Neue Intendantin Theater, ein politischer Ort

Kathrin Mädler, neue Intendantin am Landestheater Schwaben.

(Foto: M. Bührle)

Kathrin Mädler stellt Spielplan in Memmingen vor

Von Sabine Reithmaier, Memmingen

Berühren, bewegen, anstecken, anregen: Kathrin Mädler hat sich viel vorgenommen für ihre erste Saison am Landestheater Schwaben in Memmingen. Theater ist für sie nicht nur ein Ort, an dem große Geschichten erzählt werden und das Unglaubliche möglich wird, sondern vor allem auch eine persönliche Lebensentscheidung. Daher ist es der neuen Intendantin durchaus zuzutrauen, dass sie das Haus in einen Ort verwandelt, in das die Menschen gern gehen, um es zumindest ein wenig verändert wieder zu verlassen.

Kathrin Mädler tritt im August die Nachfolge von Walter Weyers an, der das Landestheater zwei Jahrzehnte lang erfolgreich, aber nicht unumstritten leitete. Die 39-jährige promovierte Theaterwissenschaftlerin ist seit 2012 leitende Schauspieldramaturgin am Theater Münster. Zuvor war sie als Schauspieldramaturgin am Staatstheater Nürnberg tätig. Vor allem für ihre Inszenierung von Peter Weiss' "Ermittlung" als Stationenweg durch Teile des Reichstagsgeländes erntete sie viel Lob. Studiert hat sie übrigens in München: Theater- und Literaturwissenschaft an der Uni, Dramaturgie an der Theaterakademie. In Memmingen hat sie einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben, nachdem sie sich gegen 50 Bewerber durchgesetzt hatte.

Dass sie Theater als politischen Ort versteht, daran ließ sie bei der Pressekonferenz anlässlich ihres ersten Spielplans in Memmingen keinen Zweifel. Es sei Aufgabe des Theaters, die Themen der Zeit aufzuspüren, sagte sie. Den Spielplan unter dem Motto "O Wunder!" versteht sie als Reaktion auf eine krisenhafte Zeit, in der Systeme auseinanderfliegen, Ängstlichkeit und Verzagtheit sich zu Fanatismus verdichten. "Wir können nicht auf Wunder warten, Wunder müssen wir selbst geschehen lassen."

Kein Wunder also, dass die Intendantin auf Zeitgenossen setzt. Mit Laura Naumanns "Zwischen den Dingen sind wir sicher" bietet sie Anfang Oktober eine Uraufführung der jungen Leipziger Erfolgsautorin, in deren Stücken fast immer junge Menschen die Helden sind. In dem Fall drei Geschwister, die sich in einer entvölkerten Stadt um die Reste sozialen Lebens bemühen. Erstmals dramatisiert geboten wird Kazuo Ishiguros Internatsroman "Alles, was wir geben mussten", der von einer Gesellschaft handelt, die Menschen als Ersatzteillager nutzt. Wajdi Mouawads Familiendrama "Verbrennungen" zeichnet die Geschichte einer Flucht aus dem libanesischen Bürgerkrieg in den Westen nach, Tuğsal Moğul bringt in "Die deutsche Ayse" drei Lebensläufe von Türkinnen der ersten Einwanderergeneration auf die Bühne. "Wie für den Moment geschrieben" empfindet Mädler Franz Xaver Kroetz' Stück "Ich bin das Volk", das dieser 1993 nach den damaligen Anschlägen auf Asylbewerberheime schrieb.

Natürlich bietet sie auch klassische Stoffe. Mit Ibsens "Peer Gynt" eröffnet die Saison; Shakespeares "Romeo und Julia" und Fontanes "Effi Briest" folgen. Witzig werden könnten der Liederabend "Out of Allgäu" oder Nick Hornbys Stück "Nipplejesus", das erstmals die Mewo-Kunsthalle als Spielort nutzt, da der Intendantin Kooperationen wichtig sind. Auf jeden Fall hat sie ein wirklich spannendes Programm zusammengestellt.