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Neue Filme in Kürze:Die Starts der Woche

Eine Romanfigur von Alfred Döblin, die sich in einen Flüchtling aus Guineau-Bissau verwandelt, eine Feier der Kneipenkultur auf engstem Raum und eine zweifache Nobelpreisträgerin - die aktuellen Filmstarts im Überblick.

Von den SZ-Kritikern

After Midnight

Nicolas Freund: Bier trinken, auf vorbeifahrende Autos und volle Weinflaschen schießen, mit der Flinte im Anschlag nachts das Haus gegen ein Monster verteidigen: Hank setzt ganz auf männliche Bewältigungsstrategien, als ihn seine Freundin Abby im sumpfigen Florida sitzen lässt. Hätte er sich womöglich doch etwas mehr um die Beziehung kümmern müssen? Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor Jeremy Gardner hat mit Christina Stella, die Abby spielt, ebenfalls Regie führte und sich um die Kamera kümmerte, eine Art Romantik-Horrorfilm gedreht. In langen Einstellungen diskutieren sie über Partnerschaft, Liebe und Freundschaft, zwischendurch geht es selbstironisch auf Monsterjagd und es gelingt am Ende tatsächlich, diese beiden Stränge zusammenzuführen.

Berlin Alexanderplatz

David Steinitz: Regisseur Burhan Qurbani verlegt die Handlung des Romanklassikers in die Gegenwart. Franz Biberkopf wird Francis, Flüchtling aus Guinea-Bissau, der vom Drogenhändler Reinhold auf die schiefe Bahn geführt wird. Ein elegant inszenierter Gangstertrip durch neonfarbene Großstadtnächte, der allerdings vermittelt: Sorry Francis, leider reichen deine Erlebnisse als Flüchtling nicht für einen Spielfilm, wir müssen dich jetzt noch durch über 500 Seiten Döblin schubsen (s. Feuilleton vom Mittwoch).

Into The Beat - Dein Herz tanzt

Philipp Bovermann: Eine strebsame Ballerina bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für eine Elitetanzschule in New York vor. Aber plötzlich breakdancen ein paar coole junge Street Dancer des Weges und zeigen ihr, was das Wichtigste im Leben ist: "seinen eigenen Style durchziehen". Schon hat die Ballerina keine Lust mehr auf Bravsein und Ballett. Der Tanzfilm von Stefan Westerwelle hat zwar nicht übermäßig viel eigenen Style zu bieten, aber die Straßentänzer sind niedlich, hopsen ständig herum, als hätten sie ein paar Glas Cola zu viel gehabt, bis man sich wohlig selbst so fühlt.

Die Kordillere der Träume

Fritz Göttler: Blicke auf Chile, von außen, aus der Fremde. Vor vierzig Jahren musste Patricio Guzmán sein Heimatland verlassen, in einer Unzahl von Filmen hat er die Geschichte seines Landes sichtbar gemacht, unter anderem in "Nostalgie des Lichts". Diesmal sind die Anden dran, die südamerikanischen Kordilleren. Die steinerne, unerschütterliche Instanz des Kontinents, sie beobachten uns, sagt Guzmán. Die Ruhe der Berge kontrastieren die Aufnahmen von innen, die der Filmemacher Pablo Salas über die Jahre auf den Straßen machte, er ist im Land geblieben, hat die Demonstrationen gefilmt, Polizisten und Soldaten. Die Risse im Gestein, die Risse in der Gesellschaft. Was man nicht sieht in Chile, sagt Guzmán, das existiert nicht.

Leif in Concert - Vol. 2

Anna Steinbauer: Bier trinken, über das Leben philosophieren - auf engstem Raum: Christian Klandt zeigt in seiner liebenswürdigen Hommage an die Kneipenkultur Szenen aus dem Nachtleben, wie wir sie wohl noch länger vermissen müssen. Das Lieblingslokal wird hier zum Sehnsuchtsort nach menschlichem Miteinander. Ein vergnüglicher "Film mit Freunden", so der Untertitel, und keine Fortsetzung.

Marie Curie - Elemente des Lebens

Juliane Liebert: Regisseurin Marjane Satrapi versucht, der zweifachen Nobelpreisträgerin gerecht zu werden. Rosamund Pike schlägt sich wacker als verstrahlte Superfrau. Leider verdichtet Satrapi ihre gewagteren Ideen nicht zum Gestaltungsprinzip. Die Lebensstationen werden durchgehechelt, zwischendurch schwebt mal ein Klumpen Pechblende episch durchs Bild. Dabei wäre von Marie Curie selbst zu lernen, dass die Kunst mit der Form beginnt.

Paw Patrol: Mighty Pups

Ana Maria Michel: Kinder kennen die Hunde Chase, Marshall und Co. als sprechende Retter aus der kanadischen Animationsserie. Auch bei Charles E. Bastien sind sie und ihr menschlicher Anführer Ryder stets zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. Nach einem Meteoriteneinschlag haben sie auch noch Superkräfte, um die Abenteuerbucht vor Bürgermeister Besserwisser zu retten. Selten hat man so häufig das Wort "super" gehört, Fans der Serie wird das aber nichts ausmachen.

Sibyl - Therapie zwecklos

Annett Scheffel: Die Französin Justine Triet hat eine Schwäche für einen bestimmten Typus von Frauencharakteren: stark, modern und kurz vorm Nervenzusammenbruch. Genüsslich inszeniert sie mit Virginie Efira das Gefühlschaos einer Psychotherapeutin, die sich auf der Suche nach Romanstoff viel zu weit in das Liebesleben einer labilen Jungschauspielerin hineinziehen lässt: Sie folgt ihr ans Filmset auf Stromboli, wo sie sich zwischen Fiktion, fremden Konflikten und eigenen Verletzungen vollends verirrt. Ein tragikomisches Psychogramm, das mit trockenem Humor zwischen den Meta-Ebenen springt.

Unhinged - Außer Kontrolle

Anke Sterneborg: Wohin der stetig steigende Druck im urbanen Dampfkessel führen kann, das hat der gerade verstorbene Joel Schumacher in "Falling Down" eindrucksvoll vorgeführt. Nun schickt Derrick Borte Russell Crowe in einen brachialen Amoklauf auf eine junge Mutter, ihre Familie und ihre Freunde, wobei sich der Terror auf perfide Weise erhöht, weil man heutzutage sehr schnell sehr viel über einen Fremden erfahren kann. Ein Mann sieht rot, die Finesse eines Oscar-Preisträgers ist da eher nicht gefragt, stattdessen nähert sich Russel Crowe in diesem hochgetunten B-Movie mit massiger, schwitzender Bedrohlichkeit an den späten Brando an.

Waves

Annett Scheffel: Dass Trey Edward Shults einst Praktikant bei Terrence Malick war, sieht man seinem neuen Film aufs Allerschönste an. In 135 epischen, umwerfend bildstarken Kinominuten erzählt er - die Innenwelt seiner Protagonisten immer fest im Blick - vom Zerbrechen und Heilen einer schwarzen Vorstadtfamilie. Alles fließt zur rauschhaften Filmmusik (von Trent Reznor und Atticus Ross) am Auge vorbei wie in einer Wellenbewegung: erst das sich aufbäumende Unglück um den zwischen Aggressivität und Erfolgsdruck gefangenen 16-jährigen Sohn, dann nach einem tragischen Ereignis der zaghafte Kampf seiner Schwester um eine neue Normalität.

Wim Wenders - Desperado

Benjamin Ansari: Ein Mann geht durch die Wüste. Es ist nicht Travis aus "Paris, Texas" von Wim Wenders. Es ist der Regisseur selbst. Er rekapituliert sein künstlerisches Schaffen - Eric Friedler und Andreas Frege (Campino!) begleiten ihn dabei, in ihrem Dokumentarfilm. Sie zeichnen das Porträt eines Getriebenen, Abenteurers, Punks, der Drehbücher am liebsten vom Set verbannen würde. So bekommen auch Uneingeweihte einen Zugang zu Wenders' Werk, wenngleich gilt: Kennerschaft potenziert Sehvergnügen.

Wir Eltern

Martina Knoben: Hilfe, die Kinder sind in der Pubertät! Von Schulstress, Stapeln von Pizzakartons und Schmutzwäsche, juveniler Lustlosig- und Motzigkeit erzählt das Schweizer Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert in seiner Familienkomödie. Eine Homestory: die beiden haben in den eigenen vier Wänden mit den eigenen drei Söhnen gedreht, eigene Erlebnisse sind selbstredend eingeflossen. Auch Papa Eric spielt sich selbst, nur die Mutter wurde mit der Schauspielerin Elisabeth Niederer besetzt. Der Witz ist fies, die Story geht immer wieder Richtung Groteske. In die - manchmal etwas holprig wirkenden - Spielfilmszenen sind Ratschläge echter Erziehungsexperten (darunter Remo Largo) montiert. In Bergkrauts Küche sitzend analysieren sie eine Gesellschaft, in der Kinder zu viel Macht haben und unter viel zu viel Druck stehen.

© SZ vom 16.07.2020

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