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Neue Filme in Kürze:Die Starts der Woche

In "Astronaut" will ein pichelnder Rentner mithilfe eines Tech-Milliardärs ins All fliegen. "Sag du es mir" schildert einen Mordversuch aus drei Perspektiven.

Von den SZ-Kritikern

Astronaut

Nicolas Freund: Astronomie oder Alkohol: Angus Stewart findet beides gut. Mehr bleibt dem pensionierten Ingenieur auch nicht, denn mit Ausnahme des Enkels will selbst seine Familie nicht viel mit ihm zu tun haben. In der Weltraumflug-Ausschreibung eines Tech-Milliardärs meint Angus sein Ticket aus der Langeweile des Alters gefunden zu haben. Regisseurin und Drehbuchautorin Shelagh McLeod erklärt in diesem sehr erbaulichen Familienfilm, dass auch ältere Menschen noch etwas leisten können. Das stimmt, wird in seiner Schlichtheit den realen Problemen des Alters aber nur im Ansatz gerecht. Es wäre schön gewesen, wenn die Eselherde, die Angus' demente Frau gekauft hat, eine größere Rolle bekommen hätte.

Der Bär in mir

Doris Kuhn: Seine erste Bärenliebe hieß Bärli, aktuell schwärmt er für eine Bärendame namens Luna. Der Schweizer Biologe David Bittner verbringt den Sommer in Alaska, dort lebt er unter Grizzlybären, nur ein Elektrozaun trennt sein Lager von ihrem Revier. Der Dokumentarfilmer Roman Droux begleitet ihn, was dem Biologen die Gelegenheit gibt, über das Paarungsverhalten der Tiere zu referieren, über ihre Fressgewohnheiten und die bedrohte Natur. Und auch wenn er den Bären Namen gibt, sie in seinen Erzählungen vermenschlicht, lässt er keinen Zweifel daran, dass es sich um gefährliche Raubtiere handelt - denen man in diesem prächtigen Bilderbogen recht nah kommt.

Bruno

Doris Kuhn: 24 Stunden in London: Ein depressiver Obdachloser und ein sechsjähriger Ausreißer treffen aufeinander und suchen zusammen den Hund Bruno. Sie lernen, sich gegenseitig nicht im Stich zu lassen, zögerlich der Mann, zielstrebig das Kind, für beide ist es eine neue Erfahrung. Karl Goldens Drama setzt auf nuancierte Beobachtung von Gefühlen, denn die Protagonisten tragen schwer an ihrer Vergangenheit - bis ein Happy End die ganze schöne Melancholie über den Haufen wirft.

Drachenreiter

Ein Drache, ein Dieb und eine Koboldin, alle drei junge Teenager, suchen einen mythischen Ort, an dem angeblich Fabelwesen wohnen. Sie fliegen zusammen um die halbe Welt, unterwegs lernen sie die altbekannte Lektion, dass Freundlichkeit und Freundschaft meistens weiterhelfen. Subtil ist anders, gefühlvoll auch, Tomer Eshed will sichtlich ein bombastisches Action-Abenteuer. Aber letztlich macht das Reiten auf dem Silberdrachen immer Spaß, insbesondere, wenn er so schick animiert ist wie hier.

Der geheime Garten

Anke Sterneborg: Seit Frances Hodgson Burnett im Jahre 1911 die heilenden Kräfte eines verborgenen Gartens beschwor, wurde der Roman immer wieder verfilmt, als Stummfilm, in schwarzweiß und Farbe, fürs Fernsehen, fürs Kino. Nach Agnieszka Holland in den Neunziger Jahren erweckt jetzt der britische TV-Regisseur Marc Munden den magischen Garten des einsam in den Yorkshire Mooren gelegenen Landgutes von Lord Archibald (ein sehr verhärmt und zerrüttet wirkender Colin Firth) mit digitalen Zauberkräften zum Leben. Mit Unterstützung von Flora und Fauna kommt die in die Nachkriegszeit verpflanzte zehnjährige Mary Familiengeheimnissen auf die Spur und löst die Knoten von Trauer und Krankheit.

I Am Greta

Philipp Bovermann: Der Dokumentarfilmer Nathan Grossman war dabei, als Greta Thunberg sich im August 2018 vor das schwedische Parlament setzte, um gegen die Untätigkeit der Regierung beim Klimaschutz zu protestieren. Er folgte ihr ein Jahr lang mit der Kamera, während der Sog der Ereignisse sie in irrer Geschwindigkeit an die Spitze einer internationalen Protestbewegung spülte. Der Film kommt ihr sehr nah, widersteht der Versuchung, eine simple Heldengeschichte zu erzählen, und konzentriert sich stattdessen auf seine Protagonistin. Thunbergs begleitender Erzählkommentar macht greifbar, wie schwer, wie irreal ihr diese Wildwasserrutsche durch das Zentrum der Macht erschien, ihre Wut, ihre Verzweiflung, vor allem aber: ihr Befremden, dass für die allermeisten Menschen trotz der nahenden Katastrophe das Leben einfach weitergeht. Ihr selbst erscheine es wie ein Traum, sagt sie, wie ein Film.

Martin Margiela

Tanja rest: Der belgische Avantgarde-Designer Martin Margiela, der in den Neunzigerjahren eine völlig neue Ära in der Mode begründete, hat sein Gesicht niemals öffentlich gezeigt und kein einziges Interview gegeben. Zehn Jahre nach seinem Rückzug ist es dem Regisseur Reiner Holzemer nun gelungen, ihn vor die Kamera zu holen - zumindest seine Hände und seine Stimme. In "Martin Margiela: In His Own Words" wird der Designer erstmals zum Erzähler seines Werks. Etwas konventionelle, aber durchweg sehenswerte Hommage an einen diskreten Wahnsinnigen.

Moskau einfach

Ana Maria Michel: Raus aus der Bügelfaltenhose und rein in die Jeans: Ein braver Polizist, gespielt von Philippe Graber, soll kurz vor dem Mauerfall als falscher Statist die linke Theaterszene observieren - und verändert sich dabei nicht nur äußerlich. Das alles passiert vor dem Hintergrund des sogenannten "Fichenskandals", der Ende der Achtzigerjahre ans Licht kam. Hunderttausende wurden in der Schweiz vom Staat bespitzelt, geheime Dossiers angelegt. Micha Lewinskys witzige, liebenswerte Komödie hilft Zuschauern, die des Schwyzerdütschen nicht mächtig sind, zum Glück mit Untertiteln.

Mrs Taylor's Singing Club

Anke Sterneborg: Die therapeutische Kraft der Musik wird im Kino fast inflationär zelebriert, hier mal nicht in der Schule, sondern im Militärstützpunkt. Mehr als 20 Jahre nach dem Männerstripabenteuer der Stahlarbeiter in "The Full Monty" kehrt Peter Cattaneo mit einer Inspirationskomödie ins Kino zurück, wieder nach wahren Ereignissen. Allerdings wirken Frauen, die sich die Zeit des Wartens auf ihre Männer vertreiben, im Jahr 2020 ein wenig altbacken. Trotzdem sehenswert ist der formelhafte Weg vom Karaoke-Dilettantismus zum Auftritt beim jährlichen Remembrance Day Concert in der Royal Albert Hall wegen Kristin Scott Thomas und Sharon Horgan, die sich mit ihren unterschiedlichen Temperamenten - die eine streng und reserviert, die andere entwaffnend herzlich - zusammenraufen.

Oeconomica

Martina Knoben: Wie entsteht eigentlich Geld? Wie entstehen Gewinne? Und warum wachsen die Schulden, wenn die Wirtschaft wächst? Carmen Losmann stellt scheinbar naive Fragen, die ihre Gesprächspartner - alle hochrangige Mitspieler in der Finanzwirtschaft - trotzdem häufig ins Schwitzen bringen. Ihre Doku wirft einen spannenden Blick in den Maschinenraum des Kapitalismus, dessen Player sonst gern unter sich bleiben. Losmann filmt (wenn sie denn eine Drehgenehmigung bekommt) fast ausschließlich Männer, die in Glashochhäusern an konspirativ anmutenden Sitzungen teilnehmen. Hier ist sehr viel Macht konzentriert. Und obwohl fast überall Glas ist, wirkt das System intransparent und von der Wirklichkeit abgekoppelt - der Film ist eine gute Anregung, genauer hinzusehen.

Rojo - Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig

Doris Kuhn: Argentinien 1975, ein Jahr vor der Militärdiktatur. In einem Provinzkaff verwickelt sich ein lokaler Anwalt in den Tod eines Fremden, er hält die Sache geheim, die Stadt schweigt vorerst dazu. Die respektablen Bürger dort schätzen das unmoralische Geschäft, Gewalt ist überall spürbar. Benjamin Naishtat macht einen fantastisch schwarzen Krimi mit Bildern voller Seventies-Style, gleichzeitig lenkt er den Blick auf ein repressives System, dessen Handlanger sich höchstens noch hinter ihren Sonnenbrillen verstecken müssen.

Sag du es mir

Anna Steinbauer: Silke wird von einem Fremden am helllichten Tag von einer Brücke gestoßen. Ihr passiert nicht viel, jedoch reist ihre Schwester Moni extra aus Spanien an, um die Tat aufzuklären. In drei Episoden liefert Michael Fetter Nathansky drei unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehen. Durch den raffinierten Erzählkniff werden Opfer- und Täterzuschreibungen relativiert, und plötzlich ist unklar, wer hier für wen sorgt und wer lügt. Eine tragische, rührende, uneindeutige Suche nach Wahrheit zwischen dem Gesagten.

Von Liebe und Krieg

Fritz Göttler: Der Krieg ist nur am Anfang des Films im Bild, die Front in Frankreich, Oktober 1917. Dann kann der (selbst-)verwundete Soldat Esben nach Hause, nach Nordschleswig - das damals zu Deutschland gehörte. Und findet sich seiner Familie entfremdet. Der Sohn bleibt auf Distanz, ein deutscher Offizier hat während der langen Abwesenheit Esbens Frau still umworben, will auch die Vaterrolle übernehmen. Die Motive des Krieges - überleben wollen, desertieren - werden eingebaut in die Mechanik eines Melodrams ... und da geht es nicht nur um die reine Liebe, sondern auch um Verlangen, Treue, Impotenz, Dominanz, Sadismus. Kasper Torsting hat bislang viele Dokumentationen gemacht, die Wucht der Natur in seinen Bildern steigert er bis zum tragischen Leerlauf des Genres.

© SZ vom 15.10.2020/khil

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