Neue Genealogie der Menschenrechte Ende der Sklaverei

dass die Menschenrechte und die Idee der universalen Menschenwürde das Ergebnis eines Sakralisierungsprozesses seien. Jedes menschliche Wesen wurde fortan als heilig angesehen. Im Recht sei dieses Verständnis der Sakralität der Person institutionalisiert worden.

Auf eine genauere Abgrenzung von Menschenrechten und Menschenwürde wird dabei verzichtet - vielleicht in der Annahme, dass die Geschichte beider Vorstellungen auf dieselbe Sakralisierungsgeschichte hinausläuft. Dennoch ist der Unterschied zwischen beiden hinsichtlich ihrer Rechtfertigung wohl doch groß genug, dass er auch einen Unterschied macht.

Sakralität, wie Joas sie versteht, bezeichnet weder eine nur jenseitsbezogene Vorstellung noch eine seltene objektive Ausnahmeerscheinung. Es genügen schon zwei Qualitäten, damit auch säkularen Gehalten Sakralität zugesprochen wird: "subjektive Evidenz und affektive Intensität". Damit indes büßt das hohe Wort der Sakralität der Person viel von seinem verblüffenden Nimbus und die darüber erzählte Geschichte an Überzeugungskraft ein.

Denn was dem Menschen als Ausnahmeprädikat zunächst zugesprochen wird, das nimmt ihm die veralltäglichende Erklärung auch schon wieder. Denn es sollen bereits subjektive Evidenz und starke Gefühle genügen, um Heiliges in der Welt zu entdecken. Um als Vorstellung von der Sakralität der Person menschenrechtlich produktiv zu sein, muss das Heilige in recht kleine Münze getauscht werden.

Die Historikerin Lynn Hunt erzählt in ihrem 2007 erschienenen Buch "Inventing Human Rights" - das von Joas kurz diskutiert wird - eine andere Geschichte. Sie läuft, kurz gesagt, darauf hinaus, die Menschenrechte aus kulturellen Wandlungen hervorgehen zu sehen, im Zuge derer bei insgesamt gesteigerter Sensibilität auch in den Gefolterten und Versklavten Menschen gesehen wurden, die zu gleichen Empfindungen fähig sind wie andere Menschen auch.

Zum Träger von Rechten und Würde wurde der Mensch (jeder Mensch) nicht, indem er an Übermenschlichem teilhat, sondern als gleichermaßen und in hohem Maße verletzliches Wesen, in dessen Lage man bereit wird sich hineinzuversetzen.

Hans Joas präsentiert in seinem Buch viele Überlegungen, die eine solche Sicht auf die Menschenrechte und ihre Genese stützen. So beschreibt er, wie "erschütternde traumatisierende Erfahrung eigenen und fremden Leids zur Bindung an universalistische Werte führen können". Jedoch nimmt er an, seine These der Sakralisierung der Person sei fundamentaler als die Erklärung der in Los Angeles lehrenden Historikerin, weil die Sakralisierung auch noch die Bereitschaft zur Empathie erkläre.

In der gleichen Weise aber, wie das Buch in der Sakralisierung der Person den "Ausdruck einer tiefreichenden kulturellen Verschiebung" erkennt, zeigt Lynn Hunt, welche kulturellen Verschiebungen unmittelbar zu einer Steigerung der Sensibilität geführt haben könnten.

Unter den zeitgenössischen Büchern etwa waren es Werke der Empfindsamkeitsliteratur von Samuel Richardson und Jean-Jacques Rousseaus "Julie oder Die neue Héloise"; in der Philosophie sind die Varianten einer nicht-rationalistischen gefühlsbasierten Erklärung der Moral eines Francis Hutcheson, David Hume oder Adam Smith zu nennen.

Weder bedarf es zur Erklärung der intensivierten und ausgeweiteten Empathie einer speziellen handlungstheoretisch gedachten Motivation, noch wäre es plausibel, eine solche in der Heiligkeit der Person zu entdecken. Sakrales lädt normalerweise nicht zur Einfühlung ein.

Das neue Buch von Hans Joas zeigt gleichwohl auf bemerkenswerte Weise, wie kreative Versuche, religiöse Erfahrungen unter Bedingungen moderner liberaler pluralistischer Gesellschaften neu zu formulieren, menschenrechtlich produktiv sein können. Menschenrechte sind keine Zeugnisse eines aufklärerischen Triumphes über Tradition und Religion. Ebenso wenig lassen sie sich als eine logische Konsequenz ausgeben, die seit jeher im Christentum - und nur dort - latent vorhanden schlummerte.

Hans Joas' wichtiges Buch enthält eine wertvolle und wohlabgewogene Darstellung, wie die Idee der Menschenwürde und der Menschenrechte aus einer sich wechselseitig inspirierenden Parallelaktion säkularen und religiösen Denkens, Interpretierens und Handelns entstehen konnten.

Wer dabei, wie der Freiburger Soziologe, die Kreativität des Handelns und Interpretierens betont und um die Chancen weiß, Traditionen durch überraschende Artikulationen von Erfahrungen neu zu erfinden, der wäre der letzte, die Geschichte der Menschenrechte damit für auserzählt zu halten.

HANS JOAS: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 303 Seiten, 26,90 Euro.