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Neue Version von "Random Access Memories":Euer Hit ist unser Hit

Band Daft Punk Konzert

Daft Punk bei einem Auftritt im australischen Brisbane 2007 - das aktuelle Album "Random Access Memories" kommt nun in einer neuen Variante.

(Foto: Getty Images)

Erinnerungen an Erinnerungen: Zwei Elektroproduzenten veröffentlichen unter dem Namen Daftside eine komplett neue Version des aktuellen Daft-Punk-Albums "Random Access Memories". Eine wunderbare Sache, doch ein Problem bleibt.

Von Paul-Philipp Hanske

Hits haben es auch nicht immer leicht. Nachdem die erste Begeisterung vorüber ist, wird es erst einmal schal - ein Effekt der übermäßigen Präsenz. Nicht anders erging es "Get Lucky" von Daft Punk, dieser hedonistischen Ode an die Nacht, die in mehr als zwanzig Ländern auf Platz eins stand. Man hatte sich schon daran gewöhnt, auf die endlos diskutierte Brillanz und Allgegenwärtigkeit des Originals mit gepflegtem Ennui zu reagieren. Und nun ist ein Remix der Nummer aufgetaucht, von den New Yorker Produzenten Nicolas Jaar (Sohn des Künstlers Alfredo Jaar) und Dave Harrington, die sich für dieses Projekt in Daftside umbenannten.

Die Version beginnt als echohallender Jam, der so klingt, als würden sich die britischen Classic-Rocker Dire Straits an Dub-Reggae versuchen, lässt die funky guitar des Originals und den Refrain nur kurz anklingen, um beides dann in einer verzerrt-gedämpften Feedback-Schleife aufzulösen. Der Song wird von der Ohrwurmhaftigkeit des frenetischen Originals befeuert, macht daraus jedoch ein komplett anderes, dunkel waberndes Stück. Noch außergewöhnlicher als dieser Remix ist die Tatsache, dass Daftside zu jedem der 14 Songs des zugehörigen Daft-Punk-Albums "Random Access Memories" eine neue Version erstellten. Programmatischer Titel: "Random Access Memories Memories ". Erinnerungen an Erinnerungen.

Nun ist die Idee, ein komplettes Album zu remixen, nicht neu. 1994 ließ die britische Band Massive Attack vom Dub-Produzenten Mad Professor eine Version ihres Albums "Protection" erstellen. Vor zwei Jahren nahm sich der Dubstep-Produzent Jamie XX das Album "I'm New Here" der Postblues-Legende Gil Scott-Heron vor. Das waren jedoch Auftragsarbeiten, die vor allem die Offenheit und den Weitblick der beteiligten Musiker und Plattenlabels demonstrieren sollten.

Daftside dagegen veröffentlichten ihre Daft-Punk-Versionen ungefragt. Leicht zu bedienende Audio-Programme und vor allem die immer niedriger werdende Publikationsschwelle haben dazu geführt, dass zu jedem nur denkbaren Hit innerhalb weniger Tage inoffizielle Mixe durch die Blogs geistern. Zum Großteil aufgepumpte Dance-Versionen, die man getrost vernachlässigen kann.

Nicht so "Random Access Memories Memories". Das Interessante ist die Janusköpfigkeit dieses Projekts. Auf der einen Seite ist es natürlich eine Verbeugung vor Daft Punk. Auf der anderen Seite spricht daraus auch eine gewisse Hybris: Die Stücke sind nicht nur anders angeordnet als auf dem Album-Vorbild, sondern oft tauchen von den Originalen auch nur noch kurze Tonfolgen oder Samples auf. "Contact", letztes Stück auf der Daft-Punk-Platte, hier die Eröffnung, geht in einer Noise-Orgie unter, die Happy-Funk-Nummer "Lose Yourself To Dance" verkürzen die Remixer zu einem Zweisekünder, und das Italodisco-Stück "Giorgio By Moroder" bauen sie zu einem stampfenden Housetrack um, über den der Großmeister Moroder nur noch den Satz "Sound of the Future" skandiert.

Bestechend an "Random Access Memories Memories" ist aber weniger die Dreistigkeit des Zugriffs als die Tatsache, wie es gelingt, das gesamte Album in einen komplett anderen Kontext zu rücken. Beeindruckt das Original gerade dadurch, dass es Old-School-Disco so gut klingen lässt, wie das im Jahr 2013 eben möglich ist, seine Nostalgie aber nie leugnet, ist das Remix-Album ein ganz und gar zeitgenössisches Produkt, das soziomusikalisch in den Kosmos der After-Hour-Musik gehört, im dem Nicolas Jaar derzeit einer der großen Stars ist. Das Original glitzert und glänzt, ist ein Statement hedonistischer Fröhlichkeit, der Remix dunkel und psychedelisch - ein Trip auf die dunkle Seite. Die interessanteste Eigenschaft von Pop, dass jedes Stück immer nur eine Version ist, die in neuer Bearbeitung komplett anders wirken kann, wird hier auf Albumlänge vorgeführt. Dass dabei auch noch stimmige Musik herauskommt, macht die Sache umso wunderbarer.

Bleibt ein Problem: Es ist illegal. Da Daftside viele Elemente des Originals verwenden, bräuchten sie die Genehmigung der Rechteinhaber. Das ist wohl der Grund, warum es "Random Access Memories Memories" bisher nur als Internet-Stream gibt. Man kann nur hoffen, dass Daft Punk den Produzenten irgendwann ihr Placet geben, damit die Stücke da gespielt werden können, wo sie hingehören: in den Clubs.

© SZ vom 11.07.2013/ihe

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