Neue Vergabe von Sendelizenzen Das Machtpaket

Bisher beherrscht ein einzelner Mann den Markt für Drittsendelizenzen. Nun will Ulrich Wickert zurück ins Fernsehen und dem Medienmogul der Nischenprogramme die Sendeplätze nehmen.

Von Marc Felix Serrao

Ulrich Wickert, so scheint es, hat Heimweh. Mit seiner Firma UWP will der frühere Tagesthemen-Moderator zurück ins Fernsehen - zu den Privaten. Zum vierten Mal vergibt RTL gerade seine beiden Drittsendelizenzen.

Ulrich Wickert will an die Lizenzen ....

(Foto: Foto: dpa)

Es handelt sich dabei um Programmzeit, die kommerzielle TV-Veranstalter an "unabhängige Dritte" abtreten müssen, wenn sie über mehr als zehn Prozent Marktanteil verfügen oder ihre Sendergruppe mehr als 20 Prozent erreicht. Die Drittsendezeit-Regelung wurde 1996 in den Rundfunkstaatsvertrag aufgenommen, mehr als zehn Jahre nach dem Start des privaten Rundfunks, auf Drängen der Sozialdemokraten.

Wickert hat sich für das größere RTL-Paket im Umfang von 120 wöchentlichen Sendeminuten beworben. Die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM), die in der kommenden Woche mit dem Kölner Sender über die Kandidaten verhandeln will, bestätigt, dass UWP Vorschläge für die insgesamt vier freien Sendeplätze des Lizenzpakets eingereicht habe. Wofür? Wickert sagt: "Solange die Bewerbungen bei den Gremien liegen, möchte ich mich nicht äußern."

Es geht um viel Geld. Branchenkenner beziffern den Gesamtwert beider RTL-Drittsendeschienen - fünf Jahre lang wöchentlich 180 Minuten Programmfläche - auf rund 100 Millionen Euro. Die Chancen für Wickerts Bewerbung sind gering. Das liege nicht an ihm, heißt es, sondern am Spezialisten für Drittsendeplätze: Alexander Kluge.

Im April 2007 bekam Kluge das Große Bundesverdienstkreuz. Zur Verleihung sprach Bundespräsident Horst Köhler zu Kluge: "Sie haben die leiseste Intensität und die intensivste Sanftheit entwickelt, die ich kenne."

Für die einen ist der 75-jährige Kluge einer der wichtigsten Vertreter der medialen Hochkultur. Der Professor fühlt sich dem Habermas-Ideal einer deliberativen Demokratie verpflichtet, in der jeder am Diskurs teilnehmen kann. Und er hat für sein umfangreiches filmisches und schriftstellerisches Werk die wichtigsten Kulturpreise erhalten.

"Quote natürlich gegen Null"

Für die anderen ist Kluge ein heller Unternehmer. 1987 gründete er die Firma DCTP (Development Company for Television Program). Das Projekt, an dem heute neben ihm (37,5 Prozent) auch die japanische Werbeagentur Dentsu (37,5) sowie der Spiegel-Verlag (12,5) und die Neue Zürcher Zeitung beteiligt sind (12,5), hat sich in 21 Jahren einen guten Ruf erarbeitet.

An den Drittsendelizenzen von RTL und Sat1 war DCTP von Anfang an beteiligt - und hat sie seither nicht mehr abgegeben. Am Sender Vox ist Kluges Firma nebenbei noch mit 0,3 Prozent beteiligt. Einen Bereich seiner Drittsendezeiten bespielt Kluge mit eigenen Magazinen. Das Meiste aber managt DCTP für Partner wie SpiegelTV, SternTV oder BBC Worldwide. Auch Süddeutsche ZeitungTV kooperiert seit 1992 mit DCTP.

"Ich achte Ulrich Wickert", teilt Kluge mit: "Er hat sehr schöne Romane geschrieben." Sorgen macht sich Kluge vor der Lizenzierung offenbar nicht. Er sagt: "Es ist schwer vorstellbar, wo eine Alternative für so verschiedene Formate wie die von Spiegel TV Magazin, Stern TV, Focus TV und 10 vor 11 rasch herkommen soll". Was er anbiete, seien ja nicht nur Ideen, "sondern Infrastrukturen mit Rechercheuren, Redakteuren, freien und festen Mitarbeitern".

Diese Infrastruktur ist fester Bestandteil der Programmwoche bei Vox, RTL und Sat1 - ein Spielplan von 17 Sendungen, für die DCTP die Lizenz hat. Elf davon laufen auf Vox, vier auf RTL und zwei auf Sat1.

In seinem Buch Die TV-Falle schreibt der frühere Sat-1-Geschäftsführer Roger Schawinski in einem Kapitel mit der Überschrift "Lizenz zum Gelddrucken": "Der verdiente, äußerst kultivierte und sympathische Alexander Kluge (...) liefert Sendungen, die sich sonst im gesamten deutschen Fernsehen nirgendwo finden, in ihrer Radikalität nicht einmal bei 3sat oder Arte."

Ironisch beschreibt Schawinski ein Kluge-Interview mit einem japanischen Literaten, das 30 Minuten lang von einer Kamera übertragen wurde, die zwischen den Rednern hin- und herschwenkt. Schawinski: "Die Quote bewegte sich bei diesem Programm natürlich gegen Null, und das tut sie bei fast allen Sendungen von Kluge." Die ursprüngliche Absicht des Gesetzgebers werde ad absurdum geführt: "Kulturelle Inhalte, die keine Adressaten finden, sind wirkungslos." Die Sender, schließt er, spielten bloß mit, weil sie andernfalls Repressalien der Medienaufsicht fürchteten.

Notorischer Besserwisser

Das Problem beim Zeugen Schawinski: In der Branche gilt er als notorischer Besserwisser. Kluge selbst betont, dass DCTP gewissermaßen ein offener Kanal sei, offen für Dritte. Man müsse zwischen seinen Partnern und seinen eigenen Formaten unterscheiden. Als eigenes Format brachte er jetzt in die RTL-Bewerbung nur noch "10 vor 11" ein, ein minimalistisches Kulturmagazin von 24 Minuten. "Das ist meiner Meinung nach keine Übermacht." Meint Kluge.

Andere sehen das anders. Selbst Focus-Chef Helmut Markwort, der sonst keinem Streit aus dem Weg geht, tat sich - nachdem er mehrmals erfolglos gegen DCTP angetreten war - 2003 mit Kluge zusammen. Heute kooperieren Focus TV und DCTP bei Vox, bei Sat 1 und bald wohl auch bei RTL. Tobias Schmid, RTL-Bereichsleiter für Medienpolitik und Verhandlungsführer in Sachen Drittsendezeit, gibt sich sachlich. Seit dem 27. Januar liegen ihm Kluges und Wickerts Bewerbungen vor. Die Lizenzen seien eine Auflage, und Auflagen seien nie erfreulich. "Anders als vor zehn Jahren ist das bei uns heute kein Aufreger mehr."

In Kürze wird die Niedersächsische Landesmedienanstalt eine Empfehlung an RTL abgeben, Kluges oder Wickerts Bewerbung für die wöchentlich 120 Sendeminuten anzunehmen. Rein theoretisch könnten sich die zwei Bewerber die vier Sendeplätze auch teilen, aber dazu müssten alle Beteiligten zustimmen, auch DCTP.

Bezahlen müssen den Drittsende-Partner die Privatsender. Das ist wohl einer der Hauptgründe, warum sich Schawinski erregte und andere Geschäftsführer vor ihm. Auf der Grundlage von Werbezeiten und Produktionskosten wird die Programmfläche bewertet und entlohnt: Einfluss nehmen kann der Sender auf den Inhalt (und damit auf die Quote) nicht. Gibt es keine Einigung, entscheidet am Ende die NLM.

2007 brauchten Kluges Anwalt Paul Leo Giani und Sat1 für eine Lösung länger als zwei Monate. Jurist Giani ist auch Mitglied der SPD-Medienkommission. DCTP sei kein "Händler", sagt er. "Das ist kein Geschäftsmodell." Die Finanzierung durch die Sender leite die Firma vollständig an ihre Partner weiter. DCTP berechne eine fünfprozentige Management-Fee. Ziel der Firma sei es, "gemeinsam publizistische Freiräume zu besetzen und zu erhalten". Wären die Privaten völlig frei, "gäbe es dort keine Werbezeitgrenzen und keinen Jugendschutz".

Eine Frage bleibt: Ist ein medienpolitisches Instrument wie die Drittsendelizenz noch zeitgemäß? Beim Start des Privatfernsehens 1984 waren terrestrische Frequenzen knapp - in der digitalen Zeit gibt es mehr Frequenzen als Inhalte.