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Neuer Ausstellungsraum in der Tate Modern:Tanzen im Treibstoffreservoir

Im Dunst von dezentem Petroleum-Aroma bietet die Londoner Tate Modern Aktionskünstlern künftig ein Forum. Aber die ausgelassenen Öltanks dienen nicht nur als Ausstellungsfläche.

Alexander Menden, London

Der Geruchssinn spielt bei Museumsbesuchen in der Regel eine nachrangige Rolle. In den Öltanks, die der Londoner Tate Modern in Zukunft als zusätzlicher Ausstellungs- und Performance-Raum dienen werden, ist es jedoch unmöglich, das durchwehende Petroleum-Aroma zu ignorieren. Früher lagerte hier Treibstoff für die Turbinen der Bankside Power Station, die London bis 1981 mit Strom versorgte. Seit mehr als drei Jahrzehnten werden diese riesigen Reservoirs also nicht mehr als Öltanks genutzt. Doch der Geruch wird ihnen erhalten bleiben.

Tate Modern Tank

Bohrlöcher umgeben die Aussparungen, als habe ein überdimensionaler Steinbeißer sie herausgenagt: Tate Modern: Tank 1.

(Foto: Peter Saville, Hayes Davidson, Herzog & de Meuron)

Die visuelle Transformation dieses gigantischen Beton-Kleeblatts mit seinen mittelalterlich dicken, explosionssicheren Wänden ist auf eine andere Art atemberaubend: Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron hat einer Industriebrache - wie schon beim Hauptgebäude der Tate Modern - ein neues Selbstverständnis eingehaucht. Erstmals gibt es nun, am Fuß der Eingangsrampe, einen Durchgang in der Südwand der Turbinenhalle. Man betritt ein Atrium, gestützt von abgeschrägten Pfeilern. Rechts der Eingang in den östlichen Tank, geradeaus die Rotunde des Süd-Tanks. Sieben Meter hoch und 30 Meter im Durchmesser misst dieser Zylinder. Er ist durch viereckige Pfeiler akzentuiert, die im Zentrum ein Karree markieren.

Ein Produktionsstudio, für Mischpult und Lichtregie, ist in einem separaten, durch eine Glasscheibe abgetrennten Raum untergebracht. Wie um den gleichsam unbehauenen Charakter des Tanks zu betonen, wurde dieses Sichtfenster herausgebohrt; die Bohrlöcher umgeben die Aussparung nun, als habe ein überdimensionaler Steinbeißer sie herausgenagt. Neonbeleuchtung betont die Höhlenartigkeit der Umgebung; auf Oberlichter haben die Architekten verzichtet. Es ist ein gewaltiger, nackter, vielversprechender Raum.

Ursprung als Teil eines Kraftwerks

Die Tanks verleugnen nirgends ihren Ursprung als Teil eines Kraftwerks. Aber die Rohheit, die strukturelle Eigensinnigkeit des Ortes, wird ein Vorteil sein für die Kunst, die sich hier künftig präsentieren darf: Die Öltanks sind für Live-Kunst entworfen. Performance-Künstler sollen sie als Herausforderung begreifen, wie Tate-Modern-Direktor Chris Dercon betont: "Das ist keine Black Box und kein White Cube - es ist eine völlig neue Art von Raum."

Als die Tate Modern die Tanks 2006 zu einer Besichtigung öffnete, waren sie finstere, unraffinierte Höhlen. Damals stellte Tate-Chef Nicholas Serota den Plan vor, bis 2012 einen Erweiterungsbau an die Tate Modern zu setzen, einen von Herzog & de Meuron gestalteten Guss-Glasturm, der dem Backsteinriegel am Themse-Südufer 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hinzufügt. Dann kam die Wirtschaftskrise. Nun muss man sich erst einmal mit einer Etappeneröffnung zufriedengeben.

Mit den Tanks gewinnt die Tate nicht nur gut 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche hinzu, der westliche Tank dient auch als zusätzlicher Stau, Umkleide- und Büroraum. Der Rest des Erweiterungsbaus, stark modifiziert und inzwischen auf 64,5 Meter verkürzt, soll nach Serotas derzeitiger Einschätzung bis 2016 fertiggestellt sein. Zwei Drittel der auf umgerechnet 274 Millionen Euro veranschlagten Gesamtbaukosten sind laut Tate bereits durch Förderung und Spenden beisammen.

Zur Eröffnung der Tanks veranstaltet die Tate ein fünfzehnwöchiges Festival. "Art in Action" umfasst neue und historische Performance-, Film- und Installationskunst. Den Auftakt im Südtank macht "Fase", eine Choreografie der Belgierin Anne Teresa De Keersmaeker. Die minimalistische Tanzperformance zu vier Stücken von Steve Reich, uraufgeführt 1982, besteht aus einer Abfolge sich graduell verändernder Pirouetten. Die wie Zahnräder ineinander greifenden Bewegungen der beiden Tänzerinnen sind wie gemacht für das industrielle Rund. Aus den im zweiten Tank gezeigten Arbeiten ragt Suzanne Lacys "The Crystal Quilt" heraus, eine Mischung aus Video, Fotografie und Aktivismus, in deren Zentrum Aufnahmen von 430 Frauen über 60 stehen, welche die Künstlerin 1987 in Minneapolis versammelte, um über das Älterwerden zu sprechen. Das Audiostück erklingt in einer separaten, mit schwarz lackiertem Stahl ausgekleideten Rundkammer, in der das Gefühl von unterirdischer Abschottung wirkt.

Wie so ziemlich alle Kulturveranstaltungen, die derzeit in London stattfinden, ist auch "Art in Action" Teil des "London 2012 Festivals", in dem die Kulturolympiade kulminiert. Bei der Tank-Eröffnung zeigte sich dessen Chefin Ruth Mackenzie entzückt darüber, das Tate-Programm co-präsentieren zu dürfen. Nach dem Ende des Festivals am 28. Oktober werden die Lichter in den Tanks vorerst wieder ausgehen, damit die Arbeiten am Erweiterungsbau fortgeführt werden können. Chris Dercon warf deshalb den Blick in die Zukunft: Es sei schön, Teil der Olympischen Erfahrung zu sein, aber, sagt Dercon, "die Tate ist jetzt schon ein bisschen weiter als die Olympischen Spiele".

© SZ vom 17.07.2012/cag
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