Neue Filme in Kürze Väter und Söhne

Ein Regisseur gibt sich als IS-Sympathisant aus, um die Indoktrinierung von Kindern zu filmen. Dieser und alle weiteren Filme der Woche.

Von  den SZ-Kritikern

Die Starts ab 21. März auf einen Blick, bewertet von den SZ-Kritikern. Rezensionen ausgewählter Filme folgen.

The Dirt

Tobias Kniebe: Prekäre Anfangsjahre, Durchbruch zum Ruhm, GeldSexDrogen, Zerwürfnis und Versöhnung: Kann man das "Bohemian Rhapsody"-Erzählmodell für jede Band durchziehen? Man kann. Im Fall der Hardrocker von Mötley Crüe kommt dabei allerdings ein Film heraus, der nicht mal ansatzweise behauptet, von Musik zu handeln. Stattdessen geht es ziemlich altmodisch um Sex und Groupies und noch mehr Sex, Drogenexzesse und zerstörte Hotelzimmer. Immerhin mit Verve gespielt (Machine Gun Kelly etwa gibt Tommy Lee) und von Jeff Tremaine mit leichtem Augenzwinkern inszeniert. (Läuft auf Netflix ab 22. März).

Frau Mutter Tier

Anke Sterneborg: Drei Standardsituationen zum Thema Mutterschaft in München: die Alleinerziehende, die Werbekarrierefrau und die Vollzeitmutter. Alle drei scheitern auf unterschiedliche Weise an der eigenen Selbstverwirklichung. Als Schauspielerin und Autorin thematisiert Alexandra Helmig den eigenen Alltag als zweifache Mutter und hat nun das eigene Bühnenstück für die Leinwand adaptiert. Unter der Regie der "Noch-nicht-Mutter" Felicitas Darschin ist sie neben Julia Jentsch und Kristin Suckow Teil des Muttertypentrios, das leider nicht sonderlich lustig, nicht mal angemessen wahrhaftig ist, sondern eher altbacken und fad.

Free Solo

Thomas Jordan: Mit Alex Honnold zu klettern sei wie Rauchen, sagen Freunde über den 33-jährigen Star unter den Extrembergsteigern, "man will es eigentlich nicht, aber manchmal tut man es doch, weil es so schön ist". Der Dokumentarfilm von Elizabeth Vasarhelyi und Jimmy Chin kommt dem amerikanischen Ausnahmesportler sehr nahe. So nahe, dass hinter den spektakulären Aufnahmen an den Felsen des Yosemite-Nationalparks ein in sich gekehrter junger Mann erkennbar wird, der im Klettern ohne Sicherung einen Weg gefunden hat, mit der Welt und sich selbst umzugehen.

Die Goldfische

Juliane Liebert: Der Ausflug einer Behinderten-WG soll einen Schwarzgeld-Transport über die Schweizer Grenze tarnen. Ein Beispiel ästhetischer Schlüssigkeit! Was seinem Protagonisten (Tom Schilling) widerfährt, vollzieht der Film auf der künstlerischen Ebene nach: Er produziert einen völlig überflüssigen Unfall und kommt von da an nicht von der Stelle (weil querschnittsgelähmt). Unterschiede zwischen Film (Regie: Alireza Golafshan) und Protagonist gibt es allerdings auch. Tom Schilling kann in seiner Rolle nicht alleine scheißen. Der Film schon.

Das Haus am Meer

Fritz Göttler: Wie kann man das hinkriegen, ein gerechter Mensch sein in einer ungerechten Welt? Ein Vater hat einen Schlaganfall, die drei Kinder eilen zurück zu ihm, in seine Villa, dem Haus über dem Meer, nahe Marseille. Wunderbare Melancholie schwebt durch diesen Film von Robert Guédiguian, seinen zwanzigsten, den Tod nicht fürchtend und das Leben feiernd, und von außen schwappen all die ungelösten Probleme unserer Gesellschaft an, Klassenkampf und gestrandete Migranten, die Existenz der kleinen Unternehmen, der Erhalt des eigenen Selbstbewusstseins. Dazu die Liebe, unerschütterlich bis zum Ende, und für immer erregt durch eine Performance des "Guten Menschen von Sezuan".

Head Full of Honey

Til Schweigers US-Remake von "Honig im Kopf". Wurde vorab nicht gezeigt.

Iron Sky: The Coming Race

Philipp Bovermann: Steve Jobs rückt in den Kreis der Superschurken auf. Er ist ein außerirdisches Echsenwesen und lebt im hohlen Kern der Erde, zusammen mit Stalin, dem Papst, Margaret Thatcher und natürlich Mark Zuckerberg. Hitler reitet dort auf einem Dinosaurier und brüllt "Sieg heil, Mutterfickers". Solche Ideen braucht es offenbar, wenn man, wie Timo Vuorensola, einen über das Internet crowdfinanzierten Film drehen möchte - da muss man drehbuchmäßig im Vorfeld schon ein bisschen was liefern. Geworden ist daraus, wie beim ersten Teil, eine trotz Weltraumnazis konventionelle Actionkomödie mit "Spaceballs"-Humor.

Luz

Tobias Kniebe: Manchmal spürt man von der ersten Sekunde an, dass die Bilder und Töne etwas Besonderes wollen. Hier saugen sie die Zuschauer mit 16-Millimeter-Korn und Cinemascope-Format in einen tranceartigen, von experimenteller Musik getriebenen Trip hinein, dessen Story rätselhaft beginnt und rätselhaft bleibt. Sind bei einer Teufelsbeschwörung in einer chilenischen Klosterschule Dämonen frei geworden, die jetzt in Deutschland ihr Unwesen treiben? Und die Taxifahrerin Luz, ist sie ein Werkzeug oder doch eher ein Opfer des Bösen? Beim Versuch, das per Hypnose zu klären, wird alles noch unerklärlicher. Aber vom Regisseur Tilman Singer wird man definitiv noch Spannendes hören.

Near and Elsewhere

Nicolas Freund: Klimaschutzproteste, Flüchtlinge, die von einem besseren Leben träumen, und ein immer haltloser erscheinendes Finanzsystem lassen verschiedenste Versionen der Zukunft gerade sehr gegenwärtig erscheinen. Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni suchen in ihrem Dokumentarfilm nach Bildern für das diffuse Gefühl einer Zukunft, in der wieder alles möglich scheint, und finden sie vor allem im Meer und in urbanen Betonwüsten. Dazu befragen sie verschiedene Experten und Professoren, aber auch Sportler und einen Leuchtturmwärter über Zeit, Zukunft und Utopien. Der Germanistik-Professor Joseph Vogl meint: "Wir haben für bestimmte Dinge, die wir gerade entstehen sehen, noch keine Begriffe." Ein Film über die Zukunft, der die Gegenwart erklärt.

Norddeutschland bei Nacht

JANNE KNÖDLER: Der Nachthimmel leuchtet. Das Funkeln der Sterne, die Farben eines Feuerwerks, das grelle Licht von Scheinwerfern und LED-Lampen bestrahlt Ölplattformen, Krabbenkutter, Baudenkmäler, Autofabriken, Volksfeste. Regisseur Marcus Fischötter ist fasziniert von dem Hellen im Dunklen, dem Natürlichen und dem Menschgemachten. Von weit oben zeigt er zu Streichermusik diese Welt, die nie zur Ruhe zu kommen scheint, mit einem behutsamen, fast unkommentierenden Blick. Das verlangt dem Zuschauer etwas Geduld ab, belohnt aber mit fantastischen, einprägsamen Bildern.

Of Fathers And Sons

Martina Knoben: Unglaublich, dass es diesen Film überhaupt gibt: Er bietet einen Einblick in die Denk- und Lebensweise einer radikal islamistischen Familie in Syrien. Der Dokumentarfilmer Talal Derki war dafür aus Berlin, wo er heute lebt, in sein früheres Heimatland zurückgekehrt, gab sich als Sympathisant aus und gewann das Vertrauen dieser Familie. Zwei Jahre lebte er mit ihr. Seine Doku konzentriert sich auf den Vater und zwei der Söhne: den eigenwilligen Osama und seinen jüngeren Bruder Ayman. Gruselig zu sehen, wie die Kinder hier von klein auf zum Hass erzogen werden - sie lernen den Koran und das Töten. Tiefgreifende Analysen bietet der Film nicht, aber er zeigt diese Parallelwelt wie einen Albtraum.

Scala Adieu - Von Windeln verweht

Fritz Göttler: Das Ende eines Kinos, des Scala Filmpalasts in Konstanz, der im vorigen Jahr schließen musste. Die Mieten steigen, dem Betreiber gehört auch ein Kinocenter in der Stadt, ein Drogeriemarkt zieht ein, Einkaufstouristen aus der Schweiz werden ihn erfolgreich machen. Douglas Wolfsperger, der Konstanz von Kindheit an kennt, spürt dessen durchaus abseitige, abnorme Ecken auf - aber für ein Programmkino reicht es einfach nicht. Der Oberbürgermeister ergeht sich in Belanglosigkeiten, das (bürgerliche) Publikum beschwört seine schönsten Kinomomente und organisiert eine Bürgerinitiative. Eva Mattes, die jahrelang die Tatort-Kommissarin der Stadt war, warnt energisch vor der Kultur- und Naturzerstörung: Man muss das erhalten, wie man die Meere erhalten muss, die Tiere, die Museen.

Vorhang auf für Cyrano!

Aurelie von Blazekovic: Edmond Rostand schreibt langatmige Versdramen, aber das Pariser Publikum der Belle Époque will leichte Unterhaltung, eine Komödie, irgendwas mit Liebe! Nach einem Flop bringt er zwei Jahre lang rein gar nichts zu Papier, bis der große Schauspieler Coquelin eine Rolle von ihm möchte. Rostand muss binnen kürzester Zeit ein Stück zusammenschustern. Um einen Dichter, einen Haudegen soll es gehen, einen mit Mut, Humor und Heldentum. Eine Komödie, fordert der Schauspieler, also bekommt der eine riesige Nase verpasst. Alexis Michaliks fiktive Entstehungsgeschichte von "Cyrano de Bergerac", dem meistgespielten Stück der französischen Theatergeschichte, ist wie das reale Werk eine temporeiche Komödie der Verwechslungen. Und Rostand natürlich selbst ein von der Liebe geleiteter Cyrano.

Wintermärchen

Nicolas Freund: So stellt man sich eigentlich eine Hippie-Kommune vor: Alle sind ständig zugedröhnt, keiner arbeitet, und jeder geht mit jedem ins Bett. Der Unterschied zum Flower-Power-Leben ist, dass Tommi, Becky und Maik regelmäßig aufbrechen, um Ausländer und Polizisten zu ermorden. Im Stil der Berliner Schule mit Wackelkamera und Nuscheldialogen zeigt Regisseur Jan Bonny mehr als zwei Stunden aus dem tristen und stupiden Leben einer rechtsradikalen Terrorzelle. Keinen Überfall, keinen brutalen Streit und keine verzweifelte Sexszene lässt die Kamera aus. Das ist filmisch und schauspielerisch sehr beeindruckend. Nur die Fragen nach den Motiven und Ideologien hinter den Verbrechen traut sich dieser - ansonsten sehr mutige - Film nicht zu stellen.

Wir

Tobias Kniebe: Für einen Moment lang denkt man, dieser Horrorfilm könnte das definitive Kinowerk der Stunde sein - vor allem, weil der Regisseur Jordan Peele schon in "Get Out" so ein sensationelles Gespür für amerikanische Lebenslügen demonstriert hat. Vier Protagonisten aus dem schwarzen Mittelstand (Knuddel-Dad, Beschützer-Mom, Instagram-Tochter und Nerd-Sohn) erfahren eines Nachts auf die harte Tour, dass sie eine zombifizierte Doppelgänger-Familie haben. Es geht um tödliche Rache für ein Leben im Schatten eines reichen, herzlosen Landes, das klingt noch gut - aber die langatmige Erklärung der Regierungsverschwörung, die dahintersteckt, ist dann doch eher ein B-Film-Finale (siehe Feuilleton vom Mittwoch).