Süddeutsche Zeitung

Neuer Film von Helge Schneider:"Je älter ich werde, desto psychedelischer wird das Zeug"

Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag liefert Helge Schneiders neuer Film seinen Fans Futter aus der Welt des Absurden. Und zeigt die Lebensleistung des "Clownjazzers".

Helge Schneider kommt ganz privat. Kein lustiges Admiralskostüm, keine verstaubte Perücke, keine verquere Riesensonnenbrille, nicht sein übliches Bühnenoutfit. Stattdessen Jeans und Kapuzenpulli, die Haare halblang und mittlerweile halb grau, der Bart ist schon weiß. Auf der Bühne des Cinemaxx-Kinos in Berlin steht ein Mann, der an diesem Sonntag 60 Jahre alt wird und doch fast wie ein Kind wirkt. Er ist da, um seinen neuen Film vorzustellen, der an diesem Freitag als DVD veröffentlicht wird: "Lass knacken, HELGE! HELGE, Der Film! HELGE, Life!"

Kein großer künstlerischer Wurf diesmal, wie "00 Schneider" oder "Texas", Kinofilme, mit denen der Komiker einst den deutschen Humor und die Vorstellungen davon revolutionierte, sondern ein dokumentarischer Konzertfilm, überwiegend mit Ausschnitten aus seinem Auftritt im Berliner Tempodrom vom September 2014 bestückt, und ein paar Interviewschnipsel von ihm eingestreut. Und doch werden die Berliner Kinobesucher teils ausflippen vor Freude an diesem Abend.

"Für mich gab es nur zwei Dinge: Klauen oder Clown"

Zum Beispiel bei Passagen wie dieser: Nach einer langen Musikeinlage bedankt sich der Bühnen-Schneider bei seinen Fans. "Ohne euch wäre ich mit Sicherheit genauso arm geblieben - wie ihr!" Lachen. "Ihr wisst ja, dass das nicht stimmt." Noch mehr Lachen. "Ich hätte geklaut." Spitze Entzückenssschreie. "Für mich gab es nur zwei Dinge: Klauen oder Clown."

Letzteres war gar kein Witz. Bis Helge Schneider zu einem der größten Komiker Deutschlands wurde, hätten Psychologen ihn eher für einen Problemfall gehalten. Am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, nimmt er als Jugendlicher Drogen, fliegt von der Schule, bricht eine Lehre als Bauzeichner ab. Er besteht eine Sonderbegabtenprüfung zum Klavierstudium, doch auch das bricht er ab. Danach arbeitet er mal als Tierpfleger, mal als Dekorateur, als Landschaftsgärtner und als Straßenfeger. Macht aber zwischendurch immer Musik. Und stellt sich in seiner freien Zeit in ein Café, wo er Senioren beobachtet. Das ist sein "Eduscho-Studium" - und die vielleicht beste Investition in seine Zukunft.

Denn der "Clownjazzer", wie er sich selbst heute bezeichnet, spielt zwar ausgezeichnet mindestens 15 Instrumente, die er sich alle selbst beigebracht hat, und zog jahrelang damit durch die Kneipen des Ruhrgebiets. Doch der Erfolg stellte sich erst ein, als der Humor dazukam. Und der hat viel damit zu tun, dass er auf der Bühne schon immer den wunderlichen älteren Herren gespielt hat.

Endlich angekommen bei seinem Bühnen-Alter-Ego

Schönheit, Jugend, Fitness und ein gestählter Körper - all diese Attribute sind für Menschen in der Öffentlichkeit heute noch viel wichtiger als vor 20 Jahren, als Helge Schneider berühmt wurde. Und doch hat er von Anfang an auf das Gegenteil gesetzt: auf die Karikatur des alternden Entertainers, der mit schmalziger Stimme ulkige Liebeslieder singt oder unverständliche Chansons brummelt, die singende Herrentorte eben.

Noch ein Ausschnitt aus dem neuen Film: Helge steht auf der Bühne und trägt mal nicht Altherrenanzug, sondern Altherrenrocker-Outfit. Schwarze Lederhose und vor allem schwarze Lederjacke mit ewig langen Fransen. Es gibt deutsche Künstler, die tragen dieses Outfit allen Ernstes auf der Bühne, Peter Maffay zum Beispiel. Aber erst wenn Schneider es trägt, ergibt das alles Sinn. Er vereint alles Absurde im absichtlich Schrägen. Das Lachen über Helge Schneider ist eine Versöhnungsgeste mit den Wirrnissen dieser Welt ( zu denen man manche Schlagerstars durchaus zählen darf). Deshalb lachen die Leute über ihn so gerne und so dankbar.

Und immer schon hat er es bei dem einen Witz nicht belassen, sondern immer weitergemacht, bis das Publikum vor Lachen fast vom Stuhl kippt. Diesen ausufernden Dada-Humor verbindet er mit dem Jazz: Beides dauert ewig. Für beides brauchen Künstler und Zuschauer Geduld, aber wer es erfasst, wird reich belohnt.

Jazz und Witz und Helge, das ist eins

Helge Schneiders Lebensleistung ist, Jazz und Witz in seiner Person vereint zu haben. In dem Konzertfilm wird das nochmal deutlich. Schneiders Humor ist nicht ohne die Musik zu haben, in Zukunft soll das noch weniger so sein, wie er sagt. Und die Musik funktioniert zwar auch ohne den Witz, aber längst nicht so gut.

Wenn er etwa vom "Schönheitschirurg von Banania" singt, der ein paar Körperteile zu viel an verschiedenen Stellen falsch angebracht hat ("Gestern war 'ne Frau mit Hängebacken da. Ich nähte ihr die Backen hinten an den Nacken, da konnte sie besser kacken"), dann lacht das Publikum über einen platten Witz und ein gesellschaftliches Phänomen, das er eigentlich nur leicht ins Absurde übersteigert hat. Zusammen mit seinem begnadeten Jazztalent aber wird die Nummer zum grandiosen Schauspiel.

"Je älter ich werde, desto psychedelischer wird das Zeug, das ich mache", sagt Schneider in einem der kurzen Intervieweinspieler. Das kann man auch anders sehen. Wer seine frühen Hörspiele kennt, über verständnislose Ärzte oder unverständliche Sportmoderatoren etwa, oder auch seinen ersten Hit "Katzeklo" mit dem Nummer-1-Hit "Sommer, Sonne Kaktus" von 2013 vergleicht, der kann genauso gut eine gewisse Altersmilde attestieren.

Aus diesem Grund gibt Schneider, der sich ungern festlegen lässt, auch ungern Interviews. Was kümmert ihn sein Geschwätz von gestern, zum Beispiel schon einige Male, dass er seine Karriere beende, wenn er übermorgen doch wieder Lust auf die Bühne hat?

Zum Glück sieht Schneider auch mit 60 davon ab, seine immer wieder nötigen Schaffenspausen länger als ein paar Monate auszudehnen oder gar an Rente zu denken. Schließlich ist er jetzt endlich in seinem besten Alter, in dem er auf der Bühne immer schon war.

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