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Neue Musik in München:Zu schön für den Schrecken

Die „Singer Pur“ bei ihrem Musica-Viva-Auftritt in München.

(Foto: Astrid Ackermann)

Die Münchner Musica Viva gedenkt des vor vier Wochen gestorbenen Komponisten und Dirigenten Hans Zender.

Mit einer Schweigeminute für Hans Zender begann das Musica-Viva-Konzert im Herkulessaal. Denn der vor wenigen Wochen verstorbene Komponist gehörte zu den Zentralgestirnen der Münchner Reihe für zeitgenössische Musik: mit seinen Werken, als Dirigent, aber auch als Stifter des Happy-New-Ears-Preises.

"Glückliche neue Ohren" hatte schon John Cage seinen Hörern gewünscht, Zender wollte sie fördern helfen, indem seit 2011 im Zweijahresrhythmus jeweils ein Musikpublizist und ein Komponist den mit zehntausend Euro vergleichsweise hoch dotierten Preis der Hans-und-Gertrud-Zender-Stiftung erhalten, verbunden für den Komponisten mit einer Aufführung im Rahmen der Musica Viva.

In diesem Jahr ging er neben dem Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel an Klaus Ospald, dessen Werk "Más raíz, menos criatura", uraufgeführt 2017 beim Stuttgarter Eclat-Festival, denn auch das Konzert eröffnete. Mit einer Besetzung aus Orchester, Klavier und achtstimmigen Kammerchor greift Ospald darin einen Text des spanischen Dichters Miguel Hernández auf, dessen Leben 1942 in den Gefängnissen des Franco-Regimes endete. Es sind bittere Worte über die Vergänglichkeit des Lebens, die hier nicht im klassischen Sinn vertont, sondern vom Vokalensemble "Singer Pur" in einzelne Laute zerlegt werden und sich unter Leitung des Dirigenten Peter Rundel eher instrumental mit den Klängen des BR-Symphonieorchesters mischen. Bisweilen bäumen sich diese Klänge auf und verlangen gerade dem Pianisten Markus Bellheim virtuose Figurationen, Staccati und Cluster über die ganze Klaviatur ab, um danach wieder in sanft sich verschiebende orchestrale Flächen zurückzusinken.

Musik soll für Ospald den Schrecken nicht illustrieren, weil sie, wie er im Programmheft sagt, über die Lust am ästhetischen Schein "selbst zum Mittäter" würde. Das denkt Adornos Musikphilosophie klug in die Gegenwart weiter, hinterlässt aber beim Hören die Frage, ob Musik nicht auch in der Verweigerung zu ästhetisch, zu schön für den Schrecken werden kann. Denn "Más raíz, menos criatura" bleibt über 50 Minuten hinweg reiner, gut ausgehörter Klang, ohne dabei so etwas wie eine mit den Ohren erfahrbare Dramaturgie auszubilden.

Beethovens Spätwerk ist eines der Dekonstruktion, das die Einheit radikal zugunsten der Vielheit sprengt.

"Glückliche neue Ohren" hat Hans Zender nicht nur für die zeitgenössische Musik zu fördern versucht, sondern auch für die der Vergangenheit. Dazu entwickelte er das Verfahren der "komponierten Interpretation", bei dem er ältere Werke mit zeitgenössischen Mitteln überschrieb, etwa in "Schuberts Winterreise", die Zender weit über Avantgardezirkel hinaus bekannt gemacht hat. Mit seinen "33 Veränderungen über 33 Veränderungen" wandte er es 2011 auf Ludwig van Beethovens "Diabelli-Variationen" an, indem er das Klavierwerk in eines für ein riesiges Orchester verwandelte, wobei er die 33 Variationen harmonischen und rhythmischen Veränderungsprozessen unterwarf, sie dehnte oder stauchte. In manchen bleibt er nah am Original, in anderen scheint bei der Aufführung im Herkulessaal nur das nackte, oft heftig wankende Gerüst stehen zu bleiben, irren Motivpartikel wie beziehungslos durch die Orchestergruppen, dehnen sich Pausen zu Abgründen aus, drohen schlingernde Linien ins Chaos zu zerfließen. Schließlich ist Beethovens Spätwerk bereits selbst eines der Dekonstruktion, das die Einheit radikal zugunsten der Vielheit sprengt. Dass dabei die Sehnsucht nach der Einheit bleibt, hört man auch bei Zender, wenn er einzelne Variationen für Streichquartett instrumentiert und damit an das geschlossene Formideal der Wiener Klassik erinnert. Anderen verleiht der Einsatz von Akkordeon und Klarinette ein scheinfolkloristisches Klanggewand von einer anheimelnden Unheimlichkeit, die Beethoven als Zeitgenossen und Vordenker Schuberts erscheinen lässt.

Immer aber ist hier eine bis in die letzte Note brillant durchdachte, blitzschnell die Farben wechselnde Instrumentation zu hören, die selbst einem derart reaktionsschnellen Klangkörper wie den BR-Symphonikern äußerste Konzentration abverlangt. Hier lacht ein Narr über eine zerbrechende Welt, weshalb nicht wenige von Beethovens Zeitgenossen überzeugt waren, der alternde Komponist sei tatsächlich verrückt geworden. Exakt diesen ästhetischen Schock stellt Zender für gegenwärtige Ohren wieder her, indem er den falschen Respekt vor dem Meisterwerk durch den echten für das Meisterwerk ersetzt.

Wenn dann am Schluss des gesamten Zyklus doch noch die Klavierklänge des Originals aus einem Nebenraum herüberklingen, dann ist das nicht nur Zenders ebenso humorvoller wie wehmütiger Gruß an einen großen Vorgänger. Sondern dann wird es an diesem Abend auch zum Abschiedsgruß an einen Brückenbauer zwischen den Epochen, der dem Konzertbetrieb fehlen wird.

© SZ vom 25.11.2019
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