Neue Film in Kürze Kinostarts der Woche

Danny Boyle imaginiert eine Welt ohne die Beatles, der Film "Rebellinnen" träumt von einer Zukunft ohne gewalttätige Männer, und zwei amerikanischer Aussteiger träumen von der eigenen Farm. Die Filmwoche in Kurzrezensionen.

Von den SZ-Kritikern

Apokalypse Now - Final Cut

Philipp Stadelmaier: Der Vietnam-Krieg als Phantasmagorie, Spektakel und Reise ins Herz der Finsternis: Vierzig Jahre nach seiner Premiere kommt Francis Ford Coppolas Meisterwerk mit Martin Sheen und Marlon Brando erneut ins Kino. Die 2001 erschienene, längere "Redux"-Fassung wurde digital restauriert - und gekürzt. Eine "endgültige" Fassung? Die wahre Dauer und Form dieses ewigen Klassikers bleibt weiter verborgen. Der einzige Final Cut für dieses Werk ist die Apokalypse selbst.

Campus Galli - Das Mittelalter-Experiment

Anna Steinbauer: Im baden-württembergischen Meßkirch entsteht eine Klosterstadt mit Mitteln und Methoden des 9. Jahrhunderts nach Vorbild des St. Galler Klosterplans. Ohne moderne Technik und in Handarbeit leben und arbeiten hier ca. 40 Archäologen, Gärtner und Tischler seit 2013 an der Verwirklichung dieses aberwitzigen Retro-Traumes. Reinhard Kungel dokumentiert das Vorhaben, die älteste noch erhaltene Architekturzeichnung des Abendlandes in die Realität umzusetzen, bei dem nicht nur Mittelalter-Freaks auf den Geschmack des einfachen Lebens kommen.

Electric Girl

Fritz Göttler: Blaues Haar, gelbes Cape, das ist die Superheldin Kimiko. Die junge Mia darf sie synchronisieren, die ganze Anime-Staffel, und ist gleich mit gewaltigem Enthusiasmus bei der Sache. So gewaltig, dass sie sich selber in die Figur verwandelt, bereit, die Welt zu retten, zumindest Berlin, vor finsteren Phantomwesen.. Erste Beweise ihrer Superheldinnentüchtigkeit - einen Mann auf dem U-Bahnsteig vor dem Tod retten, oder sich mit den Polizisten anlegen, die sie mitnehmen wollen. Alles Wahn? Frust über die öde, kranke Wirklichkeit? Mias rastlosem Drive steht die Bremser-Melancholie des Wohnungsnachbarn Kristof entgegen. Victoria Schulz und Hans-Jochen Wagner sind ein schönes Paar mit unberechenbarer Chemie im Film von Ziska Riemann: Wenn wir alles richtig machen, wird niemand erfahren, wie nah der Untergang war.

Kidnapping Stella

Ana Maria Michel: Zwei Männer wollen das perfekte Ding drehen. Sie entführen eine junge Frau und verlangen Lösegeld von ihrem reichen Vater. Doch dann gibt es Probleme, denn Stella (Jella Haase) und einer der Entführer kennen sich. Das Remake von J. Blakesons Thriller "Spurlos - Die Entführung der Alice Creed" von 2009, der in Deutschland auch schon nicht ins Kino kam, wird jetzt als Netflix Original verkauft. Thomas Siebens Kammerspiel fehlt es nicht an Spannung, allerdings hängt die Motivation der Figuren etwas in der Luft (auf Netflix ab 12. Juli).

Kleiner Aladin und der Zauberteppich

Ana Maria Michel: Schon wieder Aladin? Erst vor kurzem hat Disney ein Remake seines Trickfilms von 1992 mit echten Schauspielern ins Kino gebracht. Die dänische Aladin-Variante von Karsten Kiilerich hat jedoch weder damit noch mit den "Märchen aus Tausendundeine Nacht" viel zu tun. Der charmante Animationsfilm basiert auf einem Kinderbuch von Ole Lund Kirkegaard und erzählt ohne viel Schnickschnack von einem Jungen aus einem Wüstendorf, der davon träumt, die Welt zu erkunden. Dank eines fliegenden Teppichs kann das Abenteuer beginnen.

Kursk

Nicolas Freund: Im August 2000 sank das russische Atom-U-Boot Kursk nach der Detonation eines Übungstorpedos mit mehr als 100 Besatzungsmitgliedern an Bord in der Barentssee. Es war eines der schwersten Unglücke in der Geschichte der russischen Marine - und hätte wahrscheinlich verhindert werden können, wenn die Nordseeflotte nicht seit Jahren kaputtgespart worden wäre. Auch die Seeleute, die die Explosion zunächst überlebt hatten, wären wahrscheinlich gerettet worden, wenn die russischen Admiräle die angebotene internationale Hilfe angenommen hätten. Basierend auf dem Buch des Journalisten Robert Moore hat Thomas Vinterberg einen fast dokumentarischen U-Boot-Thriller über die Katastrophe gedreht. Im Zentrum steht die Frage, die sich auch Peter Simonischek als alter Admiral stellt, der den Blick über die Reste seiner einst stolzen sowjetischen Flotte schweifen lässt: Wer genau ist hier eigentlich der Feind?

My Days of Mercy

Doris Kuhn: Mischung aus Coming-of-Age Film und einem Blick auf politischen Protest in den USA: Zwei Mädchen lernen sich vorm Gefängnis kennen, die eine demonstriert dort gegen die Todesstrafe, die andere dafür. Trotzdem verlieben sie sich ineinander. Erstaunlich hoffnungsvoll nimmt Tali Shalom-Ezer sich gleich zweier Themen an, die in Amerika kontrovers diskutiert werden - und zeigt zudem ein proletarisches Milieu, das man sonst kaum zu sehen bekommt.

Rebellinnen

Annett Scheffel: Gerade ist Sandra vor ihrem gewalttätigen Mann zurück ins Provinzkaff am Ärmelkanal geflohen - ein Ort voller Chauvis, Gauner, Abgehängter, so grotesk überzeichnet wie es französischen Komödien lieben - da macht schon der nächste Ärger. Als ihr Chef in der Fischfabrik sie vergewaltigen will, endet das für ihn versehentlich mit abgetrenntem Penis - und dem Tod. Zum Glück helfen zwei Kolleginnen mit der Leiche. Weil das Trio auch Geld stiehlt, entspinnt sich eine derbe Räuberpistole. Allan Mauduit bietet das wahlweise als Tarantino-sur-Mer und Sozial-Slapstick an. Sein Humor ist aber zu zottig, das Drehbuch zu ungelenk. Überzeugend dafür: die Komplizenschaft der Frauen.

Unsere große kleine Farm

Martin Knoben: Zwei Großstädter - er Tierfilmer, sie Foodbloggerin - gründen eine Öko-Farm, weil ihr Hund ständig bellt und sie deshalb aus ihrer Wohnung fliegen. Das klingt nach Firstworld-Problem und Wolkenkuckucksheim-Idee - und genauso, mit viel Witz und Selbstironie, erzählt John Chester in seiner Doku davon. Der Boden der Farm ist erst wie tot, Kojoten, Schnecken und Wühlmäuse werden zu Todfeinden - die Farm erscheint als Sisyphus-Projekt. Geduld und Hartnäckigkeit aber lassen den Traum von der Öko-Farm aber schließlich doch wahr werden. Eine uramerikanische Geschichte ist das, von Pionieren, der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit.

Yesterday

Tobias Kniebe: Ein unerklärliches Ereignis schreibt innerhalb von zwölf Sekunden die Weltgeschichte um - danach haben die Beatles (und ein paar andere sehr populäre Phänomene) nie existiert. Nur der erfolglose Musiker Jack (Himesh Patel), der in diesem Moment von einem Bus angefahren wird, erinnert sich an Songs wie "Yesterday" oder "Hey Jude". Um das große Erbe zu bewahren, gibt er sie als seine eigenen aus, und der echte Ed Sheeran hilft ihm dabei, die Welt damit im Sturm zu erobern. Aber kann ein Mann, der kein Genie ist, die Last solchen Ruhms schultern? Danny Boyle findet darauf, nach einem Drehbuch von Richard Curtis, sehr komische und auch herzergreifende Antworten.