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Neue Präsidentin des Goethe-Instituts:Dekolonisierung

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Carola Lentz, geboren 1954, forscht seit 30 Jahren als Ethnologin in Ghana und Burkina Faso. Ihr neues Amt tritt sie Ende 2020 an.

(Foto: Thomas Hartmann/Uni Mainz)

Eine Afrika-Expertin: Die Neubesetzung an der Spitze der auswärtigen Kulturpolitik ist ein Zeichen des Wandels.

Das Goethe-Institut wird bald von einer Ethnologin und Afrika-Expertin geführt. Am Freitag hat das Präsidium die in Mainz lehrende Carola Lentz zur nächsten Präsidentin ernannt, am Montag wurde dies bekannt gegeben. Lentz wird Ende 2020 Klaus-Dieter Lehmann nachfolgen, der das Amt seit 2008 innehatte. Lentz ist auch Vizepräsidentin der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Mit Lentz' Berufung kommt die veränderte Rolle des Goethe-Instituts nun auch an der Spitze an. Bis in die Neunzigerjahre stellte es vor allem deutsche Kultur im Ausland aus, nicht zuletzt um zu zeigen, dass sich Deutschland nach der NS-Zeit kulturell wieder der Welt geöffnet hat. Lehmann, der vor seinem Goethe-Amt Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit der wichtigste deutsche Kulturmanager gewesen war, war prädestiniert für dieses Amt. Heute, nicht zuletzt dank von Lehmann angestoßener Reformen, versteht "Goethe" seine Rolle anders: Es geht darum, im jeweiligen Kontext demokratische Diskurse zu fördern, kulturelle Szenen sanft zu unterstützen und so nachzuhelfen in Sachen Meinungs- und Kunstfreiheit, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit.

Dafür ist nun nicht mehr unbedingt jemand gefragt, der schon dreimal mit Daniel Kehlmann zu Mittag gegessen hat oder der Wim Wenders duzt, sondern jemand, der die Fähigkeit besitzt, sich in fremde Kulturen einzufühlen - und in die Geschichte der deutschen und europäischen Beziehungen zu diesen. Sie freue sich, "meine Arbeit zu Kolonialismus, Dekolonisierung, Unabhängigkeit und Nationbuilding nun auch für die auswärtige Kulturpolitik fruchtbar zu machen", sagte Lentz denn auch gegenüber der SZ.

Dass Lentz sich seit langem vor allem mit Afrika beschäftigt, qualifiziert sie zusätzlich: Afrika ist ein Schwerpunkt der auswärtigen Kulturpolitik. Deutschland will Afrika beim Bau von Museen helfen und veranstaltete in den letzten Monaten in sieben afrikanischen Städten "Museumsgespräche". Ein großes Thema dabeiist natürlich die Restitutionsfrage. Lentz, die sich dazu öffentlich kaum geäußert hat, hielt sich auch gegenüber der SZ zurück: "Es ist eine große Chance, dass Museen und andere Institutionen jetzt gezwungen sind, sich damit auseinanderzusetzen", sagte sie. "Ich vermisse aber Differenzierungen, die Debatte ist mir manchmal zu plakativ."