Neuer Architektur-Award Der Preis, den man zahlt

Geschosswohnungshaus im Münchner Viertel Bogenhausen

(Foto: Jessy Asmus)

Eine neue Auszeichnung für den Geschosswohnungsbau auszuloben, ist vorbildlich. Skandalös daran ist, dass der künftige Preisträger sich an den Kosten für Auslobung und anschließende Preisfeier beteiligen muss.

Von Gerhard Matzig

Derzeit ist im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt das Ergebnis eines Wettbewerbs zu sehen, der sich zu einem international ausstrahlenden "Award" entwickelt hat. Dieser "Internationale Hochhauspreis der Stadt Frankfurt" ist mit 50 000 Euro dotiert. Eine von Thomas Demand gestaltete Statuette und jede Menge Publicity gibt's obendrein. Der Hochhauspreis fügt sich somit nahtlos ein in eine lange Liste an Architektur-Awards. Diese Liste verdeutlicht vor allen Dingen, dass es mannigfache Preise gibt, mit denen sich baukulturelle Leistungen würdigen lassen. Auszeichnungen gehen an einzelne Bauten, Typologien, Architekten oder auch Bauherren. Auslober sind meist Stiftungen, Kulturinstitutionen, Architektenverbände oder auch Unternehmen, Länder und Städte. Der weltweit wichtigste Preis ist der Pritzker-Preis, der den Gewürdigten zu einem lebenslangen Renommee, zu einer spektakulären Auftragslage und zu 100 000 US-Dollar verhilft.

Auffällig ist, dass es allein in Deutschland etwa drei Dutzend Architekturpreise gibt. Sie dürften einen Gutteil der weltweiten Produktion an Bau-Würdigungen ausmachen. Zwischen dem nicht ganz so bekannten "Deutschen Verzinkerpreis für Architektur und Metallgestaltung" und dem hoch angesehenen "Großen BDA-Preis", der bereits an Großmeister wie Ludwig Mies van der Rohe und Peter Zumthor gegangen ist, gibt es eigentlich kaum noch Platz für preisliche Innovationen. Aber gerade deshalb lässt der soeben neu ausgelobte "Award Deutscher Wohnungsbau" aufhorchen. Denn die Initiative dahinter ist so überfällig wie dankenswert.

Es ist nämlich eine ziemlich seltene Auszeichnung für Entwickler und Auftraggeber im Bereich des Geschosswohnungsbaus. "Sie versammelt die besten realisierten Wohnungsbau-Projekte und Konzepte verschiedener Kategorien. Kriterien, die dabei zur Anwendung kommen, sind unter anderem: Wie innovativ, zeitgemäß und gestalterisch herausragend sind die Bauten ausgeführt? Wie korrespondieren Sie mit ihrem Umfeld? In welchem Maß wird auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner reagiert?"

Noch bis zum 5. April kann man online und kostenlos an dieser bemerkenswerten Konkurrenz teilnehmen. Gut, dass endlich einmal ein prominenter Preis das wichtigste Architektursegment der Gegenwart abbildet: nämlich das normale Wohnen im Geschosswohnungsbau.

Nicht nur ist diese Form der Architektur, also Häuser, die viele, zumeist übereinander angeordnete Wohnungen (als Eigentum oder zur Miete) organisieren, besonders stark mit dem Alltag verbunden; es ist auch so, dass infolge der weltweit zunehmenden Verstädterung und der damit einhergehenden Wohnungskrise diese Bauaufgabe viel dringlicher erscheint als andere Aspekte der Architektur. Ein Preis, der die Baukultur auf diesem Terrain fördert, ist also verdienstvoll.

Umso skurriler allerdings wirkt nun aber die Organisation dieser Auszeichnung. Der Award, der vom Callwey Verlag (München) zusammen mit der Bundesstiftung Baukultur als Stiftung des öffentlichen Rechts und dem Bundesinnenministerium sowie der Immobilienmesse Expo Real ausgelobt wird, ein Preis, der sich an Architekten, Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften, Baugruppen, aber auch an Projektentwickler und Bauträger richtet, ist nämlich letztlich auch von den Siegern selbst zu finanzieren.

In der Auslobung heißt es: "Im Falle einer Auszeichnung zahlen die Sieger 4900 Euro für das umfangreiche Winner-Package". Dieses Winner-Package, das man auch sofort zum Wettbewerb "Sprachpanscher des Jahres" anmelden müsste, umfasst eine feierliche Preisverleihung im Münchner Sternerestaurant Tantris, dazu PR-Unterstützung, ein Preisträger-Siegel sowie eine Veröffentlichung im vom Callwey-Verlag herausgegebenen Fachmagazin Baumeister. Schön.

Dennoch: Der Winner des Packages ist auch ein Verlierer, der für seinen Sieg 4 900 Euro an die Auslober zu zahlen hat. Die Anzahl der Baugruppen, die sich um diesen Preis reißen, könnte darum also überschaubar bleiben. Für Investoren ist das umgekehrte Preisgeld hingegen eher ein Fall für die Portokasse.

Den Callwey-Verlag, der zusammen mit der Stiftung und dem Ministerium hinter der Initiative steckt, kennt man als seriöses Unternehmen. Der Baumeister gehört zu den einflussreichen und respektablen Kommunikatoren der Baukultur. Klar ist auch, dass solche Preise viel Geld kosten. Ein Verlag allein kann das unmöglich stemmen. Insofern stellt sich die Frage, wie das Innenministerium, das sich ja besonders und ausweislich all der Sonntagsreden von Horst Seehofer dem Wohnungsbau verpflichtet fühlt, sowie die von öffentlichem Geld lebende Bundesstiftung Baukultur an einem verdienstvollen Projekt beteiligen können, ohne diesen Preis gemäß seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung auskömmlich auszustatten?

Endlich gibt es einen großen Preis für die wichtigste Bauaufgabe der Gegenwart - und dann lässt man die Sieger des Preises für ihre baukulturelle Leistung zahlen. Das Tantris ist ein grandioses Restaurant, aber die Preisfeier dort wird Architekturschaffende würdigen, die ihr Abendessen selber zahlen. Um das zu verarbeiten, benötigt man vermutlich eine Flasche "Bollinger Vieille Vignes Françaises" (2005). Die ist im Tantris schon für 1 950 Euro zu haben - und darauf kommt es ja dann nun wirklich nicht mehr an.