Neuer Dörrie-Film Das Märchen von der Koinzidenz

In "Der Fischer und seine Frau" erzählt Doris Dörrie eine alte Geschichte mit einer neuen Ökonomie: Warum Frauen nie genug bekommen.

Von FRITZ GÖTTLER

Dieser Blick ist wirklich unwiderstehlich. Wenn die müden Augen zwischen den halbgeschlossenen Lidern zaghaft hervorleuchten, beim Versuch, mit der Welt draußen in Kontakt zu treten und zu testen, wie diese wohl auf den Blickkontakt reagieren wird. Und wenn die Augen dann mal offen sind, unnatürlich weit offen, dann merkt man dem jungen Mann die Anstrengung an, die es ihm bereitet, sie offen zu halten, und man vergisst darüber sich zu fragen, ob sie nun Erstaunen, Überraschung oder Empörung zum Ausdruck bringen sollen.

Doris Dörrie

(Foto: Foto: dpa)

Christian Ulmen gehört dieser wundersame Blick, und er steht für die Kontemplation in diesem Film. Das heißt, er bewegt sich als Fischveterinär Otto mit der gleichen Umsicht wie er es als Herr Lehmann tat in dem gleichnamigen Leander-Haußmann-Film, der beim Nachhausegehen eines Morgens in einem kunstvoll gedehnten Ritual einen Hund mit Whisky versorgte. Otto lebt indessen mit den Fischen, er studiert sie, sorgt sich um sie. The Flying Fish Doctors heißt das Unternehmen, das er mit seinem Freund Leo (Simon Verhoeven) auf den Weg gebracht hat. Faszination für die Schönheit der Fische, ihre einfachen Formen und intensiven Farben, mischt sich hier mit der Liebe zur Kreatur. Und ein wenig Geschäftssinn ist schon auch dabei. Auf einer Edelfisch-Zuchtfarm in Japan, in der fernsten Provinz, suchen sie ein wertvolles Koi-Exemplar für einen Sammler in der bayerischen Heimat. Erregend und lukrativ zugleich ist dieser Deal.

Den wirklich großen Griff aber machen sie mit Ida (Alexandra Maria Lara), die dort am Straßenrad steht, und deren Leben etwa so kuddelmuddelig sein muss wie das Flickwerk, das sie am Leibe trägt. Sie ist zur Inspiration im fremden Land - ein Generationenwechsel ist da erkennbar, Ottos Mutter hatte es seinerzeit nach Indien gezogen zur Erleuchtung, und sie ist fürs Leben von diesem Trip geprägt. Erkenntnis geht auch für Doris Dörrie vor allem über die Physis, über bewusste körperliche Anstrengung findet man den Weg zu sich selbst, weshalb sie ihre Filmstudenten lieber auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela oder in die Naturabgeschiedenheit der Alpen entführt statt sie mit Filmlehrsätzen vollzustopfen.

Plötzlich sind richtig physisch Küsse und Liebe bei Otto und Ida im Spiel, eine japanische Heirat im Tempel, danach das Eheleben daheim. Ida macht langsam aber sicher Karriere, webt nachts an ihrem Erfolg - das Weben, hat einst Freud erkannt, ist die einzige Technik, in der es die Frauen zu etwas gebracht haben. Für Otto bedeutet das irgendwie nur Stress, er ist doch sehr zufrieden in seinem alten Pott, würde gerne einfach sitzen und sitzen. Im Hintergrund, geduldig wartend: Leo.

Doris Dörrie hat das schöne alte Märchen vom Fischer und seiner Frau in die New-Economy-Welt transferiert. Sie sympathisiert mit der armen Ilsebill, die verdammt schlecht wegkommt bei den patriarchalischen Brüdern Grimm. Dieser maßlose Ehrgeiz, diese unerhörte Unzufriedenheit, dieses permanente Machenwollen. La donna è mobile ... Dagegen der Mann, der liebenswerte loser, der sich in Übereinstimmung weiß mit seinem Butt. Mann versus Frau also. Fortschritt und Beharren, Dynamik und Stagnation, Doris Dörrie stellt das System auf den Kopf. Bei ihr sorgen die modernen Frauen für das Moment der Unruhe, die Männer sind reine Trägheit. Die Frauen, sozial deklassiert und unterbewertet, versuchen das Unmögliche, wollen Beruf und Familie und Kinder zusammenbringen, und nehmen dafür nicht nur die déformation professionelle in Kauf. Eine erschreckende Spirale von Hyperaktivität, Karrieresucht, Kreativitätsterror, die die Allmachtsphantasien des Märchens ersetzt: "Der Mann schlief recht gut und fest, er war den Tag viel gelaufen, die Frau aber konnte gar nicht einschlafen und warf sich von einer Seite auf die andere, die ganze Nacht hindurch, und dachte nur immer, was sie wohl noch werden könnte, und konnte sich doch auf nichts mehr besinnen. Schließlich wollte die Sonne aufgehen, und als die Frau das Morgenrot sah, da richtete sie sich in ihrem Bett auf und sah sich das an, und als sie nun im Fenster die Sonne heraufkommen sah, da dachte sie: Ha, könnte ich nicht auch die Sonne und den Mond aufgehen lassen?"

Die rote Sonne Japans inspiriert Idas Erfolgsdesign. Rot auf Weiß. Damit kontrastiert das majestätische Gelb der Fische vor dem Tiefschwarz des Aquariums. Dem Film ist ihre Schönheit irgendwie suspekt, deshalb funktioniert Dörrie ihre Präsenz zum Kabarett um - die Welt der Menschen durch die Glaswand eines Aquariums gesehen und kommentiert. Die sanfte Monotonie, die schöne Selbstgenügsamkeit des Märchens bleibt dabei auf der Strecke, Pathos mischt sich ein, bis an den Rand zur Parodie.

Das Kino tut sein Möglichstes, um diesem Willen zur erzählerischen Hierarchie durch die Anarchie des Wirklichen zu zersetzen, wo alles Koinzidenz ist, ein munteres Nebeneinander. Immer findet man den geheimnisvoll lächelnden Katzengott wieder , der einen erinnert an das Mädchen Koumiko, in dem kleinen Film von Chris Marker aus den Sechzigern - ein Mädchen, das freimütig bekennt, dass in ihrem Kopf eine fröhliche Unordnung herrscht. Mit solchen Bekenntnissen hat sich in den Sechzigern das Kino erneuert. Bei Dörrie ist der Katzengott am Ende riesengroß, ein Popanz im Garten. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist die Welt von Ida ein Albtraum weiß-roter Schlieren, in dem Ottos Augen zu Schlitzen verzerrt sind. In der japanischen Kultur ist ein Fake nicht vorgesehen. In der Heiratszeremonie zuckt Otto mal zusammen, das sieht plötzlich aus wie ein letztes Erschrecken vor dem Risiko der Ehe. Und wirkt überhaupt nicht gespielt. Der Priester wollte keinen Sake für das Ritual verwenden, erzählt Dörrie. Sonst wäre die Ehe am Ende voll gültig gewesen.

DER FISCHER UND SEINE FRAU - WARUM FRAUEN NIE GENUG BEKOMMEN, D 2005 - Regie, Buch: Doris Dörrie. Kamera: Rainer Klausmann. Schnitt: Inez Regnier, Frank Müller. Mit: Christian Ulmen, Alexandra Maria Lara, Simon Verhoeven, Young-Shin Kim, Ulrike Kriener, Elmar Wepper, Carola Regnier. Constantin, 102 Minuten.