2008 laufen die drei Handlungsstränge zusammen, schicksalhaft (oder zufällig?) gesteuert durch die Gewalttat einer Nebenfigur. Am Ende steht Großvater Arthur mit Enkelin Marie vor einem Gemälde des spurlos verschwundenen Iwan und redet vom "Zufallsschicksal", und Eric, saniert durch Iwans Nachlass im "Eulenböck-Trust", predigt Martin von den Wundertaten Gottes.

Kehlmann hat hier Motive aus seinem Debütroman "Beerholms Vorstellung" wieder aufgenommen: Dessen Held, ein professioneller Illusionist mit schwieriger Familiengeschichte, Theologiestudium und ausgeprägtem Täuschungstalent, bringt es zu magischen Fähigkeiten, die ihm irgendwann nicht mehr nur Tricks, sondern echte Wunder ermöglichen - es sei denn, er hätte sich alles bloß eingebildet.

Flache Doppelbödigkeit

Schon damals versuchte der Autor, in den Text einen doppelten Boden einzuziehen, der das Verhältnis von empirisch fassbarer Realität und unerklärlichen Phänomenen ins Taumeln bringt. Seitdem hat sich seine Erzähltechnik beträchtlich weiterentwickelt. Dass die Doppelbödigkeit dennoch konstruiert wirkt und flach bleibt, könnte daran liegen, dass die F-Frage ihn nicht wirklich beschäftigt, weil für ihn die Welt längst vermessen ist. Die magische Täuschungskraft der Literatur funktioniert anders. Aber auch Taschenspielertricks haben ihren Reiz.

Daniel Kehlmann: F. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 380 Seiten, 22,95 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1759051
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.08.2013
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.