Süddeutsche Zeitung

Neuentdeckung:Sechs Saiten Glück

Der junge Gitarrist Philipp Schiepek liebt Jazz und Klassik. In der Unterfahrt stellt er mit seinem Quartett sein Albumdebüt vor

Von Oliver Hochkeppel

Wenn Münchner Jazzer früher für ein Projekt einen vielseitigen, technisch makellosen Gitarristen suchten, dann landeten sie oft bei Martin Scales. Der aber ist schon vor Längerem nach Frankfurt gezogen und in der HR Bigband auch gut beschäftigt. Jetzt sieht es so aus, als stünde ein Nachfolger bereit: Philipp Schiepek.

Der 25-Jährige stammt aus Dinkelsbühl, wo ihm zwar die Musik, aber zunächst nicht der Jazz in die Wiege gelegt wurde: "Mein Vater hat E-Bass gespielt, im Rock/Pop-Bereich. Ich habe dann erst mal Klavier gelernt, schon mit fünf. Ich hatte zwar schnell keine Lust mehr, aber bei der Musik geblieben bin ich dank des Akkordeons, das mir mein Opa gekauft hat", erzählt Schiepek. Walzer und Landler waren eine gute Grundlage, bis der Zwölfjährige im Internet die Gitarre und ihre Möglichkeiten entdeckt. Schnell war es nach dem Instrumentenkauf um ihn geschehen, erst schaffte er sich in den Rock hinein, über seinen Lehrer lernte er dann mit 15 Klassik und Jazz kennen. Bemerkenswerterweise ist er bis heute beidem treu geblieben: Sein Jazzstudium an den Musikhochschulen Würzburg und München hat er im vergangenen Jahr bereits hinter sich gebracht, nicht zuletzt mit einem famosen öffentlichen Abschlusskonzert in der Unterfahrt. Bei der klassischen Gitarre macht er gerade noch seinen Master.

Die klassische Akustikgitarre und die elektrische Jazzgitarre, das sind eigentlich zwei völlig verschiedene Instrumente, von der Spieltechnik und Handhaltung (für die man in der Klassik unvermeidlich die ständig zu pflegenden langen Fingernägel braucht) über das Timing bis zum Zusammenspiel. "Wenige machen das beides konzertant", sagt Schiepek, "und am Anfang war es auch für mich schwer, zwischen den Welten zu wechseln. Aber jetzt empfinde ich das als gegenseitige Bereicherung." Das kann man inzwischen hören. Einmal, dass er sich über die Fusion-Könige wie John Scofield, Mike Stern oder Pat Metheny zu den großen Alten wie Jim Hall oder Wes Montgomery und dann auch zu den Vordenkern an anderen Instrumenten wie Charlie Parker oder John Coltrane vorgearbeitet und darüber seinen eigenen, immer "schönen" Ton gefunden hat. Dann, dass dabei die Formen und die komplexen Strukturen der Klassik eine Rolle spielen. Auch der übliche zweijährige Turnus für die Hochbegabten im BundesJazzorchester, in dem er von 2016 bis 2018 saß und neben ganz Deutschland auch Frankreich, Indien, Großbritannien, die Niederlande und Marokko bereiste, hat ihn ebenso weitergebracht wie seine Rolle als Solist in klassischen Symphonieorchestern.

Schiepek liebt die Abwechslung: "Ich spiele genauso gerne Bebop und Straight Ahead, wie Klassik, Avantgarde oder Projekte, wo ich den Bass mit übernehme. So kann man mit den verschiedensten Leuten zusammenspielen und kriegt deren Input." Zum Beispiel im klassischen Duo mit der Flötistin Anna Maiershofer, im Trio des Bassisten Nils Kugelmann, im Quintett des Kölner Bassisten Andreas Schmid, oder im bereits mit den höchsten Preisen dekorierten Quintett des Trompeters Vincent Eberle. Für sein Albumdebüt unter eigenem Namen hat Schiepek jetzt geradezu nach den Sternen gegriffen. Neben Henning Sieverts am Bass und Bastian Jütte am Schlagzeug - beide nicht nur als herausragende deutsche Vertreter ihres Fachs, sondern auch als seine Lehrer gesetzt - wollte er einen internationalen Namen an Bord haben. Seit Langem ist der in London lebende kanadische Saxofonist Seamus Blake - Thelonious-Monk-Preissträger und mit eigenen Alben ebenso im Rampenlicht wie als Begleiter von Brad Mehldau, John Scofield oder Franco Ambrosetti - einer seiner Favoriten. Er mailte ihm einfach Soundbeispiele, "und weil Seamus keinen Manager hat, hörte er es sich tatsächlich gleich interessiert an".

Und so war der Saxofonstar nicht nur bei der Aufnahme des jetzt bei Enja erscheinenden Albums "Golem Dance" dabei, er spielt jetzt auch in der Unterfahrt mit, wenn Schiepek mit der CD seinen auf der Tradition fußenden, aber innovativ konstruierten Modern Jazz präsentiert. Vorzugsweise mit Eigenkompositionen, aber auch mit einem Standard, dessen Titel gut passt: "Out Of Nowhere".

Philipp Schiepek Quartet; Mittwoch, 10. April, 21 Uhr, Unterfahrt, Einsteinstraße 42

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4400977
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.04.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.