Neue Filme in Kürze:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Neue Filme in Kürze: Klamauk im Freibad - Szene aus dem Film "Beckenrand Sheriff"

Klamauk im Freibad - Szene aus dem Film "Beckenrand Sheriff"

(Foto: Leonine Film)

Ein tödlicher Junggesellenabend im deutschen Wald, musikalische Hilfe für die Gestrandeten von 9/11, der unglaubliche Fall des Asylbewerbers Rafid Alwan, esoterische Pilzwunderwelt, eine Berlin-Geschichte - und mehr.

Von den SZ-Kritikern

1986

Nicolas Freund: Man sieht an den Ringen der gefällten Bäume, wann das Reaktorunglück von Tschernobyl stattfand: Ab 1986 ist das Holz rot verfärbt von der Strahlung. Elena schmuggelt aber nicht Holz aus der Zone, sie ist für Stahl zuständig, wie ihr Vater, der deswegen im Gefängnis sitzt. Eigentlich studiert sie in Belarus, aber die Vorlesungen da sind mehr Propaganda als Wissenschaft. Mit ihrem Freund führt sie eine schwierige Beziehung, und die verbotene Zone mit all den illegalen Geschäften scheint eine Zukunft zu versprechen, die sonst unerreichbar erscheint. Das Spielfilmdebüt von Lothar Herzog zeigt die aufgewühlte Welt einer Jugend in Osteuropa, die ruhigen Bilder von Nachtclubs, endlosen Wäldern und verstrahlten Ruinen sind wie ein stummer Schrei. Das abrupte Ende und viele nur angedeutete Handlungsstränge lassen den Film aber skizzenhaft wirken. Aus welchem Holz Elena ist, bleibt unklar.

Beckenrand Sheriff

Josef Grübl: Das ist ein Sprungturm und kein Stehturm, ruft Schwimmmeister Karl dem zaudernden Badegast auf dem Fünf-Meter-Brett zu. Dabei deutet in dem bayerischen Provinznest alles auf Stillstand, das Freibad ist in einem erbärmlichen Zustand, es kommen kaum noch Gäste. Das sind aber nur die kleinen Probleme, mit denen sich Karl (Milan Peschel) herumschlagen muss - bald bekommt er es mit Immobilienhaien, Flüchtlingsschicksalen und der drohenden Schließung des Bades zu tun. Marcus H. Rosenmüller ist der große Menschenfreund des deutschen Kinos, die Liebe zu seinen Figuren spürt man auch hier, die Mischung aus Sozialdrama und Slapstick-Comedy geht aber leider nicht ganz auf.

Come From Away

Julia Rothhaas: Nach den Anschlägen vom 11. September wurden alle Flüge mit Ziel USA umgeleitet, 38 Flugzeuge landeten allein in Gander, Neufundland. Knapp 7000 Menschen saßen in dem kleinen Ort fest, und die Bewohner stellten ihre Gastfreundschaft eindrucksvoll unter Beweis, um die Fremden mit Nahrung, Decken, Trost zu versorgen. Davon erzählt dieses abgefilmte Musical von Christopher Ahsley: Zwölf Schauspieler, abwechselnd als Passagier oder Bewohner, geben trotz minimalem Bühnenbild einen Eindruck von den chaotischen Tagen im Nirgendwo. Zum 20. Jahrestag von 9/11 startet das pathosdurchweichte, aber durchaus klug konzipierte Singspiel nun als Stream (Apple TV+, ab 10.9.).

Curveball - Wir machen die Wahrheit

Josef Grübl: Um Wahrheiten geht es in Zeiten von alternativen Fakten schon lange nicht mehr, eher um die Frage, wie man diese für seine Zwecke hinbiegt. Davon erzählt Johannes Naber in seinem Film über den irakischen Asylbewerbers Rafid Alwan. Dieser kam 1999 nach Deutschland und versprach sich bessere Bleibechancen, wenn er dem BND Falschaussagen über Biowaffen in seinem Land auftischte. Als die Wahrheit herauskam, war es den Bürokraten zu peinlich, um die Sache aufzuklären. Dass sie damit den Amerikanern die angeblichen Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak lieferten und einen Krieg auslösten, ist die bittere Pointe dieser brillant erzählten Geheimdienst-Farce.

Fantastische Pilze - Die magische Welt zu unseren Füßen

Anke Sterneborg: Mit Elementen von verwunschenem Märchen, beunruhigender Science-Fiction und gruseligem Horror eröffnet sich eine verborgene Wunderwelt der Pilze, die in allen Farben, Formen und Strukturen durch den Waldboden brechen oder sich in Form von Gitternetzwerken ausbreiten. Louie Schwartzberg, der seit 30 Jahren mit Zeitrafferkameras der Schönheit der Natur auf der Spur ist, widmet sich der faszinierenden Welt einer Spezies, die weder Gemüse noch Tier, sondern etwas dazwischen ist. Es lohnt sich, ihre Mysterien zu ergründen, nicht nur wegen ihrer Schönheit, Vielfalt und Nahrhaftigkeit, sondern auch wegen der Heilkräfte in Humanmedizin und Ökosystemen. Schade nur, dass die sinnlich starken Bilder völlig überflüssig mit einer esoterischen Narration aus der Pilzperspektive (im Original: Brie Larson) verkleistert wird.

Freakscene - The Story of Dinosaur Jr.

Juliane Liebert: Musik machen sie, weil es ihnen wichtig ist, sagt Gitarrist und Sänger J Mascis in Philipp Virus' Dokumentarfilm über Dinosaur Jr., nicht weil es Spaß macht. Mit dieser Ernsthaftigkeit schufen Mascis, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph lärmige Hymnen, die unzählige trübe Seelen und den Rock vor sich selbst retteten. Der Film erzählt die Geschichte der Band chronologisch. Rares Live-Footage aus frühen Jahren ergänzt die Interviews mit den Bandmitgliedern und Weggefährten wie Kim Gordon. Das für Popdokus wohl obligatorische verbale Schultergeklopfe bleibt nicht ganz aus, aber "Freak Scene" ist eine informative und liebevolle Hommage.

Ein nasser Hund

Annett Scheffel: Realität und Wahnsinn in Berlin-Wedding: Der 16-jährige Iraner Soheil sitzt zwischen allen Stühlen. Für die Deutschen ist er Kanake, für Juden wahlweise Kleinkrimineller oder Terrorist, und seine jüdische Identität verheimlicht er vor den muslimischen Jungs in seiner Straßengang. Basierend auf der Autobiografie von Arye Sharuz Shalicar erzählt Damir Lukačević von der Suche nach Heimat im Minenfeld kultureller, ethnischer und religiöser Segregationslinien. Die Geschichte ist stark, die Bilder authentisch. Ein wenig geht dem Film am Ende aber doch die Puste aus, um all die Konflikte und Widersprüche, die er aufwirft, zu Ende zu denken.

Notes of Berlin

Juliane Liebert: Der Film zum gleichnamigen Blog, in dem Fotos von all den Zetteln gesammelt werden, die eine Stadt so hervorbringt. Gesuche, Beschwerden, Absurdes, Erheiterndes, Trauriges. In Mariejosephin Schneiders Film werden in kurzen Episoden die Geschichten hinter diesen Zettel erzählt, die so unterschiedlich sind wie die Fundstücke, die sie inspiriert haben.

The Painted Bird

Philipp Stadelmaier: Václav Marhoul verfilmt den gleichnamigen Roman von Jerzy Kosinski als zweieinhalbstündigen Schwarzweiß-Bilderbogen und Passionsgeschichte, in der ein jüdischer Waisenjunge (Petr Koltár) im Zweiten Weltkrieg von einer Grausamkeit in die nächste gerät. Udo Kier entfernt Augen mit Löffeln, Stellan Skarsgard gibt einen gnädigen Wehrmachtsoldaten, Harvey Keitel einen helfenden Priester. Die Bilder sind schön, der Rest ist eine Tour de Force.

Prey

Sofia Glasl: Eine Typologie des Schulterklopfens könnte man von Thomas Siebens Thriller ableiten, denn für die fünf Kumpels, die hier im Wald Junggesellenabschied feiern, kann die Geste eigentlich alles heißen: Aufmunterung, Abwinken oder eine Vorstufe zum Kinnhaken. Während ihr Ausflug zur Hetzjagd wird, weil ein unbekannter Scharfschütze sie durchs Unterholz treibt, durchlaufen sie noch weitere halbstarke Stereotype, und die beiden Frauen, die ihnen auf der Flucht begegnen, sind kaum mehr als klischeehaftes Inventar - niedliches Opfer und rachsüchtige Irre. Auch wenn Sieben alles dransetzt zu behaupten, dass das mehr Tiefgang hat, wird aus Schulterklopfen leider nur Schulterzucken (Netflix, ab 10.9.).

Der Rosengarten von Madame Vernet

Helena Zacher: Frankreich, so romantisch wie man es sich vorstellt, und eine Welt, in welcher die subtilen Reflextöne der Perlmuttfarbe existenziell sind - so inszeniert der Regisseur Pierre Pinaud diesen Film. Nachdem Protagonistin Eve Vernet im Internationalen Rosenwettbewerb gegen ihren größten Konkurrenten verliert, muss die Rosenzüchterin eine Neuschöpfung kreieren. Was am Ende rauskommt, ist eine herrlich charmante Komödie sowie Hymne an die Eleganz der Natur. Denn was wäre das Leben ohne Schönheit?

Stillwater

Fritz Göttler: Familienvater, das ist ein verdammt harterJob in der amerikanischen Gesellschaft. Matt Damon ist so ein hart arbeitender Vater, Bauarbeiter, er muss nach Marseilles, wo seine Tochter eine Haftstrafe verbüßt wegen Mordes an einer Mitstudentin. Sie beteuert ihre Unschuld, nun hat sie neue Informationen über den wirklichen Täter. Der Vater soll bei der Wiederaufnahme des Verfahrens helfen, er tut was er kann, schließlich mit sehr rabiaten Mitteln, und Regisseur Tom McCarthy folgt ihm konsequent auf diesem Weg der Selbstzerstörung. Kann eine junge Französin, ebenfalls alleinerziehend, ihm durch die Nacht helfen? Die Geschichte erinnert an den Mordfall Meredith Kercher, in dem Amanda Knox in Perugia zu Unrecht wegen Mordes angeklagt war, deshalb hat diese auf Twitter vehement sich gegen den Film gewandt.

Waren einmal Revoluzzer

Anna Steinbauer: Zwei gut situierte Wiener Paare Ende dreißig erreicht der Hilferuf eines russischen Freundes in Not, und schnell wird klar, was von Idealismus und humanistischem Gedankengut übrig bleibt, wenn Hilfsbedürftige sich nicht so verhalten, wie Helfende es gerne hätten. Schonungslos und manchmal etwas zu didaktisch rechnet die Regisseurin Johanna Moder mit der egoistischen Haltung und den Verlogenheiten einer sich weltoffen gebenden Mittelschicht ab. Ihr Film changiert zwischen bissiger Gesellschaftskritik und feinsinnig arrangiertem Familiendrama.

© SZ vom 08.09.2021
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