Neuer Hausregisseur der Kammerspiele Kopfnüsse für Ernst Busch

Ein roter Faden lässt sich, was die Ästhetik angeht, in Rüpings bisherigen Arbeiten nicht ausmachen. "Er ist kein Konzeptionalist", sagt der Stuttgarter Dramaturg Bernd Isele, und Rüping bestätigt das entschieden. "Völlig absurd" findet er die Idee eines intellektuellen Masterplans, wie er ihn bei Regie-Altmeistern wie Claus Peymann oder Frank Castorf feststellt: "Unsere Generation ist darauf angewiesen, auf Sachverhalte spezifisch und individuell zu reagieren." Das klingt etwas altklug nach Generation Retweet. Rüping befragt sein Publikum nach Handlungsspielräumen, ganz wörtlich verstanden. In seiner Frankfurter Inszenierung des "Dekalogs" ließ er die Zuschauer via Umfrage-Elektronik über den Fortgang der Geschichten entscheiden. Mit derselben Radikalität setzt er auch seine Schauspieler sich selbst aus.

Theater Der lustige Mann aus Berlin
Matthias Lilienthal und die Kammerspiele

Der lustige Mann aus Berlin

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Die schauspielerische Entwicklung von Pascal Houdus steht beispielhaft für diese Methode. Houdus, Jahrgang 1986, war noch in der Ausbildung an der Schauspielschule Ernst Busch, als Rüping ihn für das Stück "Tschick" ans Hamburger Thalia Theater holte. Der junge Mann hatte zunächst Schwierigkeiten, sich auf das authentische Spiel mit dem Spiel einzulassen, das Rüping fordert: keinen Blickschleier gegenüber einer vierten Wand, kein theatrales Deklamieren. Der Regisseur ließ ihn die Texte in der U-Bahn sprechen - als Erprobung in und an der Realität: "Christopher sagte, stell dir die Büste von Ernst Busch vor und gib ihr Kopfnüsse", erzählt Houdus. Mittlerweile spielt er in fünf Rüping-Produktionen - mit kongenialer Erzähllust. Mit seinem athletischen Körper und einem jugendlich schönen Gesicht beherrscht Houdus das Kindlich-Naive ebenso wie wüste Brutalität. Houdus ist ähnlich flexibel, ähnlich uneitel wie Rüping - und passt damit perfekt in das Rüping-Kollektiv, das sich beim Schlussapplaus immer gemeinsam verneigt.

Immer wieder heben Menschen, die mit Rüping arbeiten, diese Qualität hervor, ein Kollektiv zu formen, immer wieder fällt das Wort "Angstfreiheit". Benjamin von Blomberg, demnächst Chefdramaturg bei Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen, entdeckte Rüping in Hamburg, als dieser noch Regie studierte. "Ich habe erlebt, wie Schauspieler bei ihm wirklich die Bremse loslassen", sagt Blomberg. Manche Darsteller habe er nie so gut erlebt wie unter Rüpings Regie. Rüping braucht seine Vertrauten um sich, in jeder Inszenierung. Der Bühnenbildner Jonathan Mertz zimmert ihm variable, modulare Räume, die der Improvisierfreude der Schauspieler dienen, die Kostümbildnerin Lene Schwind trägt mit formal-strenger Kleiderordnung dazu bei, dass die Zuschauer bei all der Rollen-Promiskuität auf der Bühne nicht den Überblick verlieren.

Selbst im Scheitern beweist Rüping Mut

Dass diese Methode kein Allzweckmittel für einen spannenden Abend ist, zeigt sein "Romeo und Julia" am Deutschen Theater Berlin. An den massiven Shakespeare-Sprachwülsten scheitert Rüpings naturalistischer Alltagssprech. Sein Versuch, den Handlungsalgorithmus (die diversen Einnahmen von Gift) wild zu zerlegen, macht das Stück öde und lang. Und er füllt dramaturgische Leerstellen mit ironiefreier Melodramatik: Popschnulzen und zähflüssiges Theaterblut in Twilight-Optik.

Aber auch in diesem Scheitern beweist Rüping jenen Mut, der bei anderen Inszenierungen so überzeugt: den Mut einer neuen Generation, die sich lässig der Stilmittel der Postdramatiker bedient. Den Mut, ein Ensemble von innen heraus funktionieren zu lassen, ganz ohne Regieallüren. Den Mut, aus dem Theater Leben werden zu lassen - und nicht andersherum. "Er benutzt die große Bühne, um mit den Menschen auf ihr zu spielen - und das mit der Verantwortungslosigkeit eines Dreißigjährigen, dem die Welt gehört", sagt Rüpings künftiger Chef Matthias Lilienthal.

Fragt man Rüping, ob er mit seinem Engagement in München ein Traumziel erreicht habe, antwortet er entschlossen selbstbewusst, entschlossen nüchtern: "An dem Projekt teilzunehmen, das Lilienthal vorhat, ist zwar ein Traum. Aber keiner, den ich geträumt habe, bevor ich um ihn wusste." In München will er zum ersten Mal "eine theatrale Heimat finden", er will das Ensemble mitprägen, "an der Schnittstelle zwischen freien Gruppen und Ensembletheater vermitteln". Es ist sehr wahrscheinlich, dass er diese Aufgaben meistern wird. Und das durchaus verantwortungsvoll.