bedeckt München

Neue Filme in Kürze:Die Starts der Woche

Gerard Butler flieht vor Kometeneinschlägen, Miranda July zeigt den Terror in einer exzentrischen Kleinfamilie.

Von den SZ-Kritikern

Bohnenstange

Annett Scheffel: 1945 in Leningrad. Der Krieg ist vorbei und trotzdem allgegenwärtig. Zwei in stiller Freundschaft verschworene Frauen suchen einen Weg zurück in ein normales Leben. Kantemir Balagovs Historiendrama lotet mit kunstvoll verknappten Dialogen und üppiger Farbdramaturgie die seelischen Verwüstungen in Stalins Nachkriegsrussland aus. Ein quälend schöner Film voll emotionaler Schwerkraft, über verdrängte Schrecken und verlorene Sprache - und über die Gier nach menschlicher Nähe, die so schwer gelingen will.

Cortex

Fritz Göttler: Es wird schon wieder, versichert Hagen, ein Wachmann in Hamburg, seiner Frau und uns gleich zu Beginn. Moritz Bleibtreu spielt Hagen, und er hat den Film auch selbst inszeniert, sein erster. Er möchte wissen, wie Leben und Traum zusammengehen und vor allem, wie man vom einen in den anderen wechseln kann. Hagens Schlaf ist gestört, sein Leben gerät aus den Fugen. Und zugleich das des jungen Kriminellen Niko (Jannis Niewöhner). Der Blick in den Spiegel ist der Moment, an dem Kino entsteht, die Frage, wen man darin dann erblickt. Das Chaos wird komplett, als einer ins Spiel kommt, der behauptet, er könne für Ordnung sorgen in den Träumen, ihn spielt der unberechenbare Nicholas Ofczarek.

Ema

Philipp Stadelmaier: Ema (Mariana Di Girolamo) und Gaston (Gael G. Bernal) haben eine Katastrophe hinter sich. Pablo Larraín verfolgt die Energien, die aus ihr entstehen: Ema tanzt, liebt, schleudert sich durchs Universum, setzt es in Brand und will es heilen. Selten sind die Spannungen der heutigen Zeit, der Aufbruch der Jugend und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, so wild aufeinandergeprallt wie hier. Und Valparaíso leuchtet in allen Farben.

Greenland

Anke Sterneborg: Weltuntergang nicht als schleichende Pandemie, sondern mit Krawumms und wuchtige Kometeneinschlägen, die weltweit ganze Städte vernichten. Gerard Butler spielt einen Architekten, der mit seiner Familie einen Platz in einer geheimen Bunkerkolonie ergattert hat, unglücklicherweise verlieren sich Vater, Mutter und Kind auf dem Weg dorthin immer wieder. Das Drehbuch will es, dass sie sich auch im größten Chaos-Gewimmel zuverlässig wiederfinden, auf Straßen, die wahlweise verstopft oder völlig leer sind. Wie der kleine Junge seine Diabetes mit Insulin, so bekämpft dieser Möchtegern-Blockbuster von Ex-Stuntman Ric Roman Waugh den Geldmangel mit regelmäßigen Gefühlsinfusionen.

Kajillionaire

Doris Kuhn: Zwei Trickbetrüger von der jämmerlichsten Sorte zwingen seit Jahren ihre erwachsene Tochter, für sie Geld zu ergaunern. Die Abhängigkeitsbeziehung dieser drei spiegelt den Zustand einer Gesellschaft, in der die Hartherzigkeit kaum mehr ertragbar ist. Die Universalkünsterin Miranda July, die in allen Sparten zu Hause ist, erzählt mit bekannt unkonventionellem Stil von kleinen und größeren Coups, sie formt die Figuren dazu so hochklassig exzentrisch, dass hinter dem Drama gelegentlich eine absurde Komödie hervorscheint.

Komm und sieh

Philipp Stadelmaier: In Elem Klimows antifaschistischem Kriegsfilm von 1985 schließt sich ein Bauernjunge (Alexei Krawtschenko) weißrussischen Partisanen im Kampf gegen die Deutschen an. Den Krieg erlebt er als dauertraumatisierende, dröhnende Reizüberflutung, an der die ganze Natur Teil hat. Es gibt Gräuel, die einen den Verstand verlieren lassen, wenn man sie sieht. Und Filme, die diese Erfahrung nachvollziehen, so wie dieser Sowjetklassiker, den man dringend gesehen haben sollte.

Mortuary Collection

Fritz Göttler: Ein bizarres kleines Horrorstück in der klassischen Tradition, liebevoll gebastelt von Ryan Spindell. Ein Haus unter hohen Bäumen, im malerischen Bateshaus-Stil: das Bestattungsunternehmen von Raven's End, der Boss ist Clancy Brown. Seine Kollektion von tödlichen Geschichten enthält ein schlüpfriges Tentakelwesen im Spiegelschrank, einen unerwarteten Mutterschaftsbauch, eine Liebe, die vom Tod nicht geschieden wird, Babysitting mit kannibalistischem Beigeschmack. Das Böse wird bestraft in diesen Moritaten, die gruselig und grausam sind wie sonst nur die Märchen. Aber nicht immer.

Mein Liebhaber, der Esel und ich

Josef Grübl: Die französische Lehrerin Antoinette (Laure Calamy) hat eine Affäre mit dem Vater einer ihrer Schülerinnen. Als der Schuft es wagt, die Ferien mit Frau und Kind zu verbringen, reist sie ihnen kurzerhand hinterher. Leider ist das Ziel der Nationalpark der Cevennen, es wird also anstrengend. Und dann bucht Antoinette auch noch eine Trekkingtour mit Begleitesel. Das ist mit großer Leichtigkeit erzählt, es gibt schöne Bilder und eine mäßig spannende Story, außerdem hat Regisseurin Caroline Vignal den vermutlich süßesten Esel der Kinogeschichte gecastet.

Over The Moon

Ana Maria Michel: Bevor sie starb, erzählte Fei Feis Mutter ihr die Legende der Mondgöttin, die seit langer Zeit auf ihren Geliebten wartet. Für die Zwölfjährige der Beweis, dass wahre Liebe ewig hält. Damit es ihr Vater begreift, der wieder heiraten will, fliegt Fei Fei bei Glen Keane mit einer Rakete zum Mond, wo alles neonbunt und die Göttin ein Popstar ist. Zwischen viel Schrillem finden sich im Animationsfilm von Netflix und dem chinesischen Pearl Studio aber auch schöne und witzige Momente.

Rebecca

Kathleen Hildebrand: Ein kleines zaghaftes Bisschen schimmert die Klassengesellschaftskritik aus Ben Wheatleys Dystopie "High-Rise" durch, wenn er sich hier an eine Neuauflage des Hitchcock-Klassikers nach dem Roman von Daphne du Maurier wagt. Lily James als Mädchen aus dem Volk heiratet Armie Hammer als englischen Aristokraten - und geht fast daran zugrunde. Die modernen Ansätze, die Wheatley für den Stoff hat, bleiben aber so blass wie die Protagonistin im Vergleich mit ihrer glamourösen Vorgängerin als Herrin von Manderlay.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Martina Knoben: Der Corona-Ausbruch beim Großschlachter Tönnies brachte die Arbeitsbedingungen dort in die Schlagzeilen, aber Yulia Lokshina verfolgt das Thema schon länger. Sie setzt Aussagen von Tönnies-Leiharbeitern, Impressionen aus der Umgebung und die Arbeit einer Münchner Schultheatergruppe an Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" zu einer überzeugenden Collage zusammen. Im Schlachthof selbst durfte sie nicht drehen, doch man erfährt dennoch viel über die Arbeit in der Fleischindustrie - und die Mechanismen kapitalistischer Ausbeutung.

Die Stimme des Regenwaldes

Anna Steinbauer: Auf der Suche nach dem Jenseits der Zivilisation: Niklaus Hilber verfilmt die Geschichte des Schweizer Umweltschützers Bruno Manser, der in den Achtzigerjahren im Dschungel von Borneo mit dem Stamm der Penan lebte, einem der letzten nomadischen Urwaldvölker. Er zeigt den Kampf gegen die Abholzung des Regenwaldes, dem Manser sein Leben verschrieben hat, stilisiert den seit 2000 im Dschungel verschollenen Schweizer jedoch zu sehr zum mythischen Helden.

The Great Green Wall

Philipp Bovermann: Quer durch Afrika soll eine "große grüne Wand" von Baumpflanzungen entlang der Frontlinie des Klimawandels verlaufen, ein Bollwerk gegen die sich ausbreitende Wüste. Die malische Musikerin Inna Modja reist, begleitet vom Dokumentarfilmer Jared P. Scott, von West nach Ost entlang dieses Mammutprojekts, das nicht recht vom Fleck kommt. Sie besingt den neuen "African Dream", er schwelgt allzu werbeclipartig in Weichzeichner-Bildern, die ein Happy End vorbereiten. So wirkt es, als nehme ein US-Regisseur paternalistisch das arme Afrika vor den Problemen in Schutz, mit denen der Kontinent allein nicht fertig wird.

Winterreise

Nicolas Freund: Die Wüste mag er nicht besonders, obwohl er seit zwanzig Jahren in Arizona lebt. Martin Goldsmith möchte mehr über seinen Vater erfahren, der als Student aus Nazideutschland fliehen musste. Die Filmemacher Anders Ostergaard und Erzsébet Rácz inszenieren die Nachforschungen als virtuose Mischung aus Interviews, Originalaufnahmen und nachgestellten Szenen, teilweise in Schwarz-Weiß. Bruno Ganz ist in seiner letzten Rolle als der alte Vater zu sehen, mit ihm werden die melancholischen Themen lebendig: Exil, Erinnerung, Musik und das Band zwischen den Generationen. Die Antworten, die der Film findet, sind nicht immer eindeutig, aber sie klingen lange nach - wie Schuberts "Winterreise".

© SZ vom 22.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite