bedeckt München

Neuer Kunstverein Pfaffenhofen:Der Tanz geht weiter

Ausstellung Pfaffenhofen

Wo Christoph Ruckhäberles bunte Frauen ihren Reigen tanzen, bleibt ungewiss.

(Foto: Christoph Ruckhäberle Courtesy Galerie Kleindienst)

Die Maler Christoph Ruckhäberle, David Schnell und Matthias Weischer haben das ihnen lästige Etikett "Neue Leipziger Schule" inzwischen abgestreift - das zeigt eine Ausstellung in Pfaffenhofen

Von Sabine Reithmaier, Pfaffenhofen

Auch der Umgang mit Alarmanalagen will gelernt sein. Der Neue Pfaffenhofener Kunstverein ist gerade noch in der Übungsphase, weshalb es in der Kulturhalle ab und an grundlos schrillt. Aber klar: Wer berühmte, hoch gehandelte Maler der Neuen Leipziger Schule ausstellt, muss sich vor unliebsamen Besuchern schützen. Als einziger Fremdkörper in einem schicken Neubaugebiet ist das Ausstellungsgebäude zudem leicht zu finden, obwohl kein Schild den Weg weist.

Die ehemalige Produktionshalle aus dem Jahr 1989 ist das einzige Überbleibsel, das noch an den Maschinenbauer Herion erinnert. Die Firma ist inzwischen nach Wolznach gezogen, der größte Teil des Industriegeländes bebaut, die Halle hat die Stadt gekauft. Das Untergeschoss gehört den Skatern, die 800 Quadratmeter darüber nutzt der Kunstverein. Viel Platz ist da an den weißen, 15 Meter hohen Wänden. Das Licht fällt angenehm von oben in den Raum. Ein echter Glücksfall für den noch jungen Kunstverein. Der Maler Christoph Ruckhäberle, 1972 in Pfaffenhofen geboren, hat ihn 2007 mitbegründet und dort auch schon ausgestellt. Dieses Mal hat er zwei Kollegen mitgebracht: David Schnell und Matthias Weischer.

Ihre Gemeinsamkeit: Die Drei haben in den Neunzigerjahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert und anschließend einen fulminanten Senkrechtstart auf dem Kunstmarkt hingelegt. Der Boom um die sogenannte Neue Leipziger Schule hat inzwischen etwas nachgelassen, die Maler selbst mochten das Etikett ohnehin nicht gern. Wer wird schon gern in eine Schublade gesteckt, zumal die Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern - das verdeutlicht die Ausstellung in Pfaffenhofen - gewaltig sind. Jeder ist mit vier Gemälden vertreten, von David Schnell sind außerdem noch Linoldrucke zu sehen.

Blickfang sind Ruckhäberles großformatige farbenfrohe Frauen, die mit leicht verrenkten Gliedern fast wie Marionetten über die Leinwand tanzen. Einfach, direkt und sehr lebendig. Einen Moment denkt man an Matisse, aber eigentlich ähneln die Bilder mehr schlichter, unmittelbar wirkender Volkskunst. Bewegung ist ein Thema von Ruckhäberle, der, bevor er nach Leipzig kam, in Valencia ein Zeichentrickfilmstudium absolvierte. Das verdeutlichen auch die zwei sitzenden Frauen, die sich seltsam spreizen und winden.

Menschenleer dagegen ist es bei David Schnell und Matthias Weicher, die sich mit Räumen und Landschafte beschäftigen. Schnell, 1971 in Bergisch-Gladbach geboren, ist wie Ruckhäberle Meisterschüler von Arno Rink. Seine Gemälde faszinieren durch die ungeheure Sogwirkung, die von ihnen ausgeht. Der Blick verirrt sich in der abstrahierten Natur, in zersplitterten Farbfeldern. Und man fragt sich, ob die Landschaften oder die "Via Strata" - Schnell malte als Stipendiat der Villa Massimo ein Jahr in Rom - sich gerade zersetzen, auflösen oder gar explodieren. Nichts ist konkret fassbar, alles bleibt flüchtig. Das "Portal" setzt er nur aus breiten Strichen zusammen. Und auch in den faszinierenden Linoldrucken bleibt offen, ob seine Gebilde zusammenstürzen oder eher befreit schweben.

Matthias Weischer, 1973 in Westfalen geboren, weniger von Rinke als von Sighard Gille geprägt, wurde berühmt wegen seiner präzisen, harmlos wirkenden Interieurs. Funktionslose, sparsam möblierte Räume in fahlen, abgegriffen wirkenden Farben, die Wände oft aus mehreren Farbschichten bestehend, ein Bildrepertoire voller kunsthistorischer Anspielungen. Surreale, völlig rätselhafte Traumwelten. In den jüngeren Arbeiten hat er Landschaften für sich entdeckt, genauer den Garten der Villa Massimo, wo er als Stipendiat 2007 weilte. Idyllen schafft er natürlich jetzt auch nicht. Die jüngste Arbeit auf Papier, Pulp Painting genannt, experimentiert mit teils abstrakten Pflanzenformen und nicht nur die Farben haben sich völlig verändert, sondern auch die Technik. Es bleibt spannend, wie sich die Drei weiterentwickeln werden.

Camera obscura, Arbeiten von David Schnell, Christoph Ruckhäberle und Matthias Weischer, noch bis So., 11. Oktober., Kulturhalle Pfaffenhofen a. d. Ilm, 084 41/783 63 42

© SZ vom 28.09.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema